Fürnsinn: "Sie können mich einmal anmieten"

Interview26. Dezember 2015, 08:00
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Der Propst des Stifts Herzogenburg über Flüchtlinge, die Hetz' im Kloster und seine 15 Rezepte für Schopfbraten

Fürnsinn: Soll ich mein Kreuz umhängen, meinen Kriegsschmuck?

STANDARD: Wie Sie mögen. (Er hängt sein Kreuz um, Anm.) Sie waren am 8. Dezember wie immer beim Adventsingen der Wiener Fleischhauer in der Stiftskirche Dürnstein und dann beim Heurigen?

Fürnsinn: Ja. Der Männergesangverein der Wiener Fleischer kommt seit 29 Jahren, die Kirche ist immer voll, hauptsächlich mit Fleischhauern. Das ist toll, sie singen sehr kräftig.

STANDARD: Was ist das Besondere an Fleischhauern? Sie sind stolz, dass Sie sechs Jahre selbst einer waren, einer Ihrer Freunde nennt Sie "Weltmeister der Würste" ...

Fürnsinn: Bei Gott nicht, ich war ein ganz normaler Fleischhauer. Am liebsten habe ich Bratwürstel, Pasteten und Schinken gemacht. Und Rouladen, zu Ostern und Weihnachten mit Mustern drin. Fleischhauer sind gstandene Leut, die nicht deuteln und unter großem Konkurrenzdruck stehen, sehr drankommen. Da tut ihnen eine Besinnungsstunde gut, auch für ihre persönliche Ermutigung.

foto: regine hendrich
Der Propst mit seinem "Kriegsschmuck" um den Hals.

STANDARD: Wo vermissen Sie denn solche Besinnung? Bei den Politikern vielleicht?

Fürnsinn: Es gibt auch nachdenkliche Politiker, aber die sind heute sehr getrieben, auch von den Medien. Es bleibt ihnen wenig Zeit zum Rekreieren, auch gedanklich.

STANDARD: Wolfgang Schüssel zog sich manchmal ins Kloster zurück. Sie nehmen aber niemanden auf.

Fürnsinn: Doch, wir haben auch Gästezimmer. Aber institutionalisiert haben wir das nicht. Wenn mich jemand anruft und sagt: "Ich brauche ein paar Tage", kann er ruhig kommen. Und es waren auch schon Politiker da.

STANDARD: Ihr Landeshauptmann?

Fürnsinn: Sollte er da gewesen sein, würde ich es nicht sagen. Aber bei den Herzogenburger Gesprächen haben wir über unsere Gesellschaft diskutiert, auch mit Politikern. Ich glaube, wir sind eine Gesellschaft der Auflösung, weil wir uns über die Grundfragen wie unser Menschenbild nicht mehr verständigen. Da müssen wir wachsam sein, denn um Grundsätze muss man streiten: Politik, Kirche, wir alle.

foto: karl bauer
Das Augustiner-Chorherren-Stift Herzogenburg wurde 1112 gegründet, zum 900-Jahr-Jubiläum wurde es aufwändig renoviert.

STANDARD: Sie sind seit 36 Jahren Propst hier, der dienstälteste Klosterchef Österreichs ...

Fürnsinn: Die Brüder nennen mich Dinosaurier ...

STANDARD: Sie wurden gegen den Willen Ihres Vaters Priester. Als Sie sich dazu entschieden haben, hatten Sie eine Freundin, die Sie wohl geheiratet hätten, Sie haben auf Kinder verzichtet. Nie etwas bereut?

Fürnsinn: Kinder hätte ich schon gern, das muss ich sagen. Aber meinen Weg bereut? Nein. Aber er ist mir nicht immer leicht gefallen, und manchmal bin ich schon sehr gefordert. Natürlich gibt es Sehnsüchte in mir wie in jedem Menschen. Wissen Sie: Es ist auch Leben sinnvoll, wenn nicht alles gelebt werden kann. Es ist auch ein Leben erfüllt, in dem nicht alle Wünsche erfüllt werden. Der heutige Mensch will alles – und er will alles pronto. Sonst kriegt er die Krise.

STANDARD: Was wäre der Mensch ohne Sehnsucht?

Fürnsinn: Über Sehnsüchte, wenn Sie nicht zur Sucht werden, können wir sehr gut zu uns selbst kommen. Sehnsüchte lassen uns spüren, wohin wir eigentlich wollen. Ungeschützt sage ich: Der Mensch ist unheilbar religiös. Denn seine große Ursehnsucht lautet: Ich möchte bleiben können, gehalten sein, nicht nur ein Mensch des Vorübergangs sein: fängt an, hört auf, aus, Ende. Diese tiefen Wünsche führen, in meinen Augen, in tiefe religiöse Momente. Auf mich bezogen: Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Auch wenn ich zunächst nicht Fleischhauer werden wollte ...

STANDARD: Sie haben schon als Bub Priester gespielt und gepredigt ...

Fürnsinn: Und als Ministrant haben mich in der Kirche die Rituale, die Farben, und die Lieder angesprochen. Die Kirche riecht auch zu jeder Jahreszeit anders ...

STANDARD: Und im Stift Klosterneuburg, wo Sie vor Herzogenburg waren, riecht man Leopoldi ...

Fürnsinn: Ja, weil der junge Wein aufgärt, wenn man den Heiligen Leopold feiert.

STANDARD: Das hat alles etwas Sinnliches?

Fürnsinn: Selbstverständlich. Liturgie ist immer sinnlich. Auch der Gottesdienst, sonst ist er fad.

STANDARD: Sie haben 1968 in Wien Theologie und Philosophie studiert; da hatten Sie eine tiefe Krise. Damals hat sogar der Chef des Priesterseminars demissioniert und geheiratet ...

Fürnsinn: ... und viele andere meiner Kollegen und Freunde haben aufgehört. Da fragt man sich schon: "Was mach ich da, bin ich belämmert, hab ich einen Huscher?" Aber ich bin meinen Weg konsequent weitergegangen.

STANDARD: Weil Sie so streng zu sich sind?

Fürnsinn: (lacht) Ich habe schon eine gewisse Toleranz mir gegenüber. Ich peitsche mich nicht täglich.

STANDARD: Ist in Ihrem Orden aber auch nicht vorgesehen.

Fürnsinn: Richtig. Eigentlich in keinem.

STANDARD: Noch zurück zu Herzogenburg. Das Stift ist auch ein Wirtschaftsbetrieb, dessen Chef Sie sind. Diese Bezeichnung mögen Sie aber nicht. Zu profan für Sie?

Fürnsinn: Für mich zu abgehoben. In einem Kloster ist man schon auch Chef, aber man muss lernen, sehr brüderlich mit den anderen zu leben. Beides zu verbinden, das macht den Oberen eines Klosters aus. Für den Wirtschaftsbetrieb braucht es natürlich betriebswirtschaftliche Entscheidungen. Wir können nicht alles mit Frömmigkeit überziehen.

STANDARD: Sie sagten in einem Interview, über längere Zeit Verlust zu schreiben sei unmoralisch, und wir hätten allen Anstand verloren. Der österreichische Staat ist chronisch im Minus. Die Regierung wirtschaftet unmoralisch?

Fürnsinn: Ja, auf Dauer kann das nicht funktionieren. Die Politik sollte den Reformstau angehen, um auf eine andere Basis zu kommen. Aber was den Anstand betrifft, bin ich jetzt optimistischer. In Krisensituationen hinterfragt man verstärkt, wie es weitergeht und trachtet, dass es gut weitergeht. Wir sehen das auch beim Flüchtlingsthema, in dem Solidarität geübt und gefragt wird, wie wir unser Verantwortungsbewusstsein beweisen können.

foto: apa/scheriau
Der Zaun an Österreichs Grenze bei Spielfeld. Propst Fürnsinn meint, dass eine europäische Flüchtlingspolitik die Frage nach Obergrenzen obsolet machen würde.

STANDARD: Wie sollen wir das tun?

Fürnsinn: Einem Menschen auf der Flucht muss man helfen. Aber alle Probleme werden wir nicht bewältigen. Einige Zeit stimmt das Wort "Wir schaffen das", aber dieses Wort wird seine Grenzen bekommen. Eine der wichtigsten Zukunftsfragen lautet: Wer darf kommen, wer nicht? Bei Menschen, denen Asyl zusteht, gibt es nichts zu deuteln, aber wenn sich die Lage in ihrer Heimat entspannt, muss es die Möglichkeit der Rückführung geben. Übrigens: Das Christentum ist die meistverfolgte Religion dieser Erde. Alle fünf Minuten stirbt ein Christ wegen seiner Religion – politisch wird das nicht wahrgenommen.

STANDARD: Sind Sie für Obergrenzen?

Fürnsinn: Wenn es uns gelingt, eine europäische Flüchtlingspolitik zu gestalten, wird sich diese Frage nicht so schnell stellen. Weil die Flüchtlinge dann sowieso auf mehr Länder verteilen werden.

STANDARD: Und was tun mit sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen?

Fürnsinn: Ich habe Verständnis für jemanden, der seine Heimat mit seiner Familie verlässt, weil er dort keine würdige Existenz führen kann. Man sollte die Weichen schon früher stellen, in Aufnahmezentren.

STANDARD: Betreiben wir eine christliche Fremdenpolitik?

Fürnsinn: Ja. Wir winken zwar nicht mit der Bibel in der Hand, aber in Österreich gibt es schon noch eine gute Grundeinstellung gegenüber Menschen in Not. Und das ist eine zutiefst christliche Forderung des Evangeliums.

STANDARD: Im Stift haben Sie aber keine Flüchtlinge einquartiert?

Fürnsinn: Nein, aber in der Stadt und in vier Wohnungen in unseren Pfarrhöfen. Dass die Kirche ihre Stimme für Flüchtlinge erhebt, wird medial ignoriert. Über die Caritas betreut die Kirche tausende Flüchtlinge; auch Diözesen und Stifte nehmen welche auf.

STANDARD: Noch mal zu Ökonmischem. Sie sagen, Geld sei kein Wertmaßstab für Sie im Kloster. Die Mitbrüder bekommen Taschengeld, Sie am wenigsten, dafür haben Sie ein Dienstauto ...

Fürnsinn: Ich fahre aber selbst.

STANDARD: Geht sich da ein Urlaub aus? Chorherren haben drei Wochen im Jahr frei.

Fürnsinn: Ich mache schon Urlaub. Manchmal begleite ich auch Gruppen, vornehmlich nach Israel, weil ich mich da auskenne.

foto: apa/fohringer
Der Blick auf Dürnstein in der Wachau.

STANDARD: Ihr Lieblingsplatz in der Welt?

Fürnsinn: Dürnstein ist schon schön. Wenn ich auf der Terrasse von Stift Dürnstein stehe, unter mir die Donau und ober mir die Weinberge, um mich herum dieses originell, direkt auf den Felsen zum Strom hingebaute Stift: Das hat eine unglaubliche Atmosphäre. Am schönsten ist Dürnstein im Winter, bei Neuschnee: Wenn es ganz ruhig ist, die Donau schwarz und dunkel, wenn die Weingärten weiß sind: Na, das ist was!

STANDARD: Sie haben das Stiftsweingut seit 2009 an die Familie von Finanzminister Schelling verpachtet. Sein bester Wein?

Fürnsinn: Ich habe am liebsten seinen Messwein.

STANDARD: Was ist das Gute dran? Ich trinke wenig Wein ...

Fürnsinn: Schade, dann wissen Sie nicht, wo Gott wohnt. Er ist ein trockener, rescher, schlichter Wein. Ich kenne viele Winzer, vor allem im Traisental – und schätze die junge Generation mit ihren leichten, singenden Weinen.

STANDARD: Was hören Sie, wenn Sie die trinken?

Fürnsinn: Na, probieren Sie einmal eine Flasche.

STANDARD: Kasteien muss man sich als Stiftsherr offenbar nicht. Sie essen auch recht gern.

Fürnsinn: Aber wir leben hier ganz normal, mit ganz normaler Küche.

STANDARD: Sie können 15 Rezepte für Schopfbraten? Die kommen im Schweinsbratenbuch von Exgesundheitsministerin Kdolsky vor.

Fürnsinn: Ja, im Buch ist das böhmische Rezept mit Dörrpflaumen.

foto: ap/zak
Ex-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky 2007 bei der Präsentation des Buchs "Schweinsbraten & Co". Ein Fürnsinn-Rezept ist dabei.

STANDARD: Wie geht das genau?

Fürnsinn: Soll ich Ihnen das Rezept im Detail erklären? Man schneidet Gemüse großzügig und schwitzt es an, dann gibt man Dörrpflaumen dazu. Das alles gibt man zum – in einem anderen Topf – angebratenen Schopfbraten, die Zwetschgen machen dann diesen eigenen Geschmack Richtung Powidl.

STANDARD: Kochen Sie auch selbst?

Fürnsinn: Ab und zu bei Freunden. Sie können mich durchaus einmal anmieten. Wenn Sie einen ordentlichen Schopfbraten wollen – und gesund sind.

STANDARD: Weihnachten wäre gut. Aber da haben Sie eher keine Zeit.

Fürnsinn: Stimmt.

STANDARD: Wir waren beim Maßstab. Sie kritisieren, wir seien maßlos geworden und beantworten die Kernfragen im Leben nicht mehr. Warum ist das so?

Fürnsinn: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was treibt mich? Wozu das alles? Das fragt sich jeder, und die Antworten gibt er damit, wie er lebt. Aber wenn sich der Mensch zu seinem eigenen Maßstab macht, wird das immer schwieriger. Es fehlt uns die innere Dimension, wir sind unglaublich veräußerlicht geworden. Ich halte es, nicht überraschend, mit Augustinus. Er sagt: Der Mensch ist ein Wesen der Heimkehr – zu sich selbst und zu Gott. Einfach gesagt: Wir müssen immer wieder zurück, in unsere eigene Mitte, ich muss bei mir selbst daheim sein. Das fällt heute vielen schwer. Darum gibt es so viele Ausgeflippte, Exotische. Aber mir gefallen diese Bunten auch; manchmal bin ich selbst so.

STANDARD: Sie flippen aus manchmal?

Fürnsinn: Also, ich feiere schon ganz gern. Und ich bin froh, dass ich in einer Gemeinschaft leben darf, wo’s eine Hetz gibt. Wobei wir schon manchmal streiten. Aber öfter rennt der Schmäh.

STANDARD: Ins Kino gehen Sie auch mit den Brüdern, oder ins Theater?

Fürnsinn: Ins Kino? (lacht) Das Theater haben wir hier.

STANDARD: Sie sehen gern Krimis?

Fürnsinn: Sehr gern, zum Entspannen. Aber das erschreckt manche.

STANDARD: Weil wir bei der eigenen Mitte waren: Sie im Kloster haben halt mehr Zeit zum Mitte-Suchen.

Fürnsinn: Natürlich leben wir hier in einem anderen Rhythmus. Aber täglich ein bisschen Reflexion, In-Sich-Hineinhören, Nachdenken: Das geht sich bei jedem aus. Wer gut denkt, beginnt auch gut zu leben. Würden sich die Menschen auf sich einlassen, brächte das sicher auch mehr Erkenntnis und Verantwortung in die Welt.

STANDARD: Würden wir dann auch den Tod weniger verdrängen? Sie argumentieren, der Gedanke daran würde uns von unseren Allüren befreien. Warum schauen wir weg?

Fürnsinn: Der Tod stellt das moderne Leben in Frage. Er steht in Kontrast zu dem, was wir wissenschaftlich, medizinisch leisten können: Der Mensch stirbt trotzdem. Wenn ich nicht hoffen kann, dass mein Leben auch im Tod getragen ist, ist er auch für mich eine große Infragestellung. Wenn ich nur eine Episode im Vorübergang bin und dann ins Nichts der Geschichte eingehe, dann denke ich mir auch: Na ja, liab, aber was soll das alles?

STANDARD: Ist doch paradox, dass uns der Terror des IS, der sich auf den Glauben beruft, auf unsere Endlichkeit stößt. Kein Ort, an dem’s uns nicht erwischen könnte.

Fürnsinn: Der IS hat nichts mit Religion zu tun, ist Ideologie. Er will die heile Welt, und das ist schon öfter in der Geschichte schief gegangen. Wir Menschen, wir retten die Welt nicht. Dass dieser Terror Riesenangst erzeugt, ist klar. Ich spüre das auch bei unserer Suche nach Wohnungen für Flüchtlinge. Viele lehnen das intuitiv ab, sind verunsichert, aus Ihnen spricht eine Art Fremdenangst. Und das ist stärker in unserer Bevölkerung verankert, als wir es wahrhaben wollen.

STANDARD: Fürchten Sie sich vor dem Sterben?

Fürnsinn: Je älter ich werde, desto mehr setze mich mit dem Tod auseinander. Aber da stehe ich natürlich mangels Vorstellungskraft an. Ich halte mich an meine Lebensdevise: Es wird alles gut. Das hat bisher geklappt, und ich hoffe, dass dieses Wort auch im Tod hält.

STANDARD: Passt zur letzten Frage. Worum geht’s im Leben?

Fürnsinn: Lebe!

Maximilian (Josef) Fürnsinn (75) stammt aus Herzogenburg, wurde auf Wunsch des Vaters und wie der Vater Fleischhauer. Er selbst hatte schon als Kind Priester werden wollen und ging letztlich ins Priesterseminar. 1972 wurde er zum Priester geweiht. Seit 1979 ist Fürnsinn Propst des Augustiner-Chorherren-Stifts Herzogenburg in Niederösterreich – und somit österreichweit der längstdienende Chef eines Klosters. Der Exchef der Superiorenkonferenz der Männerorden und der Grabesritter ist bekannt für innerkirchlich kritische Ansichten und seine Lust an Essen und Trinken.

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