Das Medienjahr im Rückblick

23. Dezember 2015, 12:43
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Von "Charlie Hebdo" über den Song Contest bis zur Medienpolitik: 2015 war ein bewegtes Medienjahr

Wien – Der Terroranschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo", das Großereignis Eurovision Song Contest in Wien und der Transformationsprozess in den Medienhäusern waren die bestimmenden Themen des Medienjahrs 2015. Der Kampf der Medien gegen die Internetgiganten Google, Facebook & Co ging weiter, wurde aber um die Facette des pragmatischen Miteinanders erweitert.

Anschlag auf "Charlie Hebdo"

foto: apa/epa/sebastien nogier

Den traurigen Anfang des Medienjahrs machte am 7. Jänner der Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris. Elf Menschen starben, nicht nur die Welt, auch Österreichs Medienbranche zeigte sich schockiert. "Wer Journalisten tötet, zielt auf das Herz der Demokratie", sagte Verlegerpräsident Thomas Kralinger.

Eurovision Song Contest in Wien

eurovision tv

TV-Höhepunkt des Jahres war der 60. Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle. Nach dem Sieg von Conchita Wurst beim Song Contest 2014, durfte der ORF das Großereignis austragen. Knapp 200 Millionen Menschen weltweit sahen zu, so viele wie nie zuvor. In Österreich war die Show mit 1,7 Millionen Zuschauern und 60 Prozent Marktanteil die meistgesehene Fernsehsendung des Jahres. Von der European Broadcasting Union (EBU) gab es Lob für Organisation und Qualität der Produktion, und auch die Kosten für die Veranstaltung blieben deutlich unter Budget.

ORF: Vorstadtweiber, Stadlshow, Flimmit

foto: apa/ipmedia/orf/peter krivograd

Neben dem Song Contest feierte der ORF 2015 das Jubiläum 60 Jahre Fernsehen und den Erfolg der neuen Fernsehserie "Vorstadtweiber". Zugleich ging ein Stück Fernsehgeschichte zu Ende: Der langjährige "Musikantenstadl"-Moderator Karl Moik starb mit 76 Jahren, und Andy Borg moderierte im Sommer zum letzten Mal den "Musikantenstadl" und musste nach neun Jahren seinen Abschied von der Volksmusik-Show nehmen. ARD, ORF und SRG verordneten dem Format eine Verjüngungskur mit neuen Moderatoren. Bei den deutschen Zuschauern fiel das Konzept durch, die weitere Zukunft nach dem "Silvester-Stadl" galt als ungewiss. Der ORF plante unterdessen am neuen Frühstücksfernsehen "Guten Morgen Österreich". Geplanter Start: März 2016. Mit der Übernahme der österreichischen Streaming-Plattform Flimmit setzte der ORF einen strategischen Schritt gegen Netflix und Amazon.

Wahlkampf für den ORF-Generaldirektor

foto: newald

Auch die Wahl einer neuen ORF-Geschäftsführung im Sommer 2016 warf ihre Schatten voraus. Nach den Landtagswahlen erreichte die ÖVP erstmals seit 2007 eine relative Mehrheit im ORF-Stiftungsrat, dem obersten ORF-Gremium, das unter anderem die Geschäftsführung des Senders wählt. Für die ORF-Wahl bedeutet dies äußerst knappe Mehrheitsverhältnisse. Der von der SPÖ unterstütze ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz kündigte dennoch bereits seine Wiederbewerbung als ORF-Chef an. Als aussichtsreichster Gegenkandidat wird der von ÖVP favorisierte ORF-Finanzdirektor Richard Grasl gehandelt.

Digitalradio im Testbetrieb

Auf dem Radiomarkt startete im Mai in Wien ein Digitalradio-Testbetrieb mit 15 Radioprogrammen. Neben bestehenden Sendern wie Radio Arabella, Radio NRJ oder Lounge FM strahlen seither auch zehn neue Programme über den Digital-Standard DAB+ aus. Der ORF und Kronehit machten dabei nicht mit. Kronehit startete unterdessen mit einer Reihe weiterer Privatradios den Radioplayer Austria. Der ORF arbeitete zugleich an der Entwicklung einer eigenen Radiothek.

