Speedkletterer Ueli Steck: "Bin ein extremer Angsthase"

Interview24. Dezember 2015, 10:18
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Der Schweizer klettert in sagenhaften 2:23 Stunden über die Nordwand auf den Eiger, stürmt in zwei Monaten auf alle 82 Viertausender der Alpen, doch Rekorde interessieren The Swiss Machine "überhaupt nicht"

STANDARD: Sie sind einer der weltbesten Speedkletterer und haben Mitte November in 2:23 Stunden einen neuen Rekord für die Eigernordwandbesteigung aufgestellt. Ist das Risiko bei dem Tempo überhaupt noch kalkulierbar?

Steck: Dieses Mal war das Risiko sehr gering, weil super Verhältnisse geherrscht haben und ich konditionell in einem sehr guten Zustand war. Mein Puls war höchstens bei 160 Schlägen pro Minute, ich bin gemütlich aufgestiegen.

STANDARD: Eine weitere Steigerung scheint demnach möglich. Wo liegt die Grenze?

Steck: Das wissen wir nicht, aber ich bin überzeugt, dass ein Aufstieg unter zwei Stunden möglich ist. Aber man muss schon sagen, dass sich das Bergsteigen generell noch immer auf einem sehr bescheidenen Niveau befindet. Darum sind einfach noch viele Steigerungen möglich.

STANDARD: Inwiefern ist das Niveau bescheiden?

Steck: Wenn man den Leistungsgedanken im Hinterkopf hat, kann man sagen, dass sich im Himalaja in den vergangenen 20, 30 Jahren keine große Steigerung entwickelt hat. Vielleicht liege ich auch falsch, aber ich habe das Gefühl, dass da noch sehr viel Potenzial vorhanden ist. Gerade wenn man Bergsteigen mit anderen Sportarten vergleicht, wo oftmals viel mehr trainiert wird.

STANDARD: Was macht für Sie den Reiz am Speedklettern aus?

Steck: Für mich ist es eine Weiterentwicklung von Technik, Fitness und Details.

STANDARD: Beim Profibergsteigen geht es immer auch um Rekorde und darum, schier Unmögliches zu schaffen. Wie wichtig ist Ihnen das?

Steck: Rekorde interessieren mich überhaupt nicht, sie sind nur Resultate von Prozessen, bei denen alles passen muss. Die Medien schreiben gerne über Rekorde, mich aber treibt die Leidenschaft an. Klar ist aber auch, dass ich davon leben muss. Nur gut Bergsteigen reicht nicht.

STANDARD: Sie werden auch "The Swiss Machine" genannt. Wie würden Sie sich beschreiben? Mutig, furchtlos, zielstrebig?

Steck: Überhaupt nicht furchtlos, nicht mutig, aber sicher sehr zielstrebig.

STANDARD: In Anbetracht ihrer Leistungen klingt das irgendwie leicht absurd.

Steck: Ich bin ein extremer Angsthase, aber das ist gut. Wenn man keine Angst hat, überlebt man nicht lange.

STANDARD: Sie haben heuer in nur 62 Tagen alle 82 Alpen-4000er bestiegen. Die Strecken dazwischen zu Fuß, mit dem Rad oder dem Gleitschirm bewältigt. Ähnliches schaffen andere in einem ganzen Leben nicht. Was hat sie dazu motiviert?

Steck: Mir macht das Bergsteigen einfach Spaß. Ich kannte nur wenige dieser Berge und wollte diese Alpendurchquerung schon lange einmal machen. Das war für mich Grund genug. Etwas zu Hause machen war sicher auch eine große Motivation. Das ist etwas komplett anderes als eine große Expedition. Du bist jeden Tag unterwegs, was schön und speziell ist. Das war eines meiner besten Projekte, die ich je gemacht habe, weil ich jeden Tag Spaß hatte und mich viel bewegen konnte. Außerdem bin ich auch sportlich weitergekommen und habe gute Grundlagen für die Zukunft geschaffen.

STANDARD: 2007 wurden Sie auf der Annapurna von einem Stein getroffen und sind bewusstlos 200 Meter abgestürzt. Wie lang geistert ein derartiger Unfall im Kopf herum?

