Flüchtlingsthematik: "Leute, steht ein bisserl drüber!"

25. Dezember 2015, 09:00
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Eine sechsköpfige Familie aus Syrien fand Herberge beim steirischen Bischof Wilhelm Krautwaschl

Graz – Bei Kaffee sprach man mit Wilhelm Krautwaschl, seit Juni steirischer Diözesanbischof, und der syrischen Familie A. über Kardamom, Mülltrennung, die Stimmung in der Bevölkerung, die Angst, abgeschoben zu werden, und James Bond.

STANDARD: Wie gefällt es Ihnen als Familie hier auf dem Bischofplatz?

Eman A.: Wir sind sehr glücklich und zufrieden und fühlen uns sehr sicher. Wir haben sehr großes Vertrauen in den Herrn Bischof und auch in den Herrn Spiegel.

Krautwaschl: Das ist der Rolf Spiegel von der Personalabteilung und unser Hausverwalter.

STANDARD: Und wie geht es Ihnen mit den neuen Nachbarn?

Krautwaschl: Sie sind eine Familie, ich bin der Bischof, und ich bin nie da. (lacht.) Aber letzte Woche ist Frau A. mir entgegengekommen, dann hab ich zum ersten Mal im Leben syrischen Kaffee getrunken.

STANDARD: Ging er aufs Herz?

Krautwaschl: Nein! Aber ich habe nicht gewusst, was ich mit dem Kardamom machen soll, der da drinnen schwimmt. Spuckt man das aus oder trinkt man das mit?

Eman: (lacht) Das trinkt man.

Krautwaschl: Ah, gut! So was nennt man Inkulturation. Wenn wir uns begegnen, ist das relativ unkompliziert. Aber es ist wirklich selten, weil ich so viel unterwegs bin.

STANDARD: Die Frau Ihres ältesten Sohnes, der in Wien lebt und einen positiven Asylbescheid hat, ist noch mit ihrem Baby in einem Flüchtlingslager in Jordanien ...

Eman: Ja, wir warten noch immer.

STANDARD: Waled, Sie sind 18 und gehen nicht in die Schule wie ihre jüngeren Geschwister.

Waled A.: Ich würde gern zur Schule gehen, aber das geht nicht. Ich mache einen Deutschkurs beim Verein Isop und gehe mit Herrn Spiegel jeden Dienstag und Samstag zu einem Fußballverein. Fußball ist mein Leben.

STANDARD: Haben Sie schon Spiele der Bundesliga angeschaut – von Sturm zum Beispiel?

Waled: Ich habe die Kollegen beim Fußball schon ein bisschen über die Bundesliga reden gehört, aber ich war selbst noch bei keinem Spiel mit.

STANDARD: Herr Bischof, Sie haben in den letzten Monaten alle Landtagsparteien getroffen.

Krautwaschl: Die ÖVP fehlt noch.

STANDARD: Wie war das bis jetzt?

Krautwaschl: Die Überraschung schlechthin ist, wie wichtig diese Gespräche sind. Das ist erstmalig in dieser Form. Ich glaube, gerade auf dem Weg zu unserem Diözesanjubiläum 2018, wo wir als Kirche in der Gesellschaft wieder unsere unaufgebbare Rolle deutlich machen wollen, ist das eine wichtige Geschichte.

foto: j.j.kucek
Krautwaschl: "Wir werden nicht müde, so zu argumentieren, wie es das Evangelium auch vorgibt."

STANDARD: Haben Sie das Gefühl, in der Politik Gehör zu finden?

Krautwaschl: Es ist wichtig, dass wir immer klarmachen, wer wir sind. Das heißt nicht, dass wir nicht andere respektieren. Ich glaube schon, dass wir als Kirche gehört werden. Wir werden nicht müde, so zu argumentieren, wie es das Evangelium auch vorgibt.

STANDARD: Der Papst hat das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Das passt gut zur Flüchtlingskrise. Wie geht es Ihnen mit der FPÖ, die gegenteilig zu Ihnen argumentiert? Haben Sie darüber geredet?

Krautwaschl: Wir haben ausgemacht, dass wir inhaltlich von den Gesprächen nichts weitergeben. Die Themen wurden vorher gegenseitig vereinbart. Also da können's dreimal wetten, worüber wir geredet haben.

STANDARD: Was hat Sie in den letzten Monaten überrascht

Krautwaschl: Positiv, wie viele Menschen helfen. Genauso überrascht hat mich, wie groß mitunter das Unverständnis ist. Da fällt mir meine gestrige Straßenbahnfahrt ein: wie unflätig über Flüchtlinge geredet wird. Das stimmt mich sehr ernst. Was ist da los?

STANDARD: Haben Sie sich eingemischt?

