Unterwegs im Frankenland: Rückert und Samba, Orient und Poesie

8. Jänner 2016, 05:30
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2016 begehen Schweinfurt und Coburg das Friedrich-Rückert-Jahr. Auf der Spurensuche nach dem sprachbegabten Poeten und Orientalisten, der vor 150 Jahren verstarb, lernt man auch das Frankenland kennen

Seit 1890 sitzt Friedrich Rückert in einem hohen Sessel und schaut grimmig auf den Schweinfurter Marktplatz hinunter. Wenn man wissen will, was für ein Mensch der Schriftsteller und Orientalist war, darf man sich allerdings nicht nur dieses Denkmal in seiner unterfränkischen Geburtsstadt anschauen. Möchte man erkunden, wo er aufgeblüht ist, muss man auch sein langjähriges Wohnhaus in Coburg-Neuses in Oberfranken besuchen. Friedrichs Ururenkel Klaus Rückert und dessen Frau Christel haben das Haus in ein bewohntes Rückert-Museum verwandelt.

foto: florian flieger
Im bayerischen Schweinfurt wurde 1788 der Orientalist Friedrich Rückert geboren.

Im Jahr 2016 rechnen Schweinfurt und Coburg mit etlichen Besuchern, die den am 31. Januar 1866, also vor 150 Jahren verstorben Rückert, ein wenig besser kennenlernen wollen. Das ganze Jahr 2016 ist zum Rückert-Jahr ausgerufen worden, im Jänner bereits wird in Coburg ein Rückert-Preis vergeben. Ein Literaturpreis, der sich – aktueller kann ein Thema kaum sein – mit der Literatur der islamischen Welt befasst.

Weltpoet in 44 Sprachen

Im April wird in der Schweinfurter Kunsthalle eine Ausstellung eröffnet, die danach in Erlangen, wo Rückert längere Zeit eine Professur hatte, und in Coburg gezeigt werden soll. Sie thematisiert Rückerts Leben von 1788 bis 1866 als das eines Weltpoeten, der Dichter, Orientalist und Zeitkritiker war. Dazu sollte man wissen: Der Orient galt im 19. Jahrhunderts en vouge, bei Adligen und Kaufleuten ebenso wie bei Malern und Literaten. Und Friedrich Rückert war gewissermaßen ein Pendant zu dem gefragten Wiener Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall, den Rückert in den Jahren 1818/19 in Wien besuchte, um bei ihm Persisch zu lernen.

foto: tourismus coburg
Schloss Callenberg

Der Franke eignete sich insgesamt 44 Sprachen aus sieben verschiedenen Sprachfamilien an. Dennoch hat er die Regionen, in denen diese Sprachen gesprochen wurden, nie bereist. Was trieb ihn also an, sich in so vielfältige Sprachen und Kulturen zu vertiefen? Es war die Suche nach der Ursprache der Menschheit.

Liebe seines Lebens

Nach Coburg war Friedrich Rückert im Jahr 1820 gekommen. Ihn lockte die Bibliothek des Herzogs. Direkt gegenüber dieser Bibliothek quartierte er sich in einem Mansardenzimmer ein. In der Stadt fand er nicht nur geistige Anregung in der Herzogsbibliothek, er traf hier auch die Liebe seines Lebens: Luise Wiethaus, die Stieftochter seines Vermieters.

Die Reise ins Frankenland, nach Schweinfurt und Coburg, lohnt aber nicht nur wegen Friedrich Rückerts Vermächtnis. Schweinfurt, früher eine freie Reichsstadt, später ein Zentrum der Metall- und Kugellagerindustrie, ist eine vergleichsweise wohlhabende Stadt – und verfügt über ein erstaunlich vielfältiges kulturelles Angebot. Die Schweinfurter Kunsthalle konzentriert sich auf Kunst der klassischen Moderne und der Gegenwart, das Museum Georg Schäfer präsentiert die bedeutendste Privatsammlung Deutschlands von Kunst aus dem 19. Jahrhundert, darunter auch mehrere Spitzweg-Originale.

Drei Sparten und Samba

Während Schweinfurt durch seine Museen beeindruckt, lohnt in Coburg ein Besuch des Landestheaters, eines Drei-Sparten-Hauses, das aus dem herzoglichen Hoftheater hervorgegangen ist. Vom 8. bis zum 10. Juli 2016 zeigt sich Coburg noch von einer ganz anderen Seite: Dann wird die Innenstadt zum Schauplatz des größten Sambafestivals Europas.

foto: tourismus coburg
Samba und Coburg

Dass Friedrich Rückert, der zumeist in seine Bücher vertieft war, mitgetanzt hätte, ist schwer vorstellbar – vermutlich würde er in dieser Zeit der Stadt Schweinfurt einen Besuch abstatten. Immer wieder pendelte er zwischen den beiden Städten.

In der Regel absolvierte Rückert die rund 140 Kilometer lange Strecke zu Fuß – und Reisende, die es ihm gleichtun wollen, können dabei einem bestens markierten Wanderweg folgen, der als Rückerts "Lebensweg" durch die idyllischen Haßberge führt. In drei bis fünf Tagesetappen geht man auf diesem Weg vom Geburtshaus in Schweinfurt vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten bis nach Coburg-Neuses und steht zuletzt neben der Dorfkirche am Grab des Dichters und Orientalisten. (Florian Flieger, 8.1.2016)

Anreise: Von Wien sind es jeweils rund 600 Kilometer bis Schweinfurt oder Coburg. Mit dem Zug in rund sechs Stunden via Nürnberg.

Unterkunft: z. B. Arcadia Hotel Schweinfurt-Maininsel, Maininsel 10-12, Schweinfurt: arcadia-hotel.de; Romantik Hotel Goldene Traube Coburg, Am Viktoriabrunnen 2, Coburg: www.goldenetraube.com

Info: Zu Friedrich Rückert: Rückert-Gesellschaft e.V. in Schweinfurt: www.rueckert-gesellschaft.de

Zu Schweinfurt: Tourist-Information: www.schweinfurt360.de

Zu Coburg: www.coburg-tourist.de

Rückert-Jahr: Ausstellung "Der Weltpoet – Friedrich Rückert 1788 – 1866". In Schweinfurt 8.4. bis zum 10.7., in Erlangen 24.07. – 13.11. und in Coburg 15.01. – 19.04.2017

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