Fairphone 2 im Test: Aufbruch ins modulare Smartphone-Zeitalter

21. Jänner 2016, 13:00
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Einfache Reparatur als zentraler Pluspunkt – Smartphone erhält deutliches Hardware-Upgrade, zeigt aber auch Schwächen

Es war weder besonders edel designt, noch glänzte es mit herausragenden Spezifikationen. Trotzdem sorgte vor rund zwei Jahren ein an sich unspektakuläres Smartphone für viel Aufmerksamkeit. Fairphone hieß das Gerät des gleichnamigen niederländischen Unternehmens, das es sich zum Ziel gemacht hat, ein Mobiltelefon unter möglichst "gerechten" Bedingungen sowie mit Bedachtnahme auf die Umwelt herstellen zu lassen und gleichzeitig für mehr Transparenz in einer undurchsichtigen Branche zu sorgen.

Der erste Schritt war ein kleiner. Zwei Rohstoffe konnten konfliktfrei gewonnen und die Bedingungen für die Arbeitskräfte beim Fertiger zumindest temporär verbessert werden. Nun ist die zweite Generation des Smartphones am Start, die in einigen Aspekten einen Schritt nach vorne machen soll. Der WebStandard hat sich das Handy näher angesehen.

foto: derstandard.at/pichler

Produktion als notwendiger Zwang

Beobachtern dürfte wohl eine Frage unmittelbar auf der Zunge liegen: Wieso bringt eine Firma, die sich unter anderem der Vermeidung von Elektroschrott verschrieben hat, bereits nach zwei Jahren einen Nachfolger für das eigene Handy heraus? Die Antwort, die Fairphone-Chef Bas van Abel im Rahmen einer Vorführung gab, ist nachvollziehbar: Um für Transparenz zu sorgen und die Standards in der Industrie zu verbessern, muss man Teil von ihr sein. Auch die Angestellten der Firma müssen von etwas leben – und die Haupteinnahmequelle ist der Geräteverkauf.

Freilich: Wer mit seinem alten Fairphone zufrieden ist, ist nicht gezwungen aufzurüsten. Reparaturen bei Defekten gestalten sich mittlerweile aber schwierig, denn die Ersatzteile sind knapp geworden. Eine Situation, aus der man gelernt und auf die man beim Fairphone 2 reagiert hat. Doch dazu später.

Herausforderung Ersteindruck

Die erste Begegnung mit dem Fairphone 2 – ein Vorproduktionsmodell, das aber bis auf minimale kosmetische Änderungen den fertigen Geräten entsprechen soll – verlief holprig. Schon beim Auspacken fiel ein kleiner Spalt zwischen Displayeinheit und Körper des Handys auf, das übrigens in einer umweltschonenden Verpackung daherkommt. Die Lücke spielt nach Anbringung der rückseitigen Abdeckung optisch keine Rolle mehr, allerdings stellte sich heraus, dass die Frontkamera nur bei Druck auf die Oberseite des Handys funktionieren wollte, ehe sie schließlich gar nicht mehr ansprechbar war.

Der zuerst vermutete technische Defekt war allerdings keiner. Das Testhandy war zuvor schon durch andere Hände gegangen, und der "Vorbesitzer" hatte das Telefon wohl zerlegt, aber nur schlampig wieder zusammengesetzt. Es stellte sich heraus, dass eine nur lose angezogene Schraube verantwortlich für einen fehlenden Kontakt zwischen Kamerachip und Hauptplatine war. Ein paar Handgriffe später funktionierte das Fotomodul wieder reibungslos.

foto: derstandard.at/pichler

Modularität

Der Unachtsamkeit des Erstnutzers hatte das Fairphone 2 nun zu verdanken, dass sich früh zeigte, warum ein modularer Aufbau eines Handys absolut sinnvoll ist. Scheitert man als Laie bei den vielen Geräten ohne abnehmbare Rückseite gerne schon beim Öffnen, muss man bei diesem Smartphone lediglich den Deckel abnehmen und zwei Schiebehalterungen lösen, und kann dann bereits die Displayeinheit vom Rest des Geräts trennen.

Alleine das ist potenziell ein wichtiger Beitrag zur Müllvermeidung und Schonung des Budgets. Beschädigungen des Bildschirms gehören zu den häufigsten Schäden, die Smartphones erleiden. Wo in vielen Fällen eine langwierige und teure Reparatur abgewartet werden muss, werden Fairphone-2-Besitzer die Displayeinheit stattdessen nachbestellen und selber wieder einbauen können.