Krautwaschl: Beim Aussteigen habe ich gesagt, man könne auch anders reden. Mir fällt die Sorge auf, die Menschen haben, die glauben, man nimmt ihnen etwas weg, wenn man anderen hilft. Zumindest die zwei Damen aus der Straßenbahn haben die Sorge. Da ist mir das Beispiel vom barmherzigen Vater eingefallen, wo der ältere Sohn immer zu Hause war und alles gehabt hat und sich aufregt, weil da einer dazukommt. Diese Spannung gilt es zu leben, aber auch deutlich zu machen: Schau auf das, was du hast. Du hast Frieden seit 70 Jahren, den haben die nicht. Die Worte aus der Straßenbahn schildere ich lieber nicht. Das war schon sehr herausfordernd.

STANDARD: Sie sind in sozialen Medien unterwegs. Fluch oder Segen?

Krautwaschl: In den virtuellen Räumen können die Leute anonym bleiben, und das ist auch der Fluch dahinter. Weil da Dinge herauskommen, die sonst alles andere als üblich sind. Da schwappt andererseits was über aus der Gesellschaft, das auch da ist. Ob das gescheit ist, und wie wir damit umgehen, ist eine andere Frage. In der Beichtvorbereitung hat uns der Regens gesagt: "Bitte verurteilt mir niemanden. Ihr wisst nicht, was in eurem Lebensbrunnen ganz tief unten ist, was unter Umständen auch einmal hochschwappt." Die Ehrfurcht vor dem Letzten jedes Menschen kann mir niemand nehmen. Aber manchmal wird mir schon anders – wie da gesprochen wird. Auch bei mir kann einmal ein Wutausbruch stattfinden, aber dass das zum Teil tatsächlich schon die gängige Art und Weise ist, miteinander oder über einander zu reden wird, darüber mache ich mir schon Sorgen.

STANDARD: Haben Sie Strategien?

Krautwaschl: Ich rate jedem: Lasst euch ein auf die Menschen. Je persönlicher das wird, desto einfacher. Die Ablehnung ist dort am größten, wo ich mich nicht eingelassen habe. Und: Nutzen wir tatsächlich unsere Identität, um den Lebens- und Sprachraum zwischen allen zu eröffnen. Ausgrenzen ist nicht das Evangelium. Meine dritte Botschaft wäre: Leute, steht ein bisserl drüber! Ich habe in einer Krisenschulung gelernt: Ja nicht unruhig werden! Es geht darum, Überblick zu bewahren.

STANDARD: Empfehlen Sie Politikern, mehr Ruhe zu bewahren?

Krautwaschl: Ich kann nur hoffen, dass ich selbst Ruhe bewahre, und das jedem wünschen. Auch wenn mir manchmal die Zunge heraushängt. Letztlich stehe ich ein für Gott, der mir Sicherheit gibt. Aber ich muss schon sagen: die Angela Merkel in ihrer letzten Rede (am 14. 12. Am CDU-Parteitag, Anm.) alle Achtung!

STANDARD: Wie nehmen Sie als Familie das wahr?

Eman: Die Leute auf der Straße sind sehr, sehr freundlich zu uns.

Jamal A.: Wir hatten nie das Gefühl, dass hier jemand gegen uns ist.

STANDARD: Was hat Sie überrascht?

Jamal: Wir hatten eine lange Reise. Wir waren in der Türkei, in Serbien, in Ungarn. Das einzige Land, das uns mit Decken und Essen empfing, war Österreich.

Waled: (lacht) Ich war überrascht, als ich schwimmen ging. Ich wollte so gerne einmal schwimmen gehen. Dann sind wir mit einer Dame, die Deutsch unterrichtet, ins "Bad zur Sonne" gegangen. Dort gibt es so viele Regeln, die ich nicht kannte. Das war mir so peinlich, dass ich nie mehr hinging.

Krautwaschl: Unsere Regeln der Mülltrennung sind wahrscheinlich auch eine Herausforderung.

Jamal: Zuerst konnten wir damit nichts anfangen, aber man hat uns das immer wieder erklärt und auf Arabisch aufgeschrieben.

STANDARD: Was ist leichter, die Regeln im Schwimmbad oder unsere Mülltrennung?

Waled: Die Mülltrennung!

STANDARD: Wie gefällt Ihnen der Advent in der Innenstadt? Sie wohnen ja mitten drinnen.

Jamal: Sehr. Wir gehen jeden Abend ein bisschen spazieren, die Lichter und die Leute anschauen.

STANDARD: Kennen Sie die Geschichte der Herbergssuche?

Jamal: Natürlich, wir hatten auch christliche Freunde in Syrien.

STANDARD: Wie denken Sie über den Zaun an der steirischen Grenze?

foto: j.j.kucek
Jamal A.: "Ich finde, es ist das Recht Österreichs, dass sie selbst sagen, wer rein darf und wer nicht."

Jamal: Ich finde, es ist das Recht Österreichs, dass sie selbst sagen, wer rein darf und wer nicht.

Waled: Meine Schwägerin und das Baby sollen mit dem Flugzeug kommen!

Eman: Wenn es nicht anders geht, sollen sie so kommen wie wir – auch mit dem Schlauchboot, Hauptsache, sie kommen.

STANDARD: Sie warten auf den Asylbescheid. Wie geht es Ihnen damit?