Steck: Das sind natürlich Momente, die dich bremsen. Aber das ist auch gut so, weil man schnell in den Glauben verfällt, dass alles möglich ist, was sehr, sehr gefährlich ist. Solche Zwischenfälle öffnen dir immer wieder die Augen und machen dich defensiver. Und das ist sehr wichtig, weil man sich meist auf einem sehr schmalen Grat bewegt.

STANDARD: Hatten Sie am Berg schon Todesängste?

Steck: Nein, hatte ich noch nie. Es gab sicher Situationen, wo ich ein Weichei war und mir dachte, jetzt muss ich mich zusammenreißen.

STANDARD: 2014 waren Sie am Shisha Pangma. Dabei kam es zur Tragödie, als zwei Kollegen vor Ihren Augen von einer Lawine in den Tod gerissen wurden. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Steck: Man muss akzeptieren, dass man beim Bergsteigen ein gewisses Risiko eingeht. Egal wie schwierig und wie hoch, es gibt überall ein Risiko. Und speziell beim Shisha Pangma weiß ich, warum es passiert ist. Es ist wichtig, dass man versucht, solche Situationen zu vermeiden.

STANDARD: Wurde zu viel riskiert?

Steck: Unfälle passieren nicht einfach so, sie sind meistens eine Verkettung von unglücklichen Umständen oder Fehlern.

STANDARD: Für die Besteigung der sagenumwobenen Südwand der Annapurna haben Sie den Piolet d'Or, den Oscar für Bergsteiger, erhalten. Allerdings gab es Zweifel bezüglich Nachweis.

Steck: Beim Bergsteigen kann man vieles nicht beweisen, vieles hängt stark von persönlichen Aussagen ab. Ich war in einer Lawine, habe die Kamera verloren und konnte daher den Beweis nicht erbringen. Es gab einige kritische Stimmen. Aber beim Bergsteigen gibt es immer wieder solche Situationen, das muss man akzeptieren. Es gab zwei Leute, die mich unterhalb des Gipfels gesehen haben. Ich glaube, das ist Beweis genug. Das Schöne ist, dass dir diese Erfahrungen und Erlebnisse keiner nehmen kann.

STANDARD: Was fühlen Sie, wenn Sie auf dem Gipfel stehen?

Steck: Dieser Moment ist eigentlich emotionslos. Ich bin voll auf den Aufstieg konzentriert. Wenn ich oben bin, überlege ich sofort, wie ich absteige. Anders ist das auch nicht möglich, wenn man sich am Limit bewegt. Da gibt es kaum Raum für anderweitige Gedanken.

STANDARD: Nach der Auseinandersetzung mit Sherpas am Mount Everest 2013, als Sie mit Steinen beworfen wurden, haben Sie auch ans Aufhören gedacht. Was hat Sie umgestimmt?

Steck: Im ersten Moment reagiert man vielleicht ein bisschen emotional. Ich habe aber schon viel Vertrauen in die Menschen und in die ganze Sache verloren. Ich habe davor gedacht, dass die Welt in den Bergen eine andere ist. Aber das ist eben nicht ganz so. Wo es Menschen gibt, gibt es Konflikte. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis.

STANDARD: Sie sprachen damals von einem Machtkampf zwischen Einheimischen und Profikletterern, zwischen teilweise wie Sklaven betrachteten Sherpas und Parasiten, die nicht zur Profitsteigerung der Sherpas beitragen wollen. Ist Besserung in Sicht?

Steck: Nepal ist eines der korruptesten Länder der Welt. Jeder schaut auf sich. Und dass die Sherpas am Everest versuchen, sich ein möglichst großes Stück des Kuchens zu sichern, ist irgendwie auch verständlich. Solange ein derart großes Business gemacht wird, kann sich die Lage nicht entspannen.

STANDARD: Am Everest kommt es nicht selten zu regelrechten Staus, weil der Andrang sehr groß ist. Was halten Sie davon?

Steck: Ich finde das weder positiv noch negativ, mich kümmert das nicht. Es gibt auch eine starke Diskussion, ob man mit oder ohne Flaschensauerstoff auf den Everest geht. Für mich ist Flaschensauerstoff keine Option. Aber das ist Ansichtssache und man muss akzeptieren, dass es andere Einstellungen gibt.

