Warum wir uns gut fühlen, wenn wir teilen

23. Dezember 2015, 12:47
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Ist großzügiges Handeln Charaktersache? Wie lässt es sich evolutionär erklären? Und warum fühlen wir uns besser, wenn wir teilen?

Wien – Den "homo oeconomicus", es gibt ihn nicht. Der Mensch, der nur logisch und eigennützig agiert, ist ein wissenschaftliches Konstrukt, das überholt ist. Dies belegt nicht zuletzt das "Ultimatum-Spiel" aus der Wirtschaftsforschung. Das Setting: Zwei Menschen haben genau einen Versuch, eine Summe X, sagen wir 100 Euro, untereinander aufzuteilen. Einer macht einen Vorschlag, der andere nimmt ihn an oder lehnt ihn ab. Es gibt keine Verhandlung. Wird der Vorschlag abgelehnt, bekommen beide nichts. Zwei Drittel der Vorschläge liegen zwischen 40 und 50 Prozent der Summe. Ein niedriges Angebot ist riskant, weil es abgelehnt werden kann. Mehr als die Hälfte lehnt ein Angebot unter 20 Prozent ab.

Das ist ein irrationales Verhalten, das nicht zum eigenen Vorteil gereicht. Denn selbst weniger als 20 Prozent wären deutlich mehr als nichts. Das von Werner Güth und anderen als praktische Anwendung der Spieltheorie vor rund 30 Jahren experimentell angewandte Ultimatum-Spiel wurde seither in unterschiedlichsten Versuchsanordnungen weiterentwickelt. Es zeigt unabhängig von Alter, Geschlecht und Höhe der Spielsumme das gleiche Ergebnis: nämlich, dass die meisten Menschen sich nicht rational und zu ihrem eigenen Vorteil verhalten. Der Maßstab für "Fairness" ist allerdings kulturabhängig.

Meist ist es kulturell erwünscht zu teilen. Altruismus wird als moralisch "gut" angesehen. Aber in welchem Ausmaß? Und: Wer ist es, der da teilt? Sind es Einzelpersonen oder der Staat? "Institutionell ist Teilen vorrangig über das Steuersystem geregelt. Darüber hinaus gibt es staatliche Zahlungen in Fonds für Notstands- oder Katastrophenhilfe", sagt Herlinde Pauer-Studer, Philosophin an der Uni Wien. Wichtig sei, dass die Kriterien, nach denen geteilt wird, klar und transparent sind.

Moralische Pflicht

Institutionelles, also staatliches Teilen, soll nicht gerechtfertigte Ungleichheiten kompensieren. "Dies ist der Fall, wenn der Wohlstand einiger Gruppen zulasten anderer geht. Brisant wird es, wenn Menschen drastisch weniger haben als privilegierte andere oder sogar weniger, als sie zum Leben brauchen", sagt Pauer-Studer.

Ein Sonderfall ist für die auf Ethik, politische sowie feministische Philosophie spezialisierte Professorin eine unmittelbare Notsituation: "Auch für die Einzelperson gibt es normative Gründe, anderen etwas zu geben. Dies sind moralische Hilfspflichten gegenüber in Not geratenen Menschen."

Aber: Wo fängt die Not an und wie weit reicht die Hilfspflicht? "Ein Kriterium ist: In unmittelbaren Notsituationen verdienen andere Hilfe, wenn dies keine Beeinträchtigung der eigenen Grundbedürfnisse und der eigenen Lebensform bedingt", so Pauer-Studer. Aber: "Die meisten ethischen Theorien überlassen es dem Ermessen des Einzelnen, wie sie oder er in konkreten Situationen diese Hilfspflichten auslegt."

Dem Einzelnen, so zeige die Erfahrung, liege aber die Jacke näher als die Hose. Mit anderen Worten: Wir helfen eher jenen, die uns nahestehen. "Die Schaffung staatlicher Institutionen des Teilens ist wichtig, um unsere 'natürliche Parteilichkeit' auszugleichen. "Wir verspüren gegenüber Menschen in unserem Nahbereich stärkere Verpflichtungen als gegenüber Fremden", sagt Pauer-Studer.

Daher sei es wichtig, staatliche und internationale Organisationen in die Pflicht zu nehmen: "Strukturelle Ungleichheiten können effektiv nur durch Reformen auf institutioneller Ebene bewältigt werden. Wenn der Staat beginnt, ethische Verantwortlichkeiten auf die private Ebene auszulagern, dann ist dies nicht nur ein moralisches Versagen des Staates, sondern auch vom Lösungsansatz her falsch: Der Druck auf Einzelpersonen wird so enorm hoch. Jene, die sich über die Maßen in die Pflicht genommen fühlen, beginnen sich moralisch zu immunisieren", meint Pauer- Studer.

