Bildungsgut Religion

Kolumne23. Dezember 2015, 17:20
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Wir laufen allmählich Gefahr, uns und die nächste Generation um einen kostbaren Schatz ärmer zu machen

Kommt Weihnachten von Wein, fragte vor kurzem eine junge Zuwanderin. Sie hatte die vielen Punschhütten in der Stadt gesehen und den Eindruck gewonnen, das wichtigste Fest des Jahres hierzulande bestehe darin, sich volllaufen zu lassen und Geld auszugeben. Woher sollte sie es besser wissen? Von Religion redet man heute nicht so gern, weder in der Schule noch in der Öffentlichkeit – teils weil dem Thema etwa Peinliches anhaftet, teils aus Rücksicht auf Andersgläubige, teils aus Misstrauen gegen religiöse Fundamentalisten aller Art.

Christliche, jüdische und islamische Fundamentalisten sind wirklich lästig, nervig und potenziell mörderisch. Aber wir laufen allmählich Gefahr, uns und die nächste Generation um einen kostbaren Schatz ärmer zu machen, der unter anderem auch ein Bildungsgut ist. Persönliche Frömmigkeit ist das eine. Religiöses Grundwissen das andere. Ohne dieses ist man in jedem Museum verloren. Jahrhundertelang hat die bildende Kunst in Europa vor allem zwei Themen gehabt: Motive aus der Bibel und aus der griechischen Mythologie. Weder das eine noch das andere muss man "glauben", aber wer die biblischen und auch die homerischen Geschichten nicht kennt, steht verständnislos vor den Meisterwerken, fremd in der eigenen Kultur.

Und was ist mit dem Islam und seinem kulturellen Erbe? In die notwendige Debatte um die Wiener islamischen Kindergärten hat sich zeitweise ein leicht hysterischer Ton gemischt. Natürlich sollen sich die Behörden die Betreiber dieser Einrichtungen genau anschauen. Aber Aufregung, weil ein Bub einen anderen mit Salam begrüßt? Salam heißt Frieden und entspricht in der Umgangssprache in etwa unserem Servus. Kinder, die Koransuren auswendig lernen müssen? Die erste Sure, eine Anrufung Gottes, die am Anfang des Tagwerkes gesprochen wird, ist kürzer als das Vaterunser. Entspannt euch, möchte man den allzu Aufgeregten zurufen.

Religion ist zumutbar, und die Beschäftigung mit ihr ist auch nicht peinlich. In einer multireligiösen Gesellschaft muss man nicht aus lauter Angst, irgendwo anzuecken, mit aller Kraft den kleinsten (und banalsten) gemeinsamen Nenner suchen und, wie in manchen Schulen üblich, bei der Weihnachtsfeier nur Schneeflöckchen, Weißröckchen singen. Die Muslima, die Weihnachten von Wein ableitete, war durchaus zufrieden, als sie die Weihnachtsgeschichte erzählt bekam, samt Christkind, Ochs, Esel und Engelchor. Umgekehrt sollte die Mehrheitsgesellschaft aber auch über Ramadan und Opferfest einigermaßen Bescheid wissen, über Pessach und, von der jüdischen Community erst vor kurzem gefeiert, Chanukka. Das gehört heute einfach zur Allgemeinbildung.

Religiöse Feste unterbrechen den Alltag und erinnern daran, dass es im Leben nicht ausschließlich ums Geldverdienen geht. Das ist etwas, das alle Religionen gemeinsam haben. In einem Land, in dem es ein paar Tausend Juden und ein paar Hunderttausend Muslime gibt, ist es auch ein Gebot der Höflichkeit, dass man sich in den Festkalendern einigermaßen auskennt. Damit man einander wenigstens schöne Feiertage wünschen kann.(Barbara Coudenhove-Kalergi, 23.12.2015)

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