Indiens Forrest Gump kämpft gegen die Laster der Jugend

23. Dezember 2015, 05:30
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Der 81-jährige Bagicha Singh ist angeblich 580.000 Kilometer kreuz und quer durchs Land marschiert, um die Menschen von Drogen zu befreien

Neu-Delhi – 80 bis 90 Kilo wiegt der selbstgebastelte Rucksack aus Stangen. Selbst jungen Männern fällt es schwer, das Ungetüm mit den beiden riesigen Indien-Flaggen anzuheben. Doch der 81-jährige Bagicha Singh braucht nur 15 Sekunden. Geübt geht er in die Knie, schnallt sich den Rucksack um, stemmt sich mit der Last vorsichtig in die Höhe und stapft los. Kilometer für Kilometer, bis es dunkel wird. Und das seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Medien nennen ihn deshalb auch Indiens Forrest Gump. 23 Jahre ist es her, dass er seine Wanderung kreuz und quer durchs "Land der heiligen Kühe" begann. An einem Wintertag im Jahr 1992 verabschiedete er sich von seiner Mutter und verließ seine Heimatstadt Panipat im nördlichen Bundesstaat Haryana. 580.000 Kilometer habe der Greis seitdem zu Fuß zurückgelegt, schreibt die Times of India.

Jahrelange Pilgerfahrten haben Tradition

Gleichzeitig wird in Indien die Frage gestellt, wie verrückt man eigentlich sein muss, um sich tagein, tagaus einem derartigen Gewaltmarsch auszusetzen. Im Land hat es jedoch lange Tradition, dass Männer, seltener auch Frauen, auf jahrelange Pilgerfahrten gehen. Die meisten sind Sadhus, heilige Männer, die weltlichen Gütern und Genüssen entsagen, um sich ganz der spirituellen Suche und dem religiösen Leben zu widmen. Viele ziehen durchs Land und leben von Almosen.

Immer wieder machen auch Sadhus Schlagzeilen, die sich selbstquälerische Aufgaben auferlegen, um sich aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu befreien. Einige stehen über Jahrzehnte auf einem Bein, schlafen auf Lagern aus Kakteen oder heben Gewichte mit ihrem Penis. Alle Jahre wieder geistert etwa Prahlad Jani durch die Medien, der reklamiert, er habe seit 1940 weder getrunken noch gegessen und lebe allein von Luft.

Wandernder Sozialarbeiter

Doch Bagicha Singh sieht sich nicht als Sadhu, sondern tituliert sich selbst als "Samaj Sevak" – als Sozialarbeiter, als Aktivist. Er ist auf einem Kreuzzug, um Indien von Lastern und Übeln zu befreien. Seine Wanderschaft ist seine Kampagne. Gegen Tabak und Alkohol. Auch gegen Kinderarbeit und Abtreibung von weiblichen Föten tritt er ein. "Wenn die Jugend schwach ist, dann ist das Land schwach", sagt er.

Wenn er durch die Städte zieht, sucht er das Gespräch mit den Menschen, vor allem den jungen. Er hält Vorträge in Schulen und Universitäten über die Gefahren von Drogen. Auf Indiens Politiker ist er nicht gut zu sprechen. Sie würden die Nikotinsucht nicht bekämpfen, weil ihnen die Einnahmen durch die Tabaksteuer wichtiger seien als die Gesundheit von Indiens Jugend.

Bagicha Singh glaubt fest an den Sinn seiner Mission. Die meisten Menschen, mit denen er geredet habe, hätten die Finger von Nikotin und Alkohol gelassen, behauptet er: "Ich bin sehr glücklich darüber. Ich hoffe, dass die Menschen nach und nach die schädlichen Effekte von Tabak erkennen. Heute ist die Nahrung fabrikgemacht, die Leute leiden an neuen Krankheiten, und die Jugend hängt an der Flasche und am Glimmstängel."

Der Körper als Tempel

Er selbst ist sein bestes Aushängeschild. Man mag kaum glauben, dass der Mann mit den sanften Augen und dem freundlich-verschmitzten Lächeln schon über 80 ist. Seine Zähne stehen schief und krumm, aber strahlen so weiß, dass er für Zahnpasta Reklame machen könnte. Er isst kein Fleisch, und angeblich war er seit Jahren nicht krank. Vegetarisches Essen, frische Luft und Wandern bei jedem Wetter hätten sein Immunsystem gestärkt: "Jeder muss sich zuerst um seinen Körper kümmern. Er ist der Tempel, in dem unsere Seele lebt."

Seine Tage beginnt er in aller Früh um fünf Uhr, bis zwölf Uhr marschiert er, um dann zu Mittag zu essen und sich ein wenig auszuruhen, bevor er weitergeht. Aber auch er spüre langsam das Alter, räumt er ein. "Früher bin ich bis neun Uhr abends gewandert, aber aufgrund meines Alters hat die Sehkraft nachgelassen. Jetzt höre ich um sieben Uhr auf." (Christine Möllhoff, 23.12.2015)

  • Bagicha Singh ist auf Politiker nicht gut zu sprechen.
    foto: screenshot/youtube.com

    Bagicha Singh ist auf Politiker nicht gut zu sprechen.

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