Nicht nur uns nahestehenden Personen helfen wir lieber, sondern vor allem jenen, mit denen wir verwandt sind. Warum das so ist, erklärt die Verhaltensbiologin Sabine Tebbich von der Uni Wien: "Teilen ist ein Aspekt von Altruismus, beim Menschen, aber auch bei Tieren. Es gibt zum Beispiel soziale Insekten wie die Bienen." Charles Darwin habe früh erkannt, dass das ein Widerspruch zu seiner Evolutionstheorie ist.

"William D. Hamilton hat Darwins Dilemma aufgelöst, in dem er deren Verhalten über ihre Verwandtschaft erklärt hat: Wenn du jemandem hilfst, mit dem du verwandt bist, hilfst du deinen eigenen Genen, also im weitesten Sinn deiner eigenen Fortpflanzung", so Tebbich. Das erklärt aber noch nicht den Altruismus zwischen Nichtverwandten. Den gibt es, so Tebbich, auch im Tierreich: zum Beispiel zwischen den Vampir-Fledermäusen. Die fütterten einander mit Blut, auch wenn sie nicht verwandt sind.

Altruismus bei Tieren

"Robert Trivers hat dieses Phänomen 1971 reziproken Altruismus genannt, also 'Hilfst du mir, helf ich dir'", sagt die Verhaltensbiologin. "Reziproken Altruismus gibt es also auch bei Tieren, Menschen aber sind hyperkooperativ. Sie sind sicher die kooperativste Tierart von allen." Beim Menschen gebe es auch die indirekte Reziprozität: Also ich helfe jemandem und bekomme es von einem anderen zurück. "Das ist natürlich sehr anfällig für Betrügereien. Aber gerade diese Herausforderungen an den kognitiven Prozess haben vermutlich maßgeblich zur Evolution menschlicher Intelligenz beigetragen", so Tebbich.

An dieser Stelle wird der Altruismus schon recht komplex: "Voraussetzung für die indirekte Reziprozität sind gute Kooperationspartner, man kennt sich, man verlässt sich aufeinander", sagt Tebbich. "Das ist eine hohe Infoleistung: Sie erfordert Sinn für Fairness und bringt ein soziales Konstrukt wie Freundschaft hervor."

Eine hyperkooperative Gesellschaft habe große evolutive Vorteile. "Das hat seinen Ursprung in den Jäger- und Sammlergesellschaften, als gemeinsames Jagen das Überleben gesichert hat", so Tebbich. Zum Teilen von Information brauche es viel soziale Kognition: "Dass du weißt, dass ich etwas weiß, was du nicht weißt, das ist eine große Erkenntnisleistung", sagt Tebbich. "Lehren ist eine Besonderheit des Menschen. Es ist mehr als Vormachen. Während du das tust, hast du keinen Vorteil davon. Das gibt es im Tierreich ganz selten: Erdmännchen etwa bringen ihren Jungen bei, wie man Skorpione tötet."

Dazu komme: "Teilen ist intrinsisch motiviert, wir fühlen uns gut, wenn wir es tun." Das wird hormonell über den Oxytocynhaushalt gesteuert. "Oxytocyngabe führt zu einer starken Gruppenidentität und fördert die Außenaggression", so Tebbich. Ihre Conclusio: Unsere Kultur basiert auf Kooperation, sie ist mit ein Grund, warum der Mensch in seiner Ausbreitung so erfolgreich war.

Altruismus ist also ein biologisch gesehen vorteilhaftes Verhalten, aber in unseren Gesellschaften auch religiös untermauert. "Prophetische Texte im Alten Testament rufen zum Teilen auf", sagt die Religionswissenschafterin Marianne Grohmann, Vorstand des Wiener Instituts für Alttestamentliche Wissenschaft.

"So werden zum Beispiel in Vers 7 im 3. Jesajabuch (Jes 56-66) ganz konkrete und klare ethische Richtlinien zum Teilen von Nahrung, Wohnung und Kleidung gegeben: 'Brich dem Hungrigen dein Brot! Heimatlose Arme bring in Dein Haus!'" In den biblischen Worten führt soziales Verhalten gegenüber den Mitmenschen und vor allem gegenüber den Benachteiligten laut Grohmann "dazu, dass 'die Seele satt wird'. Es ist genug für alle da." (Tanja Paar, 23.12.2015)

  • Teilen ist ein Aspekt von Altruismus, beim Menschen, aber auch bei Tieren. In den Hohen Tauern teilen sich diese beiden Murmeltiere eine Karotte.
    foto: picturedesk.com / rex features / duncan usher

    Teilen ist ein Aspekt von Altruismus, beim Menschen, aber auch bei Tieren. In den Hohen Tauern teilen sich diese beiden Murmeltiere eine Karotte.

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