Träger Wandel im Umgang mit Alten

25. Dezember 2015, 12:00
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Im Gegensatz zu anderen Ländern wird in Österreich der gesellschaftliche Wandel noch kaum in der Altenpflege berücksichtigt

Wien – Kinder wollen nicht immer das Gleiche wie ihre Eltern. Das ist häufig in der Pubertät der Fall, aber auch dann, wenn Mutter und Vater alt werden. Eine Studie des Instituts für Soziologie der Universität Wien im Auftrag des Wirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2010 zeigte: 70 Prozent der befragten Nachgeborenen sind bereit, ihre pflegebedürftigen Eltern aufzunehmen, jedoch wollen das nur drei Prozent der Studienteilnehmer im Alter von über 60 Jahren.

"Hier findet derzeit ein Kulturwandel statt", sagt Eva Fleischer, die am Management Center Innsbruck (MCI) zu dieser Thematik forscht. "Es stellt sich bloß derzeit noch die Frage, ob die Älteren den Jüngeren ihre eigenen Pflegeerfahrungen ersparen wollen oder ob das dem gesellschaftlichen Trend entspricht, seinen Alltag häufiger individuell statt in familiären Strukturen zu verbringen."

Das ist bislang aber nur eine Tendenz und nicht der Status quo: Gerade in Österreich spielt bei der Pflege, die in erster Linie von Frauen erledigt wird, die Familie immer noch eine zentrale Rolle. Die Mehrheit der Bevölkerung hält das für die Aufgabe der Verwandtschaft, was sich auch in der Praxis zeigt: Laut einem Bericht des Sozialministeriums aus dem Jahr 2012 leben nur 16 Prozent der älteren Pflegebedürftigen in Altersheimen.

Verschiedene Erhebungen zeigen zudem, dass hierzulande circa zwischen 70 und 80 Prozent der Pflegegeldbezieher von ihren Angehörigen betreut werden. Das ist in Skandinavien, wo man auch in dieser Frage das Gemeinwesen in der Hauptverantwortung sieht, ganz anders. In Italien oder Portugal sieht es aber ähnlich aus.

Konservative Tradition

Das habe hierzulande vor allem kulturelle Gründe, sagt die Politikwissenschafterin Fleischer: "Der österreichische Sozialstaat hat in dieser Frage eine recht konservative Tradition. Die Familie trägt die Hauptlast der Betreuungsleistungen, während der Staat nur unterstützend Hilfe leistet."

Daher steht im Mittelpunkt der hiesigen Altenbetreuung vor allem das Pflegegeld, das aber die Angehörigen nicht adäquat subventioniert, wie die FH-Professorin vorrechnet: "Die Leistung wird von den Angehörigen gratis erbracht, ist aber für diese nicht kostenlos." Das Pflegegeld – falls es die Angehörigen überhaupt erhalten – und auch die Pflegekarenz könnten die Einkommensverluste nur zum Teil abdecken, dadurch drohe Altersarmut. "Wenn man das Pflegegeld auf die Zeit, die die Angehörigen durchschnittlich für die Pflege benötigen, aufrechnet, kommt man nur auf einen Stundenlohn von ein bis zwei Euro."

Ohnehin gehe man in der Pflegeorganisation insgesamt derzeit von Prämissen aus, die nicht mehr unbedingt der gesellschaftlichen Realität entsprechen: Der Bau neuer Wohnformen von Heimstandorten werde immer noch von allgemeinen statistischen Werten wie dem Anteil der 85-Jährigen in einer Region abhängig gemacht. Fleischer: "Nur mit der Statistik zu planen ist nicht zielführend. Da gilt es in jedem Fall viele Faktoren wie zum Beispiel das soziale Milieu, den Bildungshintergrund oder die ökonomischen Möglichkeiten der Person zu berücksichtigen."

