Der Ölpreis pumpt die Konjunktur nicht mehr auf

Kommentar der anderen21. Dezember 2015, 17:19
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Milliarden werden durch die niedrigen Preise für Rohöl "frei" – als Nullsummenspiel zugunsten der Konsumenten. Bei den Produzenten hemmen sie Investitionen, sorgen für Unsicherheit und treiben so die Weltwirtschaft kaum nach oben

Eine der größten wirtschaftlichen Überraschungen des Jahres 2015 ist, dass der verblüffende Fall der Ölpreise dem globalen Wachstum keinen größeren Schub verliehen hat. Trotz des Preiseinbruchs von über 115 US-Dollar im Juni 2014 auf zuletzt weit unter 40 Dollar deuten die meisten makroökonomischen Modelle darauf hin, dass die Auswirkung auf das weltweite Wachstum geringer ist als erwartet: vielleicht 0,5 Prozent des globalen BIPs.

Die gute Nachricht ist, dass sich dieser bescheidene, aber willkommene Effekt auf das Wachstum vermutlich auch 2016 fortsetzen wird. Die schlechte Nachricht ist, dass die niedrigen Preise die ölexportierenden Länder noch stärker unter Druck setzen werden.

Der jüngste Rückgang der Ölpreise hat dieselbe Größenordnung wie der nachfragebedingte Rückgang der Jahre 1985- 1986, als die Opec-Mitglieder (sprich: Saudi-Arabien) beschlossen, ihre Lieferreduzierungen rückgängig zu machen, um Marktanteile zurückzugewinnen. Er ist ebenfalls vergleichbar mit dem nachfragebedingten Preiszusammenbruch der Jahre 2008-2009, der auf die globale Finanzkrise folgte. Soweit ein Ölpreisrückgang durch Nachfragefaktoren bedingt ist, würde man keine größeren positiven Auswirkungen erwarten; der Ölpreis ist eher automatischer Stabilisator als eine exogene Kraft, die die Weltwirtschaft antreibt. Erschütterungen beim Angebot sollten allerdings eigentlich deutliche positive Auswirkungen haben.

Zwei Ursachen

Obwohl sich der Preisschock von 2014-2015 nicht so klar einordnen lässt wie die beiden früheren Episoden, scheint er in annähernd gleichem Umfang durch Nachfrage- und durch Angebotsfaktoren bedingt zu sein. Mit Sicherheit hat der Abschwung in China, das eine Neuorientierung in Richtung Binnenkonsum verfolgt, einen Rückgang bei allen weltweiten Rohstoffpreisen ausgelöst; auch die Metallindices sind 2015 steil zurückgegangen. (Der Goldpreis etwa lag mit 1050 Dollar pro Unze Ende November deutlich unter dem Höchstwert von fast 1890 Dollar im September 2011, und die Kupferpreise sind seit 2011 fast ebenso stark gesunken.)

Neue Angebote

Neue Angebotsquellen für Öl waren jedoch mindestens genauso wichtig. Dank der Schieferölrevolution ist die US-Ölproduktion von fünf Millionen Barrel täglich im Jahr 2008 auf 9,3 Millionen Barrel im Jahr 2015 gestiegen – ein Angebotsboom, der bisher trotz des Zusammenbruchs der Preise weiter anhält. Erwartungen an einen Anstieg der iranischen Ölproduktion nach Ende der Sanktionen haben sich ebenfalls auf die Märkte ausgewirkt.

Ein Rückgang der Ölpreise ist zu einem gewissen Grad ein Nullsummenspiel, bei dem die Produzenten verlieren und die Verbraucher gewinnen. Die gängige Sichtweise besagt, dass niedrigere Preise die globale Nachfrage ankurbeln, weil die Verbraucher dazu neigen, das zusätzliche Geld größtenteils auszugeben, während sich die Produzenten in der Regel dadurch an die Situation anpassen, dass sie ihre Rücklagen angreifen.

2015 war dieser Verhaltensunterschied weniger ausgeprägt als sonst. Ein Grund hierfür ist, dass die energieimportierenden Schwellenländer heute einen viel größeren wirtschaftlichen Einfluss haben als in den 1980er-Jahren, ihre Herangehensweise in Hinblick auf die Ölmärkte ist deutlich interventionistischer als jene der hochentwickelten Länder.

Länder wie Indien und China stabilisieren die Privatkundenmärkte für Energie durch staatliche Subventionen, um die Verbraucherpreise niedrig zu halten. Die Kosten dieser Subventionen waren auf dem Gipfel der Ölpreisentwicklung enorm, und viele Länder waren bereits intensiv auf der Suche nach Möglichkeiten, sie zurückzufahren. Angesichts fallender Ölpreise haben die Regierungen in den Schwellenländern daher die Gelegenheit genutzt, um die staatlichen Subventionen zu senken.

Zugleich sind viele Ölexporteure gezwungen, angesichts steil fallender Einnahmen ihre Ausgabenplanung zurückzuschrauben. Selbst Saudi-Arabien steht trotz seiner enormen Öl- und Finanzreserven unter Druck, was auf die schnell wachsende Bevölkerung und mit den Konflikten im Nahen Osten verbundene höhere Militärausgaben zurückzuführen ist.

Die gedämpften Auswirkungen der Ölpreise auf das globale Wachstum sollten nicht völlig überraschen. Wissenschafter haben seit langem in diese Richtung argumentiert. Öl wird inzwischen nicht mehr so stark als die unabhängige Triebkraft des Wirtschaftszyklus betrachtet, für die man es einst gehalten hat. Und ein steiler Rückgang der energiebezogenen Investitionen bremst das Wachstum zusätzlich. Nach Jahren hohen Wachstums sind die weltweiten Investitionen in die Ölproduktion und -erschließung 2015 um 150 Milliarden Dollar zurückgegangen. Irgendwann wird sich das bei den Preisen bemerkbar machen, aber nur langsam und allmählich: Die Terminmärkte gehen erst für 2020 von einem Anstieg der Ölpreise auf 60 Dollar pro Barrel aus.

Es geht so weiter

Die gute Nachricht für 2016 ist, dass die meisten makroökonomischen Modelle von einer Fortsetzung der Auswirkungen niedriger Ölpreise auf das Wachstum ausgehen, und zwar noch für ein paar Jahre. Daher dürften die niedrigeren Preise das Wachstum weiterhin stützen, selbst wenn die ölimportierenden Schwellenländer diese Ersparnisse nutzen, um ihre Subventionen zurückzufahren.

Für Ölproduzenten allerdings steigen die Risiken. Nur einige wenige – insbesondere das schlecht regierte Venezuela – sind unmittelbar am Zusammenbrechen, aber viele stehen am Rande der Rezession. Länder mit freien Wechselkursen wie Kolumbien, Mexiko und Russland haben es bisher trotz erheblich knapperer Kassen geschafft, die Anpassung zu bewältigen (obwohl die Lage für Russland, falls die niedrigen Ölpreise weiterbestehen, prekär bleibt). Länder mit starren Wechselkursen hingegen werden derzeit auf eine härtere Probe gestellt. Saudi-Arabiens langjährige Dollarbindung etwa, die unantastbar schien, ist in den letzten Wochen enorm unter Druck geraten.

Konservative Politik

Kurz gesagt: Die Ölpreise hatten 2015 nicht ganz die Auswirkungen auf das weltweite Wachstum, die zu Jahresbeginn wahrscheinlich erschienen. Und starke Rücklagen sowie eine relativ konservative makroökonomische Politik haben die meisten wichtigen Produzenten bisher in die Lage versetzt, den enormen fiskalischen Herausforderungen standzuhalten, ohne in eine Krise zu stürzen. Doch im nächsten Jahr könnte das anders aussehen, und zwar nicht im positiven Sinne – besonders für die Ölproduzenten. (Kenneth Rogoff, 21.12.2015)

Aus dem Englischen von Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate.

Kenneth Rogoff (Jahrgang 1953) ist ehemaliger Chefökonom des IWF. Er ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und trägt den Titel "Großmeister" im Schach.

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