Fifa-Ethikkommission sperrt Blatter und Platini für acht Jahre

21. Dezember 2015, 18:03
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Ausschluss von Fußballaktivitäten wegen umstrittener Millionenzahlung

Zürich – Nicht gerade mit Engelszungen, aber in vier Sprachen und mit allerlei Zitaten setzte sich Joseph S. Blatter zur Wehr. "Es geht um Menschlichkeit", zitierte der sichtlich mitgenommene 79-Jährige Nelson Mandela, als er mit der Klage über seine achtjährige Sperre durch die rechtsprechende Kammer der Ethikkommission des Weltverbandes (Fifa) anhob. Nach zum Teil wirren Ausführungen ("Es tut mir leid, dass ich immer noch ein Punchingball bin") und weinerlich-patscherten Unschuldsbeteuerungen ("Ich habe niemals mit Geld betrogen") gab er den Terminator: "I'll be back". Der Schweizer will alle Mittel ausschöpfen, um doch noch einen ehrenvollen Abschied von seinem Lebenswerk zu bekommen – am 26. Februar 2016, wenn der neue Fifa-Präsident gewählt wird.

Michel Platini, am Montag von den Fifa-Ethikern ebenfalls für acht Jahre gesperrt und mit einer höheren Geldstrafe als Blatter belegt (80.000 zu 45.000 Schweizer Franken) hätte Boss der Fußballwelt werden können. Der 60-jährige Franzose verliert also Handfesteres. Er gab sich jedoch nicht für eine Schmiere à la Blatter her, ließ nur aus der Ferne via Nachrichtenagentur AFP mitteilen, dass er das Urteil als "echte Maskerade" empfinde, mit seinem "Gewissen im Reinen" sei und sich den Gang vor zivile Gerichte überlege, "um Schadenersatz für all die Vorverurteilungen, die ich in sehr langen Wochen erdulden musste, zu erhalten".

Uefa steht hinter Platini

Wie Blatter wird er aber auch erst das Berufungsgericht der Fifa und dann den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne bemühen. Schließlich sei das Urteil "nur ein armseliger Vorwand für den Wunsch, mich aus der Welt des Fußballs zu eliminieren". Der aktuell nicht amtierende Präsident der europäischen Fußballunion (Uefa) hat noch die Rückendeckung seines Kontinentalverbandes. Die Uefa sei "enttäuscht" über das Urteil und "unterstützt Michel Platinis Recht auf ein ordentliches Verfahren und die Möglichkeit, seinen Namen reinzuwaschen", hieß es in einer Aussendung.

Da auch die Mühlen der Fußballjustiz eher langsam mahlen, wird sich Platini kaum noch der Wahl zum Fifa-Präsidenten stellen können. Für die Europäer scheint nun Uefa-Generaldirektor Gianni Infantino Fixstarter zu sein, er gilt aber gegen den asiatischen Verbandschef Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa aus Bahrain als Außenseiter.

Mündliche Absprache nicht überzeugend

Dem 45-jährigen Schweizer Infantino steht noch die "Leumundsprüfung" der Fifa bevor. Es ist aber nicht anzunehmen, dass ihm auch nur annähernd so Schwerwiegendes angelastet werden könnte wie "Blattini" im nun beinahe abgeschlossenen Verfahren. Platini hatte im Jahr 2011 von Blatter 1,8 Millionen Euro erhalten – angeblich für zwischen 1998 und 2002 geleistete Beratertätigkeiten. Die Ethikkommission urteilte, Blatter habe in "seiner Eigenschaft als Fifa-Präsident" eine Zahlung bewilligt, "die einer rechtlichen Grundlage im zwischen den beiden Offiziellen am 25. August 1999 schriftlich abgeschlossenen Vertrag entbehrte". Beide hätten keine "andere rechtliche Grundlage" nachweisen können. Die "Behauptung einer mündlichen Absprache" wurde als "nicht überzeugend" abgewiesen.

Für eine Verurteilung wegen Bestechung und Korruption nach Fifa-Definition reichte es nicht, wohl aber wegen Annahme und Gewährung von Geschenken und sonstigen Vorteilen, wegen Interessenkonflikten und wegen Verstößen gegen allgemeine Verhaltensregeln. Dass der CAS, der schon Platinis Berufung gegen die ursprüngliche Suspendierung für 90 Tage verworfen hat, die Urteile aufhebt, gilt dennoch als unwahrscheinlich. (sid, lü, 21.12.2015)

Joseph S. Blatter (79 Jahre):
Geboren: 10. März 1936 in Visp/Schweiz
Wohnort: Zürich
Diplomierter Volkswirt

Funktionen in der Fifa:
1975–1981: Technischer Direktor
1981–1998: Generalsekretär
seit 1998: Präsident

Michel Platini (60 Jahre):
Geboren: 21. Juni 1955 in Joeuf/Frankreich

Karriere als Spieler:
1973–1979 AS Nancy-Lorraine
1979–1982 AS Saint-Etienne
1982–1987 Juventus Turin
72 Länderspiele, 41 Tore

Größte Erfolge als Spieler:
* Europameister 1984
* WM-Dritter 1986
* Europas Fußballer des Jahres 1983–85
* Französischer Meister 1981
* Italienischer Meister 1984, 1986
* Europacupsieger der Landesmeister 1985
* Europacupsieger der Cupsieger 1984
* Weltpokal-Gewinner 1985

Weitere Karriere:
1988–1992 französischer Teamchef
1992–1998 Co-Präsident des WM-Organisationskomitees 1998
2002 Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees
Seit 2007 Uefa-Präsident

  • Joseph S. Blatter tritt in Zürich zur Pressekonferenz an.
    foto: apa/epa/kraemer

    Joseph S. Blatter tritt in Zürich zur Pressekonferenz an.

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