Eman: Die Schule hat geraten, dass unsere drei jüngeren Söhne psychologische Betreuung kriegen. Bei dem ganzen Gespräch ging es dann nur um ihre Angst davor, dass sie nicht in Österreich bleiben können. Sie haben Angst, dass wir nach Ungarn zurückmüssen.

STANDARD: Was halten Sie von diesem Zaun, Herr Bischof?

Krautwaschl: Er ist eine einfache Antwort auf eine komplexe Situation. Ob sie die richtige ist, weiß ich nicht. Dass Österreich das Recht hat, als Staat Grenzen zu schützen, dass man wissen will, wer da ist, das ist überhaupt kein Thema. Einem geordneten Grenzübertritt kann ich einiges abgewinnen. Ich weiß aber einfach nicht, ob dieser Zaun notwendig ist. Das wage ich zu hinterfragen. Bei jedem Fußballspiel weiß man, wie man mit Tausenden von Leuten umgeht.

Eman: Der Antrag, den unser Sohn gestellt hat, um seine Frau zu holen, ist schon sechs Monate her.

Jamal: (an den Bischof): Können Sie da nicht nachhelfen?

Krautwaschl: Ich kann gerne nachfragen, aber ich habe darauf keinen Einfluss.

Eman: Wir würden gerne wissen, wie lang es noch ungefähr dauert.

Krautwaschl: Das kann man nicht sagen. Ich war in Gleisdorf in einem Flüchtlingsquartier. Da haben sie zum Teil auf das Erstgespräch mehr als ein halbes Jahr gewartet. Das ist ja das eigentlich Zermürbende. Aber wir sind nicht der Staat. Wir sind diejenigen, die helfen wollen. Wir können nicht Verfahren beeinflussen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass den Leuten nicht klar ist, dass die Kirche, die sie unterbringt, nicht gleichzeitig der Staat ist.

STANDARD: Wie gefällt es den Kindern in der Schule?

Eman: Sie sind in der Schule schon gut eingelebt und haben Freunde.

Jamal: Und sie gehen schon alleine auf Deutsch einkaufen und fahren allein mit der Straßenbahn.

STANDARD: Was haben Sie in Syrien gearbeitet?

Jamal: Ich war Lkw-Fahrer. Ich hoffe, dass ich bald arbeiten darf. Ich habe eine große Langeweile.

STANDARD: Hatten Sie in Syrien einen Beruf, Frau A.?

Eman: Ich war zu Hause bei den Kindern. Da bin ich gerne.

STANDARD: Herr Bischof, was sagen Sie Leuten, die fürchten, dass durch Flüchtlinge hiesige Werte verlorengehen?

Krautwaschl: Ich halte es mit dem Alt-Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, der fragt, ob die Rede von christlichen Werten nicht manchmal eigentlich eine Machtdiskussion ist und sonst nichts. Christliche Werte sind eigentlich aus einem bestimmten Glaubenshorizont heraus entstanden. Toleranz heißt ja nicht, alles zu akzeptieren, was der andere anders macht. Es heißt unter Umständen sogar, darunter zu leiden, dass der andere anders ist. Dialog geht nur, wenn ich weiß, wer ich wirklich bin. Ich frag mich oft, ob diejenigen, die von christlichen Werten reden, wissen, wovon sie wirklich reden.

STANDARD: Ist die Willkommenskultur ein christlicher Wert?

Krautwaschl: Es ist ein Moment davon. Dahinter steht die Haltung, dass ich in jedes Menschen Antlitz Gott begegnen kann. In jedes Menschen Antlitz! Das ist eine Grundhaltung. Nicht nur in jenen, die halt so ausschauen wie ich. Bei afrikanischen Krippendarstellungen sind die Jesuskinder z.B. oft schwarz. (lacht)

STANDARD: Und hier sind sie oft blond und blauäugig, was dem historischen Jesus auch nicht ganz entspricht …

Krautwaschl: Das ist die Grundbotschaft von Weihnachten: Dass Gott einer von uns war. Da haben wir noch ein gutes Wegstück zurückzulegen.

STANDARD: Etwas ganz Anderes: Sie sind großer "James Bond"-Fan. Haben Sie den neuen schon gesehen?

Krautwaschl: Ja natürlich! Er gefällt mir sehr gut. Er ist poetisch, ganz anders als die anderen. Aber gut.

foto: j.j.kucek

Zu den Personen:

Wilhelm Krautwaschl (52) ist seit Juni steirischer Diözesanbischof.

Eman A. (39) floh mit ihrem Ehemann,

Jamal A. (46), dem Sohn,

Waled A. (18), und vier weiteren Kindern aus Nordsyrien. Seit September wohnt die Familie im bischöflichen Ordinariat in Graz, davor in Traiskirchen.

  • Waled, der zweitälteste Sohn, Bischof Wilhelm Krautwaschl und Waleds Eltern, Jamal und Eman A., beim Kaffee in der Bischofswohnung.
    foto: j.j.kucek

    Waled, der zweitälteste Sohn, Bischof Wilhelm Krautwaschl und Waleds Eltern, Jamal und Eman A., beim Kaffee in der Bischofswohnung.

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