Mit kleinem Budget gegen große Plattenfirmen

21. Dezember 2015, 07:00
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Jenseits der Klassik wird Musik in Österreich eher bescheiden gefördert. Seit zehn Jahren übernimmt diese Aufgabe der Österreichische Musikfonds. Ein Gespräch über Digitalisierung, Quoten und Förderstrukturen

Wien – Es war schon einmal schlechter. Dieser Befund gilt derzeit für viele nicht nur hinsichtlich des österreichischen Fußballs, auch die heimische Popmusik hat im Sog von Wanda und Co an Image gewonnen. Geht es nach Harry Fuchs, hat das zum Teil auch mit dem vor zehn Jahren ins Leben gerufenen österreichischen Musikfonds zu tun. Der ehemalige Journalist ist Geschäftsführer jenes zarten Förderpflänzchens, das jährlich zwischen 700.000 und 900.000 Euro an Produktionen aus dem Bereich der Popularmusik vergeben kann.

Ansuchen dürfen laut Statut in Österreich lebende Künstler und Produzenten für aktuelle Albumproduktionen, die sich nicht ohne Zuschuss finanzieren lassen und gewisses "Marktpotenzial" haben. Das Geld kommt teils vom Kulturministerium, teils von den Verwertungsgesellschaften. Auch der ORF, zwischenzeitlich ausgestiegen, tritt ab 2016 wieder als Fördergeber auf. "Da war politischer Druck nötig", sagt Fuchs.

Zwischen 2001 und 2013 ist der physische Tonträgerverkauf um 80 Prozent zurückgegangen. "Die 40 bestverdienenden Musiker in den USA machen ihr Geld heute zu achtzig Prozent mit dem Livegeschäft, zehn Prozent mit Tonträgern und nur ein bis zwei Prozent mit Streaming im Internet", rechnet Fuchs vor. Da in Österreich noch verhältnismäßig viele CDs gekauft werden, stehe das Schlimmste möglicherweise noch bevor. Mit dem Musikfonds könne man etwas gegensteuern.

3200 Einreichungen

In den zehn Jahren seines Bestehens haben 30 Ausschreibungen, sogenannte Calls, stattgefunden. Von insgesamt 3200 Einreichungen konnten 18 Prozent gefördert werden, das sind etwa 60 pro Jahr. Im Schnitt hätten die Künstler laut Fuchs 10.000 Euro pro Produktion erhalten. Zugeschossen werden 50 Prozent der Produktionskosten bis zu einer Maximalhöhe von 50.000 Euro. Die 20-köpfige Vergabejury ist mit Leuten aus unterschiedlichen Bereichen und Genres besetzt, darunter Musiker, Produzenten, Journalisten und Marketingfachleute.

"Von der Jury ist prinzipiell nicht nur der künstlerische Aspekt, sondern auch das Vermarktungspotenzial zu bewerten", sagt Fuchs. "