Wir können mehr tun gegen Arbeitslosigkeit

Kommentar der anderen27. Dezember 2015, 17:00
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Für Österreichs Politik gibt es kein dringenderes Thema als die steigende Arbeitslosigkeit. Um sie zu bekämpfen, braucht man neue Zugänge zur Bildung, bessere Rahmenbedingungen für Wachstum und einen raschen Zugang zum Arbeitsmarkt für Flüchtlinge

Viele Themen werden uns kommendes Jahr in Österreich beschäftigen, aber keines hat so tiefgreifende menschliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Implikationen wie die weiter steigende Arbeitslosigkeit.

Ist sie dauerhaft, sagte der ehemalige BASF-Forschungsvorstand Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger, kann Arbeitslosigkeit zu einer "Immunschwäche der Gesellschaft" werden. Welche Formen diese Immunschwäche annehmen kann, wissen wir aus leidvoller historischer Erfahrung. Auch heute erleben wir, dass Enttäuschung und Perspekti-venlosigkeit – insbesondere bei jungen Menschen – zu gefährlicher Radikalisierung führen kann.

Und selbst wenn es nicht zum Äußersten kommt: Eine Gesellschaft, die von Arbeitslosigkeit geprägt ist, verarmt; nicht nur wirtschaftlich, sondern sozial und menschlich. Aktuell sind 430.000 Menschen beim AMS arbeitslos gemeldet. Für 2016 erwarten Experten einen weiteren Anstieg.

Was kann nun getan werden, um wieder mehr Menschen zu Arbeit zu verhelfen? Ganz zuvorderst eines: Bildung. Ich meine tatsächlich Bildung und nicht nur Ausbildung, denn was not- tut, ist nicht bloß spezialisiertes Fachwissen, sondern klassische Bildung: die Fähigkeit, sich auszudrücken, zu lesen, zu verstehen, Zusammenhänge zu durchschauen, neugierig zu sein, offen, kreativ und interessiert an der Welt.

Bildung versus mangelnde Bildung

AMS-Vorstand Johannes Kopf hat jüngst in einem Standard-Interview die Folgen von Bildung versus mangelnde Bildung eindrücklich geschildert: Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Studium, Matura und Lehre, berichtete Kopf, sei seit Jahrzehnten stabil. Jene von Menschen aber, die lediglich Pflichtschulabschluss hätten, steige rasant. 1990 waren neun Prozent mit diesem Bildungsniveau arbeitslos, heute sind es 24 Prozent. Unsere Welt hat sich verändert und verändert sich rasant weiter, denken wir nur an Automatisierung, Digitalisierung, Crowd- und Clickworking. Entsprechend verändert haben sich die Anforderungen an die Mitarbeiter. Viel zu wenig verändert aber hat sich unser Ausbildungssystem.

Zwei Großmaßnahmen schlägt Kopf vor, und ich schließe mich ihm vollinhaltlich an: eine massive Aufwertung des Kindergartens, um den Menschen – insbesondere den sozial benachteiligten – die bestmöglichen Bedingungen zum Start ins Leben zu ermöglichen. Und: eine Bildungspflicht bis 18, damit Jugendliche nicht gezwungen sind, halbvorbereitet ins Erwachsenenleben einzusteigen.

Hoffnung macht, dass neben den Arbeitslosen- zuletzt auch die Beschäftigtenzahlen gestiegen sind, und ebenso die Zahl an offenen Stellen. Das heißt nichts anderes, als dass es Jobs gäbe, aber die Arbeitgeber nicht die adäquat ausgebildeten Leute dafür finden.

Hoffentlich erkennt die Politik endlich, dass die Ursachen von Wirtschaftsflaute und steigender Arbeitslosigkeit zu einem großen Teil hausgemacht sind. Die Folgen sind unübersehbar: Österreich hat

  • mit 44 Prozent des BIP die sechsthöchste Steuer- und Abgabenquote in der EU;
  • mit 21 Prozent den höchsten Zuwachs der Arbeitskosten (inkl. Abgaben) der gewerblichen Wirtschaft seit 2008 im Euroraum;
  • mit 1,4 Prozent laut OECD das drittniedrigste langfristige Wachstumspotenzial der Welt.
  • Und: Österreich erlebt seit 2013 den zweithöchsten Anstieg der Arbeitslosenquote in der EU.

Dazu kommt mit der Flüchtlingsthematik eine weitere große Herausforderung: Zehntausende vorwiegend junge Männer werden in den kommenden Jahren Arbeit suchen. Wir können in dieser Situation entweder doppelt gewinnen oder doppelt verlieren: Gelingt es, diese Menschen in den Arbeitsprozess zu integrieren, profitieren der Staat, die Gesellschaft und die Flüchtlinge. Gelingt es nicht, werden alle Schaden nehmen. Was also ist nötig?

Je schneller ein Asylwerber einen Job bekommt, desto schneller wird er sich in der Gesellschaft integrieren und etwas zum Wohl der Gesellschaft beitragen. Spätestens sechs Monate nach Antragseinbringung sollte er Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. Derzeit dürfen nur jene eine Lehre beginnen, deren Asylverfahren positiv abgeschlossen wurde. Damit geht den Flüchtlingen und der Gesellschaft wertvolle Integrationszeit verloren.

Modelle in Deutschland

Wir Unternehmer haben einen Teil der Verantwortung zu übernehmen. In Deutschland, wo Asylwerber bereits drei Monate nach Einbringung des Asylantrags arbeiten dürfen, arbeiten Leitbetriebe eng mit der Bundesagentur für Arbeit bei der Arbeitsmarktintegration zusammen. Siemens wird demnächst einhundert Asylwerber als Zwischenlösung vor einer offiziellen Beschäftigung Praktika anbieten. Zudem werden Förderklassen eingerichtet. BMW startet mit vierzig Teilnehmern ein Praxistraining, das die Chance auf ein mindestlohnpflichtiges Praktikum eröffnet. Daimler beginnt ebenfalls eine Praktikumsreihe mit dem Ziel, mehrere Hundert anerkannte Flüchtlinge aufzunehmen. Andere große Unternehmen haben ähnliche Projekte in Vorbereitung, etwa die Deutsche Bahn und die Deutsche Telekom.

Derartige Modelle wären auch in Österreich sinnvoll. Unternehmen, die dazu bereit wären, gibt es. Allein: Es fehlt die gesetzliche Erlaubnis. Nur für sogenannte Mangellehrberufe gilt eine Ausnahme. Diese enge Einschränkung sollte dringend überdacht werden.

"Jede Situation", sagte vor beinahe 500 Jahren der deutsche Geistliche Johann Mutius, "ist zu ertragen, auf die wir handelnd reagieren können." Politik und Wirtschaft können handelnd reagieren. Tun wir's! (Sigi Menz, 28.12.2015)

Sigi Menz ist Chef des Familienkonzerns Ottakringer, Obmann des Österreichischen Brauereiverbandes und Spartenobmann Industrie in der WKO.

  • Ein Flüchtling baut in der Ausbildungswerkstatt Arrivo in Berlin einen Hocker. Deutsche Konzerne fördern solche Modelle.
    foto: imago/markus heine

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  • Ottakringer-Chef Sigi Menz fordert:  "Tun wir's."
    foto: erich reismann

    Ottakringer-Chef Sigi Menz fordert: "Tun wir's."

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