STANDARD: In seinem Buch "Zwischen Flow und Narzissmus" schreibt Manfred Ruoss, dass Sie nach all Ihren Alleingängen in den gefährlichsten Wänden der Welt in einer Sackgasse stecken würden, weil es immer schwieriger wird, sich selbst weiter zu überbieten. Ein nachvollziehbarer Gedanke?

Steck: Schmeißen Sie das Buch in den Eimer. Wir haben nie miteinander geredet. Es ist nicht seriös, eine Person zu analysieren, die man noch nie gesehen hat.

STANDARD: Ruoss unterstellt Ihnen, dass Sie das Bergsteigen wie ein Süchtiger betreiben. Trifft das zu?

Steck: Wenn man ehrgeizig ist, muss man schon aufpassen, dass man nicht immer noch mehr will und die Kontrolle nicht verliert. Aber die Schlussfolgerungen von Ruoss sind aus der Luft gegriffen.

STANDARD: Ist der professionelle Alpinismus auf einem guten Weg?

Steck: Er kommt langsam auf einen guten Weg. Allerdings stellt sich auch die Frage: Was ist überhaupt erstrebenswert? Das ist individuell unterschiedlich. Manchen geht es nur um das Erlebnis. Das Schöne ist, dass jeder selbst entscheiden kann, wie er Bergsteigen und was er machen will.

STANDARD: Was planen Sie als nächstes?

Steck: Im Frühling gehe ich mit David Göttler wieder zum Shisha Pangma. Wir wollen eine neue Route probieren. (Thomas Hirner, 24.12.2015)

Ueli Steck (39) ist ein Schweizer Extrembergsteiger. Der gelernte Zimmermann gilt als einer der weltbesten Solokletterer und wurde vor allem durch sehr schnelle Begehungen hochalpiner Routen bekannt.

Rekordzeiten-Entwicklung auf der Eigernordwand (Heckmair-Route):

Die Erstbegeher (Anderl Heckmair, Ludwig Wiggerl Vörg, Fritz Kasparek und Heinrich Harrer) benötigten 1938 drei Tage. Den aktuellen Seilschaftrekord halten Ueli Steck und Nicolas Hojac (3:46 Stunden, 2015). Alleinbegeher sind flotter unterwegs, da sie keine Zeit für Partnersicherung benötigen.

Alleinbegehungen:

1963: Michel Darbellay – 2 Tage
1981: Ueli Bühler – 8:30 Stunden
1982: Francek Knez – 6:00 Stunden
1983: Thomas Bubendorfer – 4:50 Stunden
1983: Reinhard Patscheider – 5:00 Stunden (on sight)
2003: Christoph Hainz – 4:30 Stunden
2007: Ueli Steck – 3:54 Stunden
2008: Ueli Steck – 2:47 Stunden
2011: Daniel Arnold – 2:28 Stunden
2015: Ueli Steck – 2:23 Stunden

Links:

Ueli Steck

Robert Bösch (Fotograf)

  • Ueli Steck krallt sich in das blanke Eis des Khumbugletschers am Fuße des Mount Everest. Steile Wände sind die Spezialität des 39-Jährigen.
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Robert Bösch (Fotograf)
    foto: robert bösch

    Ueli Steck krallt sich in das blanke Eis des Khumbugletschers am Fuße des Mount Everest. Steile Wände sind die Spezialität des 39-Jährigen.

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    Robert Bösch (Fotograf)

  • Steck: "Die Medien schreiben gerne über Rekorde, mich aber treibt die Leidenschaft an. Klar ist aber auch, dass ich davon leben muss. Nur gut Bergsteigen reicht nicht."
    foto: epa/peter klaunzer

    Steck: "Die Medien schreiben gerne über Rekorde, mich aber treibt die Leidenschaft an. Klar ist aber auch, dass ich davon leben muss. Nur gut Bergsteigen reicht nicht."

  • samcam film

    Stecks Rekordbesteigung der Eigernordwand aus der Drohnenperspektive.

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