Elvis Costello: Sein Papa war kein Rolling Stone, nur fast ein Beatle

28. Dezember 2015, 15:54
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Das brillante Musikbuch eines Popsängers, der noch niemals auf den Mund gefallen ist: Die Autobiografie "Unfaithful Music"

Wien – Unter den zahllosen Erben des Punk sah Elvis Costello 1977 wie der bizarre Underdog aus: das von niemandem erwünschte Kind. Als Songwriter war der Mann mit der Krankenkassenbrille ein Rätsel. In einer Liedstrophe brachte er mehr Endreime unter als jeder andere. In seinen Songtexten schien er sich über oberflächliche Mitmenschen zu mokieren. Declan Patrick MacManus, so Elvis' bürgerlicher Name, musste aus vielen verlorenen Schlachten auf dem Schulpausenhof als Mann mit dem schärfsten Mundwerk hervorgegangen sein.

Mit seinen Attractions spielte Costello die brillantesten Zweieinhalbminüter, die man in den späten 1970ern im britischen Königreich hören konnte. Die Orgel pfiff. Sie war fast ebenso verstimmt wie der bebrillte Spargeltarzan vorn an der Rampe. Die Refrains des irischstämmigen Mannes aus Liverpool erinnerten an die schärfsten Uptempo-Nummern der Soulfirma Stax. Als maturierender Kontinentaleuropäer musste man das Dictionary bemühen, um sich durch Songs wie Two Little Hitlers (auf Armed Forces, 1979) hindurchzukämpfen. Mehr Adjektive lagen keinem anderen auf der Zunge.

Die Zeiten haben sich nicht bloß deswegen geändert, weil Costello jetzt seine Autobiografie Unfaithful Music – Mein Leben veröffentlicht hat. Der Englischunterricht hat in fast allen Gegenden der Welt enorme Fortschritte gemacht. Vor allem ist Costello (61) zu einem quicklebendigen Teil des Weltkulturerbes geworden. Gibt es irgendwo in der zivilisierten Welt einen Grammy an Bob Dylan zu überreichen, einer vergessenen Country-Legende wie Charlie Rich zu huldigen oder für die Opfer von Sturm Katrina Geld zu sammeln – Costello ist als Ständchensänger bereits da und schlägt unüberhörbar scheppernd die Saiten an.

chicago humanities festival
Elvis Costello präsentiert seine Autobiographie beim Chicago Humanities Festival.

Nicht nur seines Äußeren wegen wird der Sohn eines Swing-Sängers manchmal mit Woody Allen verglichen. Sein Witz tendiert in eine ähnliche Richtung. Als Klein Declan einmal mit Mama und Papa in Frankreich den Urlaub verbrachte, nächtigte man in Limoges. Costello: "Der Name Limoges klang wie etwas, das deine Tante vielleicht zum Tee servieren würde oder wie eine Unpässlichkeit, für die man eine Salbe braucht."

Declans späteres Schicksal als Popstar wurde ihm nicht unbedingt an der Wiege gesungen. Das lag vor allem daran, dass Vater Ross als Sänger des Joe Loss Orchesters durch die Musikhallen des Vereinigten Königreichs zog und kaum Zeit fand, Declan höchstpersönlich in den Schlaf zu croonen. Dabei war Papas Karriere eher auf der unglamourösen Seite des Showbiz angesiedelt. Die Loss-Bigband spielte an Samstagnachmittagen Hausfrauen zum Schwof auf. Ross MacManus dürfte sich über manche Härten des Tourlebens mit dem erotischen Entgegenkommen seiner Zuhörerinnen hinweggetröstet haben.

Die Sache mit der Schere

Die Ehe mit Elvis-Mutter Lilian scheiterte. Den unbändigen Musikhunger stillte der Bub mit Acetatpressungen der neuesten Hitparadensongs. Der Vater brachte sie nach Hause, um im Auftrag dubioser Billigplattenfirmen The Beatles zu covern.

Nach zweimaligem Hören hat-te der Jazzkenner die Lennon- McCartney-Harmonien intus. Einmal – die Fab Four spielten zusammen mit Joe Loss vor der königlichen Familie im Fernsehen – brachte der rührige Papa seinem Knülch sogar ein Gruppenautogramm der Pilzköpfe mit. Den späteren Mister Costello interessierte herzlich wenig, ob Prinzesssin Margaret eine nette, aufgeschlossene Frau war. Das unendlich wertvolle Autogramm schnitt der Knabe hingegen aus Unbedarftheit in Streifen.

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Der junge Costello und seine Attractions beim Orgelkonzert 1978.

Im weiteren schien wenig auf eine große Popkarriere hinzudeuten. MacManus junior schrubbte in Jugendclubs die akustische Klampfe. Für Crosby, Stills and Nash will er sich in den frühen 1970ern begeistert haben. Den Ausschlag für die spätere New-Wave-Laufbahn gab schließlich die Freundschaft mit Nick Lowe, einem der Väter der sogenannten Pub-Rock-Bewegung. Zu dieser Zeit verdiente sich Declan alias Elvis sein Toastbrot als Computerfachmann in einer Firma für Lippenstifte. Der Rest ist Geschichte, auf beinahe 800 Seiten brillant erzählt. Wenn Bob Dylan heute Rat sucht, weiß er, wen er anzurufen hat. Es ist der Sänger mit den Polypen: ein Ire von der Merseyside, ein britischer Gentleman mit Namen Costello. (Ronald Pohl, 29.12.2015)

Elvis Costello, "Unfaithful Music. Mein Leben". Übersetzung aus dem Englischen von Henning Dedekind, Henriette Heise und Hubert Mania. 786 Seiten / € 30,90. Berlin-Verlag: Berlin 2015

  • Elvis Costello, der heute mit Ehefrau Diana Krall in den USA und in Kanada lebt, hat sich, aus einfachen Verhältnissen stammend, zum Enzyklopädisten der Popmusik gemausert (hier 2014).
    apa/kefalas

    Elvis Costello, der heute mit Ehefrau Diana Krall in den USA und in Kanada lebt, hat sich, aus einfachen Verhältnissen stammend, zum Enzyklopädisten der Popmusik gemausert (hier 2014).

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