Dazu gesellen sich drei weitere Module, die separat voneinander ausgewechselt werden können: Eines beherbergt Ohrhörer, ein Mikrofon und die Frontkamera, das zweite die rückseitige Kamera und das dritte das Mikrofon zur Telefonie. Einzige Voraussetzung: ein Torx- und ein kleiner Kreuzschlitz-Schraubenzieher. Auch die Hauptplatine ist grundsätzlich einfach ausbaubar.

Bestnote für Reparierbarkeit

Neben dem Tausch defekter Komponenten – was durch die stoßdämpfende Hülle grundsätzlich nicht so leicht passieren soll – hat van Abel auch die Möglichkeit künftiger Upgrades ins Spiel gebracht. So sei denkbar, dass es einmal Module mit einer neueren Kamera geben könnte. Solange die Steckplätze passen, sollte es beim Fairphone 2 kein Problem mit der künftigen Versorgung mit Ersatzteilen geben.

Auch das erste Fairphone war bereits verhältnismäßig leicht reparierbar. Die wichtigsten Austauscharbeiten können bei seinem Nachfolger nun aber samt und sonders auch von ungeübteren Nutzern durchgeführt werden. Folgerichtig haben das auch die Experten von iFixit goutiert und dem Gerät zehn von zehn Punkten für seine Reparierbarkeit gegeben – drei mehr, als der Erstling erhalten hatte, und die erste Höchstnote für ein Mobiltelefon überhaupt.

foto: derstandard.at/pichler

Schnellerer Chip

Der Standardfall sollte eine Reparatur natürlich nicht sein. Im Alltag dient das Smartphone als Kommunikationszentrale, portable Kamera und Multimediamaschine mit Internetbrowser. Für diese Anforderungen ist das Fairphone 2 deutlich besser gerüstet. Setzte man beim Fairphone 1 noch auf einen Mediatek-Chip der unteren Mittelklasse, ist man nun – auch für besseren Softwaresupport – zu Qualcomm umgeschwenkt. Als Herz dient der Snapdragon-801-Chip, der vergangenes Jahr noch in einigen Flaggschiffen zu finden war und den man heute je nach Sichtweise als unteres Ende des High-End-Segments oder obere Markierung der Mittelklasse betrachten kann.

Ihm stehen zwei GB RAM zur Seite, dazu wurde der interne Speicher auf 32 GB aufgestockt. Wer möchte, kann die Kapazitäten per Micro-SD-Karte vergrößern. Weiters versteht sich das Smartphone mit zwei SIM-Karten, ac-WLAN, 3G und LTE – und zwar allen drei in Mitteleuropa wichtigen Bändern (3, 7, 20). Auch Bluetooth 4.0 LE und GPS-Navigation sind an Bord. Auf NFC muss man allerdings verzichten.

Hardware-Upgrade

Da sich auf der Rückseite aber ein Erweiterungsport befindet, könnte dieses Feature (und auch andere Funktionen) vom Nutzer mit entsprechend bestückten Abdeckungen nachgerüstet werden. Der austauschbare Akku bringt 2.420 mAh mit, was nach heutigen Standards eher sparsam dimensioniert ist. Soweit sich über die Testlaufzeit aber sagen lässt, kommt das Gerät bei durchschnittlicher Nutzung mit ausreichend Reserven über den Tag.

Auf der Vorderseite befindet sich ein Full-HD-Display (1.920 x 1.080 Pixel) mit einer Diagonale von fünf Zoll, das mit überdurchschnittlicher Helligkeit aufwarten kann, in Sachen Kontrast und Farben mit aktuellen High-End-Geräten aber nicht mithält. Dazu ist es in der Voreinstellung etwas "kalt" konfiguriert. Über der Anzeige liegt die Frontkamera, die eine Auflösung von zwei Megapixel bietet. Die rückseitige Kamera liefert acht Megapixel und verfügt über Autofokus sowie einen LED-Blitz. Beide Module stammen von Omnivision.

foto: derstandard.at/pichler

Fairphone OS

Als Betriebssystem kommt Android 5.1 in der firmeneigenen Adaption Fairphone OS zum Einsatz. Diese unterscheidet sich von einem "Vanilla"-System vor allem durch den Verzicht auf die untere Leiste mit Apps für den Schnellstart auf jedem Startbildschirm (die durch einen seitlichen Swipe zugänglich ist), Widgets zur Anzeige der meistgenutzten Apps und Kontakte, eine abschaltbare Vorabprüfung des möglichen Privacy-Impacts durch die Rechte einer gerade gestarteten App und kleinerer Anpassungen der restlichen Oberfläche.

