Christine Lavant: Wer dich fragt um die Wunde der Welt

29. Dezember 2015, 10:58
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Erstveröffentlichung eines nachgelassenen Gedichts der Kärntner Dichterin, anlässlich des 70. Jahrestages des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und des 100. Geburtstags Lavants

Wer dich fragt um die Wunde der Welt, dem zeig Hiroshima;
aber zeig ihm auch meins und geh dann zurück in dein Kloster
bevor dich wer anspeit und so dein Gedächtnis besudelt
das dir klar sei – so klar wie niemals dein scheinbarer Lorbeer
und unaustilgbar im Stand der Gestirne.
So gedenke der Schatten, der unaustilgbaren Schatten
die – dem Wunder zuliebe – das Grauen der Wunde noch abrang
weil Gott ewig Brot braucht, das Brot aus dem Staunen der Hoffnung
wenn nichts sonst erhöht bleibt.
Weil die Liebe vertilgt ward wurden die Schatten verewigt
im Schutt Hiroshimas auf übriggebliebenen Mauern
- das konnte man lesen – das glaubt wer die Mauern in sich trägt
und spürt wie sie zittern unter dem Abdruck des Wunders
das die Vor-Zeit des Grauens im Bild hält.
Wer dich fragt wo dein Bild ist, dem zeige in mir Hiroshima,
dem zeige mein Herz das du ohne Verwarnung zerstört hast
mit dem Abwurf der Feindsal die nie mehr im Weltraum vergehn wird,
die das Klima verändert die Kränkungen alle verzehnfacht
keine Rechnung mehr zulässt die Früchte im Keim schon verleidet
die Sonne einäschert, den Mond durch den bronzigen Himmel
hinjagt, und verzettelt an Wolken die Seuchen verregnen
bis kein Wundklee mehr heil bleibt.
Dies denke du nach, hochlebend in deiner Legende!
Vielleicht dass du kniest – doch du kniest nie den Schatten hinweg
der dich lang überlebt und meinem Schatten noch gut ist
wie das Bildnis hier zeigt, das Wunder im Schutt Hiroshimas meines Herzens.


Als die USA im August 1945 die Atombombe über Hiroshima abwerfen, ist Christine Lavant, geb. Thonhauser, 30 Jahre alt und hat den Großteil der in ihrer Jugend verfassten Texte nach eigener Aussage vernichtet. Seit sechs Jahren ist sie mit dem um mehr als dreißig Jahre älteren Kunstmaler Josef Benedikt Habernig verheiratet, lebt mit ihm in einer bescheidenen Dachwohnung mehr oder weniger abgeschieden in St. Stefan im Kärntner Lavanttal und bestreitet den Lebensunterhalt durch Strickarbeiten.

Ihr Debüt als Prosaautorin – 1948 erscheint die Erzählung "Das Kind" – und ihre große Zeit als Lyrikerin hat sie noch vor sich. Dass das (Wieder-)Einsetzen der kreativen Phase, jener zehn bis fünfzehn Jahre, in welchen die Autorin rund 30 Erzählungen und 2.000 Gedichte verfasst, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammenfällt, kann nicht nur dem Zufall geschuldet sein. Das Ende eines Regimes, das körperliche Schwäche und Anderssein stigmatisiert, verfolgt und bekämpft, muss befreiend gewirkt haben.

Dass Christine Lavant auf politische bzw. historische Ereignisse explizit Bezug nimmt, stellt in ihrer Lyrik ein wenn nicht singuläres, so zumindest äußerst rares Phänomen dar. Ein Ereignis von gleichsam biblischem und kosmischem Ausmaß, einer Dimension, "die nie mehr im Weltraum vergehn wird", ist es, das mit Hiroshima Eingang in ihre Bildwelt findet.

Und es ist auch nicht die politische Dimension, die Lavant interessiert. Innerhalb eines komplexen dichotomischen Bezugsnetzes, in dem sich die Pole eines Ich und Du, einer Wunde und eines Wunders gegenüberstehen und das Lavant gleichsam zwischen Himmel und Erde aufspannt, wird Hiroshima denn auch zum Sinnbild äußerer wie innerer Zerstörung, zu einem ebenso elementaren wie allumfassenden Ereignis, das die individuelle wie kollektive Existenz für immer erschüttert.

Spuren von etwas Unaustilgbarem

Dem endzeitlichen Raum sind jedoch Spuren von etwas Unaustilgbarem eingeschrieben. Im Zusammenhang mit "Schatten", die "auf übriggebliebenen Mauern" "verewigt" wurden – "das konnte man lesen" –, konstituiert sich eine Bedeutungsebene, die ein Gegengewicht zur endgültigen Vernichtung bzw. Tilgung darstellt, die Hoffnung zulässt und die Möglichkeiten des Schreibens als Gedächtnisträger und der Schrift als Bildträger reflektiert.

In "Wer dich fragt um die Wunde der Welt, dem zeig Hiroshima" hat Christine Lavant den Gestus der Verzweiflung und Anklage überführt in einen klaren Imperativ. Das Gedicht fordert auf zum Hinsehen, zum Verlassen selbstgewählter Isolation und Verdrängung. Es vollzieht ein Hinzeigen und Offenlegen, hält gewissermaßen den Finger in die Wunde – und rührt dadurch an ein Wunder, vielleicht des Lebens, vielleicht der Liebe.

Die christliche Ikonografie der Herzwunde tut sich auf, scheint aus dem Schutt zu leuchten, und die kuriose Verwandtschaft der Begriffe der Wunde und des Wunders spiegelt sich in jener, die Lavant zwischen den Begriffen Herz und Hiroshima stiftet.

Übrigens die einzige inhaltliche Korrektur, die die Autorin an dem nachgelassenen Typoskript vorgenommen hat, die handschriftliche Streichung Hiroshimas am Ende der letzten Verszeile und dessen Überschreibung durch das eigene Herz. (Katharina Herzmansky, 29.12.2015)

Anm.: Das Gedicht ist in einem Typoskript und zwei Durchschlägen überliefert. Die hier dargestellte handschriftliche Streichung/Korrektur durch die Autorin findet sich auf einem der Durchschläge wieder und kann als Letztfassung gelten.

Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Hans-Schmid-Privatstiftung.

Katharina Herzmansky war von 2001–2007 als Mitarbeiterin am Robert-Musil-Institut der Universität Klagenfurt / Kärntner Literaturarchiv im Rahmen der Gesamtausgabe des Werks von Christine Lavant tätig.

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