Schüller: "Die Kirche ist nicht die Bank Austria"

23. Dezember 2015, 10:38
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Der Gründer der Pfarrer-Initiative kritisiert die Strukturreform der Erzdiözese Wien, Papst Franziskus will er unterstützen

Wien – Der Gründer der Pfarrer-Initiative, Helmut Schüller, sieht im Kirchenoberhaupt selbst einen Rebellen: "Wir sind in einer Phase, wo der Papst in gewissen Situationen selbst ungehorsam geworden ist", sagte er im APA-Interview. Schüller hofft, dass sich mehr Bischöfe der Linie von Franziskus anschließen. Gegen die Diözesanreform kündigte er Widerstand an: "Die Kirche ist nicht die Bank Austria."

Mit ihrem "Aufruf zum Ungehorsam" hatte sich die Pfarrer-Initiative in eine offene Konfrontation mit der Kirchenleitung begeben, auch Sanktionen gegen Mitglieder folgten. Dies geschah noch unter dem emeritierten Papst Benedikt XVI., seit dem Amtsantritt von Franziskus sehen die Kirchenrebellen nun auch inhaltliche Unterstützung aus dem Vatikan – wenn auch nur durch den Heiligen Vater selbst. Konservative Kreise würden es dem verhältnismäßig liberalen Kirchenoberhaupt schwer machen, Schüller befürchtet sogar eine Verschärfung der Situation.

Franziskus unterstützen

Die Frage zu Franziskus, die für den Sprecher der Pfarrer-Initiative nun essenziell ist, lautet: "Wir können wir ihn unterstützen?" Ein positiv gehaltener offener Brief, den die Mitglieder im irischen Limerick im Mai 2015 an den Heiligen Stuhl gerichtet haben, ist noch immer nicht beantwortet. Schüller will vor allem, dass die durch den Papst gestärkten Bischofskonferenzen aus der Deckung gehen, denn: "Es gibt Leute, die glauben, der Papst wird das alleine machen." Forderungen der Initiative sind nach wie vor die Öffnung des Priesteramts für Frauen und die Integration von "gesellschaftlichen Randgruppen".

Ein weiteres Betätigungsfeld für die Pfarrer-Initiative ist der Widerstand gegen die Strukturreform in der Erzdiözese Wien, wo Pfarren zu größeren Einheiten teils zusammengelegt werden. "Es geht nicht um eine Filialstruktur", kritisiert Schüller, sondern "um Gemeinschaften an der Basis". Dabei seien Teile der Verknappungen sogar hausgemacht. Würde man etwa verheiratete Männer zum Amt zulassen, würde auch das Problem des Priestermangels deutlich kleiner. Auch das Vorgehen der Erzdiözese ärgert den Pfarrer: "Es wird mit einem Rasenmäher über alles drüber gefahren."

Gegen Strukturreform

Langsam aber doch würden nun die ersten Gegenstimmen aus den – überwiegend ländlichen – Gemeinden laut werden. Diesen Geistlichen ein "Kirchenturmdenken" nachzusagen, wie dies bereits geschehen sei, sei schlicht eine "Verleumdung, die wir nicht auf uns sitzen lassen wollen". Es herrsche hingegen "höchste Verwirrung", noch im Winter kommenden Jahres wollen sich laut Schüller kritische Pfarrer, Pfarrgemeinderäte und Interessierte bei einem Treffen organisieren und versuchen, Gegenmodelle und Vorschläge zur "verordneten" Reform zu entwickeln.

Froh ist Schüller hingegen über die Bestellung des bisherigen Linzer Bischofs Manfred Scheuer in die Diözese Linz. Denn gerade dort würde mit dem "Seelsorgeteam" eine alternative Struktur funktionieren, welche auch der neue Leiter wohl fortführen würde. Dass dadurch ein weiterer Bischofssitz vakant geworden ist, ist für den Pfarrer allerdings ein Wermutstropfen: "Diese 'Loch-auf-Loch-zu-Methode' ist ein bisschen nervig." Unverständnis herrscht bei Schüller auch über die Verlängerung der Amtszeit des St. Pöltener Kirchenoberhaupts Klaus Küng, denn: "Wenige Dinge sind so gut bekannt, wie das Alter eines Bischofs."

Synode mit Kompromisstext

Das vorläufig bekannt gewordene Ergebnis der Bischofssynode zu Ehe und Familie sieht Schüller mit gemischten Gefühlen: "Der Endbericht ist so ein klassischer Kompromisstext." Hauptsächlich habe es sich bei dem Treffen um eine "Übung an Synodalität" gehandelt. Positiv sieht Schüller, dass Franziskus damit die Bischofskonferenzen aufwerten und im Vatikan eine "Bedeutungsverminderung" vornehmen wolle. "Er sieht sich selbst als Moderator und will nicht der Herrscher sein", interpretiert Schüller das Ergebnis als Beobachter an der Basis.

Als Pfarrer von Probstdorf ist Schüller auch in der Flüchtlingsbetreuung engagiert – in seinem Pfarrgarten sollen Wohncontainer aufgestellt werden. "Wenn man keine geeigneten Räume hat, soll man welche schaffen", nimmt er gleichzeitig andere Pfarren in die Pflicht, denn es könne noch viel mehr geschehen. Auch die Kommunalgemeinden seien zudem froh, wenn die Pfarrgemeinden den ersten Schritt machen.

"Manche haben noch nicht einmal die Untergrenze überschritten und wir reden schon von Obergrenzen", übt Schüller auch allgemein Kritik am Umgang mit dem Thema in Österreich. Die nach Europa kommenden Flüchtlinge seien eigentlich die "Gläubiger", welche nun die Schuld der Industrienationen einforderten. Vielmehr sollte man sich Gedanken über Obergrenzen etwa beim Energieverbrauch, bei Fernreisen oder etwa beim "Weihnachtseinkäufe-Rausch" machen, rät Schüller. (APA, 23.12.2015)

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    foto: apa/jäger
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