Verzweifelter Kampf um Überlebende nach Chinas Erdrutschkatastrophe

21. Dezember 2015, 15:20
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85 Menschen werden noch vermisst. Erneut war es kein Naturunglück, sondern ein durch Menschen ausgelöstes Desaster

Funktionäre im neuen Gewerbegebiet "Strahlendes Licht" am Rande der südchinesischen Stadt Shenzhen waren wieder einmal zu leichtsinnig und zu gierig. Ungeachtet aller Proteste von Anwohnern und der Warnungen von Umweltprüfern erlaubten sie einer Firma, mit einem aufgegebenen Steinbruch lukrative Geschäfte zu machen.

Die Funktionäre machten daraus eine illegale Deponie unmittelbar vor den Werkstätten und Wohnsiedlungen des Gewerbegebiets für Erdaushub, Bauschutt und Konstruktionsmüll aller Art und Menge. Jede neue Lastwagenfuhre brachte ihnen eine Gebühr von 250 Yuan (30 Euro) ein, erfuhren Reporter der "Beijing News". Andere schrieben sogar von 400 Yuan pro Lkw-Ladung. Die Deponie scheffelte Millionen und wuchs auf mehr als 100 Meter Höhe an.

Es brauchte keinen Anstoß von außen, um Sonntagvormittag eine verheerende Erdrutschlawine auszulösen, die alles auf ihrem Weg begrub. Hongkongs South China Morning Post (SCMP) zitierte den Baufachmann Wang Zhenxin: Das Desaster sei die "Folge einer Instabilität des Schuttberges." Ein riesiger Geröllhaufen kam ins Rutschen, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua. Die Lawine verwüstete und bedeckte 14 Fabrikhallen und mehr als ein Dutzend Büros, Wohnblocks und andere Gebäude.

"Da war immer noch Schlamm"

"Eine mehr als zehn Meter hohe Schlamm- und Steineschicht dehnt sich über 380.000 Quadratmeter Fläche aus", sagte Shenzhens Vizebürgermeister Liu Qingsheng auf seiner Pressekonferenz. Anhaltender Nieselregen ließ Geröll und Erde verklumpen. "An Stellen, wo wir Überlebende vermuteten, gruben wir bis neun Meter tief. Aber da war immer noch Schlamm, und wir gerieten selbst in Gefahr", sagte Yang Shengjun, Bauamtdirektor von Shenzhen.

Retter hatten den ganzen Montag schwache Lebenssignale der vermutlich in Gebäuden oder unter eingestürzten Mauern verschütteten 91 Menschen, darunter 32 Frauen vernommen. Sie orteten sie mit ihren Detektoren. Aber sie konnten bis zum Abend nur sechs an der Oberfläche Verschüttete bergen. Selbst mit dem Einsatz von 78 Spezialbaggern kamen sie nicht weiter. Mehr als 3.000 Helfer mit mehr als hundert Feuerwehrwagen mit Spürhunden, Drohnen und anderen Geräten waren im Einsatz.

"Schlimmster Erdrutsch in einer Stadt"

Der Geologe Liu Guonan vom Akademieinstitut der Bahnbehörde nannte es den "schlimmsten Erdrutsch in einer Stadt. So etwas kannten wir bisher nur aus den Bergen." Zum Chaos und zur Panik trug eine offenbar vom Erdrutsch ausgelöste Explosion der am Industriepark vorbei verlegten West-Ost-Gaspipeline bei, meldete das chinesische Staatsfernsehen CCTV. Menschen sollen dabei nicht zu Schaden gekommen sein.

Im Sonderwirtschaftsgebiet der Metropole Shenzhen direkt vor Hongkong leben mehr als zehn Millionen Menschen. Shenzhen gehört zu Chinas modernsten und technologisch bestausgerüsteten Großstädten. Umso stärker schockierte das Unglück die Öffentlichkeit: "Es lässt uns erkennen, dass einige Städte zwar in ihrer Wirtschaftsentwicklung und Innovation mit an erster Stelle der Welt stehen, aber in ihrer sozialen Verwaltung im Ackerbauzeitalter stehengeblieben sind. Weil diese Kluft so ungeheuerlich groß ist, können wir das Unglück nicht einfach hinnehmen", empörte sich ein Leitartikel in der "Beijing News."

Lebensrettende Fischteiche

Im Gewerbegebiet hatte man dabei Glück, weil am Sonntag im Industriepark nicht gearbeitet wurde. Zudem konnten sich von den fast 1.000 Menschen 900 in Sicherheit bringen, als die Erd- und Gerölllawine von großen Fischteichen kurzfristig aufgehalten wurde. Es war für viele ein kostbarer kurzer Zeitgewinn, um sich zu retten. Lokalreporter beschrieben vier Stockwerke hoch spritzende Wasserfontänen, als die Schmutzlawine die Teiche überrollten.

Die chinesischsprachige Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte noch in der Nacht einen kritischen Kommentar über das erneut menschengemachte Desaster und forderte auf, endlich Lehren daraus zu ziehen. "Seit Anfang dieses Jahres reißen Nachrichten über Großunglücke nicht mehr ab. Sie kosten nicht nur viele Menschenleben und hohe Sachschäden, sondern hinterlassen auch schwer heilende Wunden in der Gesellschaft."

Zuletzt war am 12. August ein illegales Chemiefrachtlager in der Hafenstadt Tianjin explodiert mit mehr als 170 Toten und vielen Hundert Verletzten. Obwohl alle Betreiber und ein halbes Dutzend Funktionäre verhaftet wurden, sind die genauen Ursachen des kriminellen Unfalls bis heute nicht veröffentlicht worden. (Johnny Erling aus Peking, 21.12.2015)

  • Blick von oben auf den Unglücksort.
    foto: epa

    Blick von oben auf den Unglücksort.

  • Rettungskräfte im Einsatz.
    foto: reuters

    Rettungskräfte im Einsatz.

  • Suche nach Überlebenden.
    foto: epa/freddy chan

    Suche nach Überlebenden.

  • 91 Menschen werden noch vermisst.
    foto: reuters/stringer

    91 Menschen werden noch vermisst.

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