"Fingerabdrücke lügen nicht"

26. Dezember 2015, 09:00
136 Postings

Wie fair laufen Asylansuchen ab? Ein Gespräch mit Polizeibeamten, die Flüchtlinge einvernehmen und ihre Identität und Lebensgeschichten prüfen

Graz – Das Büro ähnelt diesen Kommissariaten, wie sie Filmausstatter gerne für TV-Krimis arrangieren: angeräumte Schreibtische, eine Menge Zettel an der Pinnwand, ein grauer Metallspind in der Ecke, herumstehende Kaffeebecher. Es ist augenscheinlich: Hier sind Ermittler am Werk, gestresst und wachgehalten von Instantkaffees, die sie sich vom Automaten am Gang holen müssen.

Was die Szenerie einigermaßen ungewöhnlich macht, ist dieses weiße Sofa in der Ecke. "Das haben wir uns privat gekauft", sagt Chefinspektor Michael Kosmus. "Wir haben es dringend gebraucht. Für die Kinder. Dort können sie schlafen und herumknotzen, während wir mit den Eltern die Interviews führen. Es ist ja ein bissel mühsam, wenn sie dauernd um die Schreibtische herumwuseln", sagt Kosmus.

Michael Kosmus leitet in Graz die Dienststelle Ausgleichsmaßnahmen Schengen (AGM) der Polizeiinspektion Paulustor am Rande des Stadtparks. Die AGM-Abteilung ermittelt im Grenzbereich bei Verdacht auf Menschenhandel, Prostitution oder Suchtgifthandel. Kosmus ist mit seinen Kollegen aber auch für die Asyl-Ersteinvernahmen zuständig.

"Durchgearbeitet"

Kosmus' Stellvertreter Thomas Huber ist heute etwas wortkarg. "Er hat die Nacht durchgearbeitet", entschuldigt der Dienststellenleiter. Momentan sei eben alles anders. Die Zahl der Asylansuchen habe sich potenziert. Und seine Abteilung sei die erste, wichtige Kontaktstelle für Asylsuchende. Hier wird deren Geschichte protokolliert, hier werden die entscheidenden Infos dafür gesammelt, ob sie Chancen haben, im Land bleiben zu können oder nicht.

"Im Schnitt", sagt Kosmus, "brauchen wir an die fünf Stunden pro Asylwerber. Alles eingerechnet – vom Organisieren des Dolmetschers bis zur Befragung und der erkennungsdienstlichen Behandlung, Fingerabdrücke plus Foto und so weiter." Der Akt wandert dann ins ebenfalls im Paulustor-Areal untergebrachte Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA). Dort fängt das eigentliche Asylverfahren an. Die Erstbefragung aber ist entscheidend. Was hier über die Asylsuchenden notiert wird, ist relevant.

Thomas Huber: "Wir erfragen die Geschichte der Person, woher er oder sie kommt, warum er geflüchtet ist, wir rekonstruieren den Fluchtweg und eruieren die Beweggründe. Natürlich muss das auch plausibel sein. Wir versuchen die richtige, die wahre Geschichte herauszubekommen. Wie nehmen nicht jede Fantasiegeschichte bedingungslos hin."

Ohne Dokumente

Michael Kosmus ist Realist: "Wir können hier vor Ort natürlich nicht immer die Identität zu hundert Prozent abklären. Das ist einfach nicht möglich, weil etliche Menschen ohne Dokumente kommen. Wir müssen uns einmal grundsätzlich darauf verlassen, was er oder sie angibt. Wir versuchen natürlich, über die europäische Datenbank noch mehr über die Identität herauszufinden. Wir können einiges über die Fingerabdrücke abklären. Die Fingerabdrücke lügen nicht, aber letztlich müssen wir uns darauf verlassen, was uns der Flüchtling erzählt."

Das abzuklären, ob auch alle Angaben stimmen, sei dann letztlich aber Aufgabe der Beamten des Bundesamts für Asyl. Kosmus: "Wir liefern die Fakten, und die Behörde entscheidet." Die Recherchen für die Entscheidung seien natürlich schwierig, sagt Huber. "Versuchen sie einmal in einem Meldeamt im Irak oder Syrien anzurufen und zu fragen, gibt's den Herrn oder die Frau XY dort? Das wird nicht funktionieren. Es ist vieles schwer nachweisbar."

In der Erstbeurteilung werde jedenfalls nicht zwischen "Wirtschaftsflüchtling" oder "Kriegsflüchtling" unterschieden, sagt Kosmus. "Ich halte von der Unterscheidung Wirtschaftsflüchtling oder Kriegsflüchtling ohnehin nichts, denn wenn jemand nichts zum Beißen und Trinken hat im eigenen Land und seine Familie nicht versorgen kann, dann ist das für mich genauso ein Asylgrund, wie wenn jemand vor religiöser oder ethnischer Verfolgung flieht. Ich sag so: Wenn es mir in Österreich so schlecht ginge, dass ich meine Kinder und Enkelkinder nicht ernähren könnte, wenn ich zuschauen muss, wie die verhungern, dann mache ich mich auch auf den Weg."

Polizisten brauchen Beratung.

Kosmus möchte die Scheinwerfer auch einmal auf die Asyl- Polizisten gerichtet sehen.

"Man darf nicht vergessen, dass die Geschichten, die die Beamten tagtäglich hören, natürlich auch auf die Beamten einwirken. Wenn sie täglich hören, dass der Vater erschossen wurde, der Bruder tot ist und die Schwester vergewaltigt wurde, das Kind womöglich umgebracht worden ist, dann hinterlassen all diese Schicksalsgeschichten natürlich auch bei den Beamten ihre Spuren."

Thomas Huber fügt hinzu: "Entweder man nimmt psychologische Beratung und Betreuung in Anspruch, oder man wird zynisch. Es ist wie bei Chirurgen und Ärzten im Spital oder Krankenschwestern im Kinderhospiz. Ich kann das Schreckliche nicht so an mich herankommen lassen, sonst könnte ich meinen Job nicht machen." – "Wir müssen manchmal Beamte ein, zwei Tage aus der Situation herausnehmen", sagt Kosmos.

Direkt im Eingangsbereich der Asyldienststelle hängt ein Plakat mit einem Schriftzug, auf den Kosmus noch "unbedingt" hinweisen möchte: "All human beings are born free and equal in dignity and rights." Es ist die Erklärung der Menschenrechte. "Die Richtlinie für unser Handeln. Wirklich", sagt Kosmus. (Walter Müller, 26.12.2015)

  • Die Einvernahmen der Asylsuchenden werden hier im Polizeibüro abgewickelt. Bei mehrköpfigen Flüchtlingsfamilien "wird's einigermaßen eng", sagt Dienststellenleiter Michael Kosmus (links). Mit am Tisch: Stellvertreter Thomas Huber (Mitte) und Polizeisprecher Fritz Grundnig.
    foto: mue

    Die Einvernahmen der Asylsuchenden werden hier im Polizeibüro abgewickelt. Bei mehrköpfigen Flüchtlingsfamilien "wird's einigermaßen eng", sagt Dienststellenleiter Michael Kosmus (links). Mit am Tisch: Stellvertreter Thomas Huber (Mitte) und Polizeisprecher Fritz Grundnig.

  • Die Erklärung der Menschenrechte dient als Eingangsschild. zur Polizei-Dienststelle.
    foto: mue

    Die Erklärung der Menschenrechte dient als Eingangsschild. zur Polizei-Dienststelle.

Share if you care.