So wird der gesellschaftliche Wandel in der Pflegeorganisation bislang noch nicht ausreichend bedacht. Das zeigen auch zwei Gruppen, die die Institutionen in den vergangenen Jahrzehnten nicht im Blickfeld hatten, die aber in Zukunft einen nicht unwesentlichen Anteil der zu pflegenden Bevölkerung stellen werden: Migranten und LGBT-Personen.

Im ersteren Fall ist vor allem die sprachliche Barriere ein Problem. In Befragungen stellte sich heraus, dass manche Migrantenkinder den gleichen Zeitaufwand wie für eine demenzkranke Person aufwenden mussten, obwohl ihre Eltern noch zurechnungsfähig waren. Jedoch bedeutete hier Pflege vor allem, als Dolmetscher jeden Termin mit wahrnehmen zu müssen. Dass in diesem Bereich bislang noch nicht viel getan wurde, habe laut Fleischer damit zu tun, dass bei den zuständigen Stellen immer noch Klischees von der südländischen Großfamilie verbreitet sind, die angeblich im Verbund ihre Alten umsorge. Aber auch hier kümmern sich immer häufiger nur einzelne Personen, die mit dafür nicht präparierten Strukturen zu kämpfen haben, um die Pflegebedürftigen.

Die Familie als Hauptträger der Pflegelast entspricht nicht mehr unbedingt der sozialen Realität. Das zeigt sich vor allem bei der auch in diesem Fall lange ignorierten wie diskriminierten LGBT-Community: Homosexuelle Menschen und Transgender-Personen können nicht zwangsläufig darauf bauen, von der Verwandtschaft unterstützt zu werden oder von ihren Kindern gepflegt zu werden.

WGs für Homosexuelle

Da ist man im Ausland schon etwas weiter: In den Niederlanden oder in Deutschland an Standorten wie Berlin und München existieren bereits betreute Senioren-WGs für Homosexuelle. Aber auch in Österreich regt sich langsam etwas: So veröffentlichte im letzten Jahr bereits das Institut für empirische Sozialforschung in Wien eine Untersuchung zu dieser Thematik.

Das Nachdenken über neue Wohnformen sieht die Forscherin ohnehin als eine von zahlreichen Möglichkeiten an, um die Situation zu verbessern: Neben den drei Alternativen der Unterbringung zu Hause, der 24-Stunden-Betreuung und der Pflege im Heim müsse man in allen Bereichen über Mischformen nachdenken und häufiger auf die einzelnen Bedürfnisse von sozialen Gruppen und Individuen eingehen – denn: "Den alten Menschen an sich gibt es nicht", sagt Fleischer.

Besonders wichtig sei, dass eine gesellschaftliche Debatte über das Thema angestoßen und in den einzelnen Fällen ein Dialog zwischen allen Betroffenen und Beteiligten geführt werde. Fleischer verweist auf gute Erfahrungen aus der Jugendbetreuung: Hier kommunizieren Jugendliche, Verwandte, Lehrer und Sozialberater miteinander über Ziele und Kompetenzen, was immer wieder zum Erfolg führt. Und was den Jungen nützt, kann den Alten vielleicht auch nicht schaden. (Johannes Lau, 23.12.2015)

  • Eine Regenbogenfahne schmückt den Gemeinschaftsraum der Wohngemeinschaft für homosexuelle Senioren in Berlin. In Österreich gibt es keine derartige Einrichtung, obwohl sich Homosexuelle in herkömmlichen Altersheimen oft vor Vorurteilen und Diskriminierungen fürchten und zurückziehen.
    foto: apa / dpa / stephanie pilick

    Eine Regenbogenfahne schmückt den Gemeinschaftsraum der Wohngemeinschaft für homosexuelle Senioren in Berlin. In Österreich gibt es keine derartige Einrichtung, obwohl sich Homosexuelle in herkömmlichen Altersheimen oft vor Vorurteilen und Diskriminierungen fürchten und zurückziehen.

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