Erwähnenswert sind hinsichtlich des letzteren Punktes etwa, dass im Appdrawer markiert ist, welche Programme kürzlich neu installiert oder aktualisiert wurden. "Inaktive Apps", also Software, die man seit über einem Monat nicht mehr aufgerufen hat, wandert zudem in eine eigene Rubrik am Ende der Sammlung. Die Google-Appsuite ist übrigens vorinstalliert und muss nicht mehr, wie beim ersten Fairphone, manuell aufgespielt werden.

Gute Performance

In Benchmarks entspricht das Handy ungefähr dem, was man für die Hardware erwarten darf. Beim Allroundtest Antutu liegt es mit 44.000 Zählern etwas über dem OnePlus X (ca. 41.000), das ebenfalls mit den Snapdragon 801 aufwartet. Allerdings bezieht sich der Wert beim OnePlus X auf Version 5 des Benchmarks, der mittlerweile in Version 6 vorliegt.

Den Test mit 3DMark verweigerte das Gerät, die App stürzte bereits beim Start mit einer Fehlermeldung ab. Ersatzweise wurde mit dem auf der mobilen Unreal Engine 3 basierenden "Epic Citadel" getestet, wo das Fairphone 2 mit einem Wiedergabeschnitt von knapp 58 Bildern pro Sekunde keine Schwächen zeigte. Der Browser-Test Vellamo spuckt auf Basis von Chrome eine Wertung von 2.900 Punkten aus, der auf dem Niveau des ebenfalls mit Snapdragon 801 laufenden OnePlus liegt.

Die Performance setzt das neue Fairphone auch im Alltag gut um. Während der Navigation durch das System schleicht sich nur ganz selten wahrnehmbares Mikroruckeln ein. Sehr positiv fällt auf, dass auch größere, heruntergeladene Apps extrem flott installiert werden.

foto: derstandard.at/pichler

Schwächen bei Kamera und Akustik

Doch es ist längst nicht alles eitel Wonne beim Fairphone 2. Die Kameras stellen etwa im Vergleich zum diesbezüglich schwach ausgestatteten Vorgänger zwar eine deutliche Verbesserung dar, sind aber weit davon entfernt, Begeisterung auszulösen. Am hellichten Tag fällt die Fotoqualität der rückseitigen Kamera bestenfalls überdurchschnittlich aus. Doch schon ein geringer Schwund an Sonnenlicht sorgt für wahrnehmbares Bildrauschen. Da auch der Auslöser nicht übermäßig schnell ist, geraten Fotos unter dunkleren Verhältnissen auch entsprechend unscharf. Die Frontkamera leidet unter ähnlichen Problemen in gesteigerter Form.

Die akustischen Qualitäten halten sich ebenfalls in Grenzen. Höchst unspektakulär, aber zumindest relativ laut, scheppert der externe Lautsprecher Musik dahin. Kopfhörer oder Lautsprecher sind klar anzuraten. Während die Empfangsstärke für Telefonie und mobiles Internet passabel ist, klingen die Kopfhörerlautsprecher bei Telefonaten etwas leise und verrauscht. In einem sonst ruhigen Wohnzimmer versteht man das Gegenüber damit ausreichend, in belebteren Situationen wirkt sich das Defizit allerdings störender aus. Immerhin, man selbst wird klar und deutlich wahrgenommen. Es bleibt abzuwarten, ob Fairphone hier bei der finalen Version des Gerätes und per Softwareupdate nachbessern kann.

Kein Designhandy

Fehlt noch ein, freilich subjektiver, Blick aufs Äußere. Wer ultraschlanke Designhandys liebt, wird sich mit diesem Smartphone eher nicht anfreunden können und fällt vermutlich auch nicht in seine Zielgruppe. 143 x 73 x 11 Millimeter misst es nämlich und ist mit 168 Gramm bei angelegter Abdeckung auch kein Leichtgewicht mehr.

Die Optik des Fairphone 2 sticht heraus – ob positiv oder negativ bleibt natürlich Geschmackssache. Das Case liegt nicht hinter dem Display an, wie bei praktisch jedem anderen Smartphone, sondern schmiegt sich mit einer schmalen Gummilippe über den Rand. Während das Handy sicher in der Hand liegt, fühlt sich eben dieser Bereich ungewohnt an.

foto: derstandard.at/pichler

Lieferkettenforschung

Abschließend lohnt ein nochmaliger Schwenk auf die Werte, die Fairphone "hinter" dem Handy schaffen will. Das Fairphone 2 wird gefertigt bei Hi-P, einem aufstrebenden Dienstleister mit Sitz in Singapur. Bei der Herstellung des Fairphones soll neben gesicherter Entlohnung über dem üblichen Branchenschnitt auch für bessere Arbeitsbedingungen gesorgt werden – etwa durch den Wegfall exzessiver Überstunden oder der Anstellung von schlecht bezahlten Kurzzeitarbeitskräften zur Beschleunigung der Produktion. Pro verkauftem Gerät wandern fünf Dollar in einen Fonds, über dessen Verwendung die Belegschaft demokratisch abstimmen wird.

