Mariss Jansons: "Man darf dem Honig keinen Zucker beimischen"

Interview28. Dezember 2015, 11:05
7 Postings

Der lettische Dirigent leitet heuer zum dritten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Ein Gespräch über Nervosität als stressige Inspirationsquelle

STANDARD: Wie geht es Ihnen zum Jahreswechsel – können Sie am Abend vor dem Konzert entspannt feiern?

Jansons: Nein, ich denke dann an den nahenden Vormittag. Aber, wissen Sie, ich bin immer nervös, egal, was ich dirigiere.

STANDARD: Es ist Ihr drittes Neujahrskonzert, Sie könnten sich als Routinier fühlen?

Jansons: Oh nein, nein! Das kann man nie sagen! Dieses Konzert ist immer eine Freude und Ehre, aber es ist sehr speziell und mit Aufregung verbunden. Erfahrung hilft, hat aber mit Qualität nicht unbedingt etwas zu tun. Außerdem ist diese Musik sehr heikel. Machen Sie ein bisschen zu viel, sagen alle: ,Er hat einen schlechten Geschmack, er übertreibt!'. Wenn Sie zu wenig Ausdruck hineinlegen, ist es auch nicht gut. Man kann das nicht so spielen, als wäre es zum Tanzen gedacht. Tanzen ist das eine, Konzert ist etwas völlig anderes. Der Walzer Weaner Mad'ln von Ziehrer etwa: Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das überhaupt tanzen könnte.

STANDARD: Polkas und Märsche, sind die eher leicht zu dirigieren?

Jansons: Oh, nein! Es ist etwa bei Polkas sehr wichtig, das richtige Tempo zu bekommen. Ein bisschen langsamer – und etwas fehlt. Zu schnell? Es klingt zu hektisch. Besonders beim Ritenuto, dieser Zurücknahme des Tempos, gibt es auch schon Traditionen, die alles verzerren. Da muss man zu den Wurzeln zurückgehen, sonst kommen am Ende unmögliche Sachen heraus – wie zum Beispiel bei Tschaikowski. Wenn man bei ihm mit all diesen schönen Melodien übertreibt, wird es klebrig, wirkt es ohne Geschmack. Man darf dem Honig nicht auch noch Zucker beimischen!

STANDARD: Das Neujahrskonzert besteht aus zwei Teilen. Wie regeln Sie den Spannungsaufbau?

Jansons: Es muss sofort Spannung da sein! Ich versuche zu vermeiden, dass der erste Teil langweilig wirkt. Die Leute sind vielleicht noch ein bisschen in einer anderen Stimmung, so, als hätten sie noch zu wenig Kaffee getrunken ... Da muss man ein bisschen aufwecken. Die besten Werke kommen eher zum Ende hin, so geht es konstant hinauf und bindet Aufmerksamkeit.

STANDARD: Sie sprachen von Ihrer Nervosität: Vielleicht brauchen Sie diese, um Energie aufzubauen?

Jansons: Adrenalin? Ja. Aber es war immer so – mein ganzes Leben lang, und das war und ist sehr unangenehm. Ich dirigiere schon fast 50 Jahre! Können Sie sich das vorstellen? Jemand dirigiert schon so lange, und immer noch ist er vor der Probe und vor dem Konzert angespannt! Es gibt natürlich einen Vorteil dabei: Es erlaubt Ihnen keine Schlamperei, es verbietet Ihnen, nicht seriös vorbereitet zu sein. Das ist positiv.

Negativ ist, dass es Ihre Gesundheit in Anspruch nimmt, Kraft kostet. Der Stress ist sehr schlecht. Ich kenne andererseits nur wenige Kollegen, die nicht nervös sind, gewissermaßen eine Minute vor dem Konzert kommen und locker loslegen können.

STANDARD: Oft hat man aber das Gefühl, jene, denen es leichtfällt, nehmen es zu leicht und schaffen keine tiefe Interpretation.

Jansons: Wenn man glaubt, es sei leicht, passieren jedenfalls Fehler, und Sie können nicht in die Tiefe gehen. Bei Mozart und Haydn kann das leicht passieren.

STANDARD: Gibt es Kollegen, die Sie als Neujahrskonzert-Dirigenten gerne hören würden? Solche, die es schon gemacht haben, und solche, die noch nicht dran waren.

Jansons: Es ist nicht leicht zu beantworten, wer das gut könnte; oft passieren Überraschungen. Ich liebe die Arbeit von Georges Prêtre, ein interessanter Musiker. Beim Neujahrskonzert hab ich mich aber gefragt, ob das zu seinem Wesen passt, ob er das kann. Und dann war er voller Fantasie und hat das herrlich gemacht! Deswegen kann man das nicht so einfach prognostizieren, das Konzert ist sehr speziell. Man braucht auch Intuition, und wenn es läuft, darf man innerhalb eines bestimmten Rahmens auch improvisieren. An das Fernsehen darf man nicht denken, sonst wird es schwer. Man muss die Kameras vergessen.

STANDARD: Und nach dem Konzert endlich Urlaub?

Jansons: Nein, es gibt keine Pause, ich muss ein neues Programm für den 11. Jänner vorbereiten. Das ist bei mir immer so. Als ich zuletzt auf Urlaub war, hatte ich alle Werke des Neujahrskonzerts mit. Ich saß am Strand und studierte jeden Tag Partituren. Urlaub ist bei mir Partitur-Urlaub. (INTERVIEW: Ljubisa Tosic, 28.12.2015)

Mariss Jansons (72) in Riga geboren, war Chef des Osloer Philharmonie-Orchesters, später leitete er das Pittsburgh Symphony Orchestra. Lange Jahre war er parallel Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters. Mittlerweile leitet er nur noch den Bayerischen Klangkörper.

  • Schafft mit Orchestern einen Mix aus Energie, Präzision und tiefem Ausdruck: Mariss Jansons,  der auf gründliche Vorbereitung  Wert legt ("Urlaub ist bei mir  Partitur-Urlaub").
    epa

    Schafft mit Orchestern einen Mix aus Energie, Präzision und tiefem Ausdruck: Mariss Jansons, der auf gründliche Vorbereitung Wert legt ("Urlaub ist bei mir Partitur-Urlaub").

Share if you care.