USA: VW-Boss Müller will nicht auf die Knie fallen

28. Dezember 2015, 10:01
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Im Jänner trifft sich die Branche auf den Messen in den USA, die Nachwehen des VW-Skandals werden beherrschendes Thema sein

München/Wolfsburg – Neues Jahr, gleiches Spiel: Wenn sich im Jänner die Autobranche auf zwei wichtigen Messen in den USA trifft, dürfte es nur am Rande um neue Modelle oder Vernetzung gehen. "Das Thema VW wird im Vordergrund stehen", sagt Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Schließlich werde 2016 für den krisengeschüttelten Konzern das Jahr der Aufarbeitung.

Elf Millionen Fahrzeuge mit geschönten Dieselabgaswerten müssen die Niedersachsen weltweit in Ordnung bringen – und nebenbei das ramponierte Image wieder aufpolieren. Wie sie sich den Neustart vorstellen, wollen Vorstandschef Matthias Müller und VW-Markenchef Herbert Diess auf der Automesse in Detroit und der Technologiemesse in Las Vegas präzisieren. Die USA sind für VW dabei ohnehin ein schwieriges Pflaster.

VW kämpft in den USA um Kunden

Denn in den Vereinigten Staaten, dem zweitgrößten Pkw-Markt der Welt nach China, verkauft die Kernmarke Volkswagen relativ wenig Autos. Die Wolfsburger kämpfen seit langem damit, dass sie den Appetit der verwöhnten Kundschaft auf neue Modelle nicht schnell genug stillen können. "In den vergangenen Jahren hat die Marke Volkswagen in den USA meistens Verlust geschrieben", erläutert Frank Schwope von der NordLB. Ausgerechnet die amerikanischen Umweltbehörden enthüllten den Skandal um manipulierte Abgaswerte, den VW lange abgestritten hatte.

Betroffen sind vor allem Dieselfahrzeuge, die in den USA, anders als in Europa, nicht sonderlich beliebt sind. "Ein so schwerer Imageschaden lässt sich nicht schnell reparieren", gibt Schwope zu bedenken. In den USA wird der Skandal laut Autoexperte Pieper "sehr viel ernster genommen". Hinzu komme das schwer kalkulierbare Thema Schadenersatz. "Da wird die Aufarbeitung am schwierigsten werden." Mit Blick auf den ersten großen Auftritt von Konzernchef Müller in den USA Mitte Jänner ergänzt der Analyst: "Bei den Amerikanern muss es ein Tick mehr Schuldbewusstsein sein."

Müller hat für seine Termine auf der Branchenmesse in Detroit und danach in Washington eine Mischung aus gesenktem Kopf und erhobenem Haupt angekündigt. Auf die Knie fallen werde er nicht, sagte der Manager. "Ich werde mich natürlich noch einmal für die Dinge entschuldigen, aber ich werde auch optimistisch und selbstbewusst den Blick nach vorn richten." An der Dieseloffensive in den Vereinigten Staaten will Müller festhalten.

Kleiner Absatzrückgang erwartet

Mit Spannung erwarten Fachleute, wie sich der VW-Absatz in den nächsten zwei, drei Monaten entwickeln wird, besonders in den USA. Experten und Konzern rechnen nur mit einem kleinen Absatzrückgang infolge des Abgasskandals. Schwope von der NordLB geht davon aus, dass die weltweiten Verkaufszahlen des Zwölf-Marken-Konzerns 2015 auf 9,9 (VJ: 10,1) Millionen Fahrzeuge zurückgehen und 2016 auf diesem Wert wegen der Dieselaffäre verharren werden. Damit bliebe der DAX-Konzern auf Platz zwei hinter Toyota und zumindest in diesem Jahr vor GM. Wichtiger als Größe sei aber die Profitabilität. VW hat den Sparkurs bereits verschärft.

Vorstandschef Müller will zudem das – in der ganzen Branche beliebte – "Schielen auf Stückzahlen" in den Hintergrund drängen, wie er kürzlich in der "Wirtschaftswoche" bekräftigte. "Ob Nummer eins, zwei oder drei beim Volumen, das ist mir egal." Den Führungsanspruch des Konzerns werde er künftig anders definieren. Seine neue Strategie ist für Mitte 2016 angekündigt. Markenvorstand Diess will schon Anfang Jänner auf der Technologiemesse CES in Las Vegas präsentieren, wie sich der Hersteller das Autofahren der Zukunft vorstellt – elektrisch statt mit dem in Verruf geratenen Dieselmotor. In der Branche erhofft man sich von diesem Auftritt auch Konzepte für neue Mobilitätsangebote, die ebenfalls zum "neuen Volkswagen" gehören sollen. Der Werbeslogan "VW. Das Auto", mit dem der Autobauer selbst in den USA auf deutsch Reklame machte, ist bereits passé.

Schwieriges Pflaster

Das US-Geschäft dürfte für VW schwierig bleiben – Experten erwarten für den Markt nach Jahren des Wachstums für 2016 Stagnation. Mussten in der tiefen Krise noch die amerikanischen Branchenschwergewichte GM und Chrysler vom Staat vor dem Ruin gerettet werden, könnte der wieder erstarkte US-Markt 2015 den Rekord aus dem Jahr 2000 knacken: 17,35 Millionen Fahrzeuge wurden damals verkauft. "Der Ersatzbedarf ist längst gedeckt", sagt Experte Pieper. Die Zinswende, die die US-Notenbank Mitte Dezember einläutete, könnte ebenfalls bremsen. "Die Autokäufer sind zinsempfindlicher als hier." (APA, 28.12.2015)

  • Konzernchef Müller will mit einer Mischung aus gesenktem Kopf und erhobenem Haupt in die USA reisen.
    foto: apa/tobias schwarz

    Konzernchef Müller will mit einer Mischung aus gesenktem Kopf und erhobenem Haupt in die USA reisen.

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