Einen "Ernstfall", so lässt sich im Fairphone-Blog nachlesen, gab es schon. Im Dezember wird das gesetzte Ziel von 15.000 hergestellten Handys aus technischen Gründen nicht ganz erreicht werden. Da man möchte, dass Personal ausschließlich auf längerfristiger Basis von zumindest drei Monaten beschäftigt wird, werden einige Vorbesteller etwas länger warten müssen, als geplant.

Bei der Rohstoffbeschaffung konnte man im Vergleich zum ersten Telefon ebenfalls Fortschritte erzielen. Neben Tantal und Zinn kommt nun auch Gold und 50 Prozent des benötigten Wolframs aus Minen, deren Erlöse nicht in die Finanzierung bewaffneter Konflikte fließen. Gemeinsam mit dem österreichischen Leiterplattenhersteller AT&S versucht man zudem, künftig Gold aus Minen zu lukrieren, deren Betreiber gute Mindeststandards hinsichtlich der Arbeitsbedingungen und Entlohnung garantieren.

foto: derstandard.at/pichler

Fazit

Vergleicht man das Fairphone 2 preislich mit anderen Geräten ähnlicher Ausstattung, hält es erwartungsgemäß nicht mit. 529 Euro verlangt man für das Smartphone, gut das Doppelte von Handys wie dem ZUK Z1 oder OnePlus X. Der Aufschlag ergibt sich einerseits aus den verhältnismäßig kleinen Produktionsmengen, aber natürlich auch aus den Initiativen zur Aufarbeitung der Lieferkette, Erschließung fairer Rohstoffe und Initiativen für bessere Arbeitsbedingungen. Daraus ergeben sich wichtige immaterielle Werte, die sich in Geld nicht beziffern lassen.

Daneben gibt es aber auch konkrete technische Fortschritte. Ein zukunftssicherer Prozessor, mehr Speicher und andere Upgrades. Die wichtigste Neuerung ist aber wohl das Hardware-Design unter der Haube. Während Googles verschobenes Project Ara, das Puzzlephone und Konsorten vorerst noch Zukunftsmusik bleiben, markiert der mobile Begleiter den realen Start der modularen Smartphone-Ära. Es liegt nun am Hersteller, das Versprechen von langfristig verfügbaren Ersatzteilen zu halten, die Herstellung von Abdeckungen mit Zusatzfunktionen anzukurbeln und in Zukunft auch die Vision von Upgrades für die wichtigsten Komponenten zu realisieren.

Das man sich eben als sozialer Innovator und nicht als technischer Fortschrittstreiber versteht, zeigt sich allerdings auch in den Schwächen des Gerätes. Während die großteils extern entwickelte Software gut läuft und ein Update auf Android 6 bereits versprochen wurde, erweisen sich vor allem die maue Akustik und die mäßige Kamera als Enttäuschung.

Das Fairphone 2 ist abermals kein Angebot für den Massenmarkt, wo größere Hersteller den positiven Marketingwert "fairer" Herstellung offenbar noch geringer einschätzen als Kampfpreise oder den Designfaktor. Vielmehr richtet es sich an jene, die die ambitionierte Mission des Herstellers unterstützen möchten, sich auf ein technisches Experiment einlassen wollen und auch bereit sind, dafür etwas tiefer in die Tasche zu greifen. (Georg Pichler, 21.1.2016)

Kamera-Testbilder

foto: derstandard.at/pichler
Tageslicht (Originaldatei).
foto: derstandard.at/pichler
Innenraum, gemischte Lichtsituation (Originaldatei).
foto: derstandard.at/pichler
Innenraum, gemischte Lichtsituation (Originaldatei).
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Gegenlicht (Originaldatei).
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Abend, HDR (Originaldatei).
foto: derstandard.at/pichler
Nahaufnahme, gemischte Lichtsituation (Originaldatei).
foto: derstandard.at/pichler
Frontkamera, gemischte Lichtsituation (Originaldatei).

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde von Fairphone bereitgestellt.

Links

Fairphone 2

iFixit

AT&S

Hi-P

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