Kameramann Haskell Wexler gestorben

28. Dezember 2015, 16:16
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Der doppelt Oscar-prämierte Kameramann und Regisseur wurde 93 Jahre alt

Santa Monica – Über das Jahr 1968 in Amerika gibt es eine ganze Reihe von exzellenten Filmen. Keiner trifft den historischen Moment des Aufbegehrens und der Zweifel wohl besser als "Medium Cool" (1969) von Haskell Wexler. Darin erzählt er die Geschichte eines Fernsehjournalisten, der aus dem Betrieb hinausfällt und gleichzeitig immer stärker konkrete Erfahrungen auf der Schattenseite der Gesellschaft macht.

Der Moment, in dem John Casellis (gespielt von dem später von Quentin Tarantino wiederentdeckten Robert Forster) die berühmteste Rede von Martin Luther King hört und daraufhin tief bewegt "I love to shoot film" vor sich hin murmelt, war vermutlich auch so etwas wie ein autobiografisches Bekenntnis von Haskell Wexler selbst. Zum ersten Mal stand er hier nicht nur hinter der Kamera, sondern führte selbst Regie. Gedreht wurde halbdokumentarisch, und als er einmal Gefahr lief, ins Tränengas zu geraten, rief jemand aus seinem Team aus dem Off: "Look out, Haskell, it's real." Die Szene kam in den Film, ein Schlüsselmoment für das Verhältnis von Realität und Fiktion.

Davor war Wexler auf dem besten Weg, eine erfolgreiche Hollywood-Karriere als Director of Photography zu machen. Er arbeitete für Elia Kazan ("America, America") oder Mike Nichols. Für "Who's Afraid of Virginia Woolf?" wurde er mit einem Oscar für die Beste Kamera ausgezeichnet. Seine Dankesrede war kurz und programmatisch: Ich hoffe, wir können unsere Kunst in den Dienst von Frieden und Liebe stellen.

Vietnamkriegs-Gegner

Da klang schon sein Engagement durch, das ihn zeit seines Lebens prägen sollte. In der Anti-Vietnam-Bewegung fand er seine politische Berufung. Zugleich ist "Medium Cool" eine formale Reflexion auf die Komplizenschaft verschiedener Medienformen (inspiriert nicht zuletzt von den damals stark im Umlauf befindlichen Theorien Marshall McLuhans) wie auch ein Versuch, eine unkompromittierte Beobachterposition zu finden. Diese wird durch das pessimistische Ende jedenfalls nicht vollständig in Zweifel gezogen.

Wexler, 1922 in Chicago in eine wohlhabende Unternehmerfamilie geboren, schaffte es nach 1968 einerseits als Visual Consultant bei "American Graffiti" von George Lucas beratend mitzumachen, andererseits mit Freunden wie Emile de Antonio oder Mary Lampson einen Meilenstein des radikalen amerikanischen Kinos zu setzen: "Underground" (1976) holte Mitglieder der Terroristenbewegung The Weathermen vor die Kamera. Schon 1974 war er mit Jane Fonda nach Nordvietnam gereist und hatte von dort den Film "Introducing the Enemy" mitgebracht, auch dies ein Beispiel für sein Bestreben, gegen die Mainstream-Medien andere Bilder zu finden.

In einem seiner letzten Tweets gab er bekannt, dass er eine Spende für Bernie Sanders gegeben hatte, den linken Demokraten, der Hillary Clinton die Kandidatur für die US-Präsidentschaft streitig macht. Politisch war Haskell Wexler bis zuletzt hellwach. Am Sonntag ist er im Alter von 93 Jahren in Santa Monica gestorben. (Bert Rebhandl, 29.12.2015)

  • Andere Bilder wollte Haskell Wexler zeitlebens finden.
    foto: robert newald

    Andere Bilder wollte Haskell Wexler zeitlebens finden.

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