"Fatima": Eines Traumfressers Glück und Ende

23. Dezember 2015, 17:40
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Uraufführung von Johanna Doderers Werk an der Staatsoper

Wien – Einen übleren Ausbeuter und Diktator wird man so schnell nicht finden. Gut, es gibt Wagners Klingsor und Freude, doch keiner ist ein solch skrupelloser Traumdieb, ja Traumfresser wie dieser Schlossherr. Auch die Behandlung seiner Angestellten ist weit davon entfernt, mit dem Begriff Mobbing treffend umschrieben zu werden. Da will jedenfalls Hassan (glänzend Carlos Osuna) die Not seiner Familie lindern, indem er beim Schlossmonster anheuert.

Dieses verspricht ein Goldstück pro Woche zu zahlen – mit einer Bedingung allerdings: Hassan darf sich nie ärgern. Tut er dies, gibt es nicht nur keinen Lohn, auch seine Träume werden ihm genommen. Das mit dem Nichtärgern erweist sich dann als nicht ganz leichtes – um nicht zu sagen: unmögliches – Unterfangen. Auch wenn der Junge tapfer gegen Demütigungen und Martern aller Art kämpft, es kommt der Point of no Return, es kommt zur Explosion. Hassan geht brotlos zurück zu Mutter und Schwester.

Fatima, die Oper der österreichischen Komponistin Johanna Doderer, die nach einer Vorlage des syrisch-deutschen Schriftstellers Rafik Schami entstand, handelt dann aber doch vor allem vom Mädchen, das sich traut. Fatima heuert ebenfalls beim Schlossherrn an, doch geht sie forscher zur Sache.

Effektvolle Sounds

Sie piesackt den Traum-Gourmand, bringt ihn in Rage, bis er seinerseits ärgerlich wird und all seine Macht einbüßt. Na also: Befreit sind alle Kinderträume, es endet das Auftragswerk der Wiener Staatsoper fröhlich als Ermunterung zur Aufmüpfigkeit und resoluten Veränderung beengender ökonomischer Umstände.

Doderer hat für das Große Haus farbenreich und tonal komponiert. Aus den bunt schillernden Orchesterstrukturen spricht sicherstes Handwerk, in den Arien tauchen zugängliche Melodien auf. Alles stimmig und gut gemacht, und es bindet die Aufmerksamkeit der Kinder doch im Großen und Ganzen gut.

Hilfreich die Regie: Auf der großen Bühne begeistern Kuh und Pferd auf Rädern. Die Inszenierung von Henry Mason lässt aber auch den Schlossherrn, der gerne liegt, wenn er nicht gerade Träume frisst, schön monströs und gemein geraten. Sorin Coliban ist der ideale Gruselmann und Widerpart des Kinderchors der Staatsoper und von Andrea Carroll. Als Fatima ist sie eine quirlige Dame, resolut und glanzvoll auch vokal.

Dirigent Benjamin Bayl sorgt für einen farbenreichen Sound und animiert das Orchester zu elastischer, präziser Arbeit. Ziemlich viel Applaus. (Ljubisa Tosic, 24.12.2015)

27. 12., 2., 3. und 6. 1. 2016, 11.00

  • Fatima (A.Carroll) siegt über einen üblen Kerl (Sorin Coliban).
    foto: apa

    Fatima (A.Carroll) siegt über einen üblen Kerl (Sorin Coliban).

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