NZZ.at gelauncht und gerelauncht

foto:apa/brainworker/daniel shaked

Die "Neue Zürcher Zeitung" launchte im Jänner in Österreich das Onlineportal NZZ.at. Das Angebot unter Führung von Chefredakteur Michael Fleischhacker startete mit Bezahlschranke. Nach inhaltlichen Schwierigkeiten und technischen Problemen blieb es zunächst deutlich hinter den Erwartungen. Über den Sommer wurde inhaltlich nachgeschärft, im Herbst erfolgte ein Relaunch, im Dezember brachte man das Magazin "NZZ.at" auf den Markt. Zugleich engagierte die NZZ-Mediengruppe die Österreicherin Anita Zielina als Chefredakteurin für ihre Onlinemedien und neuen Produkte.

Umbau in der Verlagsgruppe News

foto: corn

Für die Verlagsgruppe News (VGN) war 2015 das Jahr der Transformation, bis 2016 will Verlagschef Horst Pirker den Turnaround und wieder ein positives Ergebnis schaffen. Das Wochenmagazin "News" wurde unter der Leitung von Chefredakteurin Eva Weissenberger mit einem rundum erneuerten redaktionellen Team sowie Layout- und inhaltlichen Änderungen total umgekrempelt und erhielt mit dem Samstag auch einen neuen Erscheinungstag.

Am 17. Dezember erschien das wöchentliche Wirtschaftsmagazin "Format" zum letzten Mal unter diesem Namen. Die Wirtschaftsmarken "Format" und "Trend" werden fusioniert und erscheinen ab Jänner mit neuem Layout unter der Marke "Trend". Relaunches gab es auch bei anderen Titeln des Hauses.

Transformation mit Minus bei der Styria

foto: apa/karin zehetleitner

Transformation war 2015 auch eines der bewegenden Themen bei der Styria Media Group. Das Medienhaus, das unter anderem "Kleine Zeitung", "Presse" und "Wirtschaftsblatt" herausgibt, meldete für 2014 ein deutliches Minus. Das Jahresergebnis vor Steuern (EBT) lag demnach wegen finanziell aufwendiger Restrukturierungen und Investitionen in Zukunftsgeschäfte bei minus 27,7 Millionen Euro. Das Ergebnis sei "Ausdruck der strategischen Transformation der Styria", teilte des Unternehmen mit.

Finanzvorstand Malte von Trotha schied nach dreieinhalb Jahren aus und verließ den Konzern Ende Juni. Druckereien-Chef Kurt Kribitz rückte in den Vorstand nach. Das Styria-Flaggschiff "Kleine Zeitung" übersiedelte im Frühjahr ins neue Styria Media Center. Print-, Online- und Radioredaktionen des Medienhauses berichteten seither aus dem gemeinsamen Newsroom. Daneben strukturierte die Styria ihre Magazinbeteiligungen um: Vom "Wiener" trennte sich das Unternehmen, die "Sportwoche" wurde eingestellt.

"Krone"-Personalia und -Skandale

foto: apa/georg hochmuth

Eine Neuordnung gab es in der Führung der "Kronen Zeitung". "Um für die künftigen Herausforderungen bestens gerüstet zu sein", wurde die Chefredaktion der größten heimischen Tageszeitung umgebaut und Oberösterreich-"Krone"-Chef Klaus Herrmann mit Oktober zum geschäftsführenden Chefredakteur bestellt.

Herrmann vertrat und vertritt Christoph Dichand damit während dessen Abwesenheit. Der "Krone"-Herausgeber nahm ab Herbst gemeinsam mit seiner Frau, der "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand, ein knappes Jahr Auszeit in New York. Die Dichands wollten in den USA innovative Onlineprojekte und neue digitale Geschäftsfelder studieren.

Für Aufsehen sorgte auch die vorübergehende Beurlaubung des Steiermark-"Krone"-Chefs Christoph Biró. Der Journalist schrieb von sexuellen Übergriffen und Sachbeschädigungen durch Flüchtlinge, die Behörden dementierten die Vorfälle. Das Blatt war deshalb heftiger öffentlicher Kritik ausgesetzt. Die "Krone"-Spitze zog Biró in der Folge für einige Wochen aus der Schusslinie.

Mediaprint und der Quotenflop "Servus Krone"

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In Oberösterreich legten die Mediaprint ("Kronen Zeitung", "Kurier") und das Medienhaus Wimmer ("Oberösterreichische Nachrichten") ihre Zustelllogistik zusammen. Für Gesprächsstoff sorgte auch eine Kooperation der "Krone" mit Servus TV, dem Sender von Red-Bull-Eigentümer Dietrich Mateschitz. Servus TV startete im April das Bundesländermagazin "Servus Krone". Quotentechnisch landete das neue Format allerdings unter den hochgesteckten Erwartungen.

"Kurier um 4:00", "Forbes Austria", "Wiener Zeitung"-Statut

Der "Kurier" brachte im September in Wien eine 16-seitige Nachmittagsausgabe mit dem Titel "Kurier um 4:00" auf den Markt. Bereits im April erschien erstmals das neue monatliche Wirtschaftsmagazin "Forbes Austria". Die vom Bund herausgegebene "Wiener Zeitung" bekam ein eigenes Redaktionsstatut. Zentraler Punkt: Die Redaktionsversammlung kann einen neuen Chefredakteur künftig mit Zweidrittelmehrheit ablehnen. "Salzburger Nachrichten", "Tiroler Tageszeitung" und "Vorarlberger Nachrichten" feierten ihren 70. Geburtstag, die "Oberösterreichischen Nachrichten" mit ihrer Vorgängerzeitung sogar 150 Jahre.

Flüchtlingsberichterstattung und Lügenpresse

Dominierende Themen in der Berichterstattung der österreichischen Tageszeitungen waren 2015 die Flüchtlingssituation und die Asyldebatte, das Wahljahr in Österreich sowie die Syrien-Krise und die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Die stärkste Medienpräsenz fiel dabei mit 10 Prozent aller Beiträge auf das Thema Flucht und Asyl.

Rund um das extrem polarisierende Thema wurden immer wieder "Lügenpresse"-Vorwürfe laut. Die Zeitungsverleger warnten vor solchen Abqualifizierungen: "Die Gesellschaft sollte nicht den Scharlatanen auf den Leim gehen, die unabhängigen Journalismus als Produkt der Lügenpresse verunglimpfen wollen."

Österreich liebt Print, weiß der "Digital News Report"

Viel mehr beschäftigte die Medien aber der rasant voranschreitende Medienwandel. Das britische Reuters Institute präsentierte erstmals auch für Österreich einen "Digital News Report". Ergebnis: Österreich ist noch digitaler Nachzügler. Klassische Medien wie Fernsehen und Zeitungen sind deutlich populärer als in anderen Ländern, und klassische Print- und Rundfunk-Marken dominieren hierzulande auch den Online-Markt, was auch Studienautor Nic Newman im STANDARD-Interview sagte.

Allerdings zeichnet sich auch in Österreich ein deutlicher Generationen-Unterschied beim Nachrichtenkonsum ab. Bei den jüngeren Altersgruppen liegt Online als wichtigste Nachrichtenquelle bereits deutlich vorne. Österreichs Medienhäuser arbeiteten denn auch 2015 an Verbesserungen ihrer Online- und Mobilangebote.

Google als Frenemy der Verlage

foto: ap/marcio jose sanchez

Etliche heimische Medien zeigten sich sogar bereit, mit dem bisherigen "Feind" Google zu kooperieren. Der Internetkonzern präsentierte in Europa seine "Digital News Initiative". Innerhalb von drei Jahren sollen dabei 150 Millionen Euro ausgegeben werden, um Innovationen im digitalen Journalismus zu fördern. Google will so sein angespanntes Verhältnis zur Medienbranche verbessern.

Zahlreiche österreichische Medien bewarben sich mit digitalen Projekten bei der Google-Initiative. Daneben warb Facebook mit seinem "Instant Articles"-Projekt um Kooperationen mit klassischen Medienhäusern. Österreichs Medien reagierten auf die Entwicklungen zudem mit neuen E-Commerce-Aktivitäten. Zahlreiche Verlage eröffneten 2015 etwa eigene Online-Shops oder bauten diese aus.

Medienpolitik in Mini-Schritten

foto: cremer

Während der Medienwandel weiter Tempo aufnahm, bewegte sich Österreichs Medienpolitik auch 2015 nur in Minischritten. So verabschiedete die Bundesregierung ein "kleines Rundfunkpaket", das administrative Erleichterungen für ORF und Privatsender brachte, unter anderem erhöhte Werbezeitlimits für rein regionale und lokale private TV-Sender sowie Lockerungen beim Reminderverbot für den ORF.

Weiter warten hieß es auf eine Reform der Presseförderung und ein Leistungsschutzrecht für Medienverlage. Die umstrittene Materie wurde aus der Urheberrechtsgesetz-Novelle herausgelöst, überarbeitet und zur Notifizierung an die EU-Kommission in Brüssel weitergereicht. Zugleich richtete Medienminister Josef Ostermayer (SPÖ) mit den wichtigsten Medien-Playern eine Arbeitsgruppe zur Reform des digitalen Medienmarktes ein – im Sinne eines "Schulterschlusses".

Personalia

Auch ein Reihe von Personalia gab es 2015: Die profilierte Politikjournalistin Antonia Gössinger wurde neue Chefredakteurin der Kärntner "Kleinen Zeitung", Digitalexperte Gerold Riedmann zum neuen Chefredakteur der "Vorarlberger Nachrichten" bestellt. Stefan Kaltenbrunner schied als Chefredakteur des Monatsmagazins "Datum" aus und wurde neuer Chefredakteur von kurier.at.

Richtung Generationswechsel ging es an der Spitze des Medienhauses Wimmer und der "Oberösterreichischen Nachrichten". Eigentümer und Herausgeber Rudolf Andreas Cuturi zog sich schrittweise vom Tagesgeschäft zurück und übertrug weitere Funktionen an seine Söhne. Lorenz Cuturi übernahm dabei nach seiner Rückkehr vom deutschen Axel-Springer-Verlag den Online-Bereich um nachrichten.at, den Fernsehsender BTV und die Life-Radio-Beteiligung sowie deren Vernetzung mit den Print-Produkten "OÖ Nachrichten" und "Tips".

Harald Knabl, langjähriger Geschäftsführer und Erster Chefredakteur der "NÖN" ("Niederösterreichische Nachrichten"), verließ überraschend das NÖ Pressehaus. Knabl kam mit den Eigentümern überein, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Grund dafür seien unterschiedliche Auffassungen über die künftige Ausrichtung der Führung des Unternehmens. Zu Österreichs Journalist des Jahres wurde "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak gewählt.

Todesfälle

Daneben prägten des Medienjahr 2015 gleich mehrere prominente Todesfälle: Der frühere legendäre ORF-Generalintendant Gerd Bacher starb nur wenige Monate vor seinem 90. Geburtstag an den Folgen eines Schlaganfalls. Bacher stand zwischen 1967 und 1994 mit Unterbrechungen 20 Jahre lang an der Spitze des Österreichischen Rundfunks und war neben "Krone"-Gründer Hans Dichand einer der prägenden Medienmacher Österreichs in der Zweiten Republik.

Im Alter von 86 Jahren starb auch der langjährige ORF-Journalist und ehemalige SPÖ-Gesundheitsminister Franz Kreuzer. "Krone"-Urgestein und Kolumnist Ernst Trost kam im Alter von 82 Jahren bei einem Badeunfall ums Leben. Der langjährige APA-Chefredakteur Otto Schönherr entschlief im 93. Lebensjahr. Der renommierte Aufdecker Kurt Kuch starb mit 42 an Lungenkrebs. Vor seinem Tod rückte der "News"-Journalist den Kampf gegen das Rauchen in den Fokus der Öffentlichkeit und trug so maßgeblich zum Rauchverbot in der Gastronomie bei. (APA, 23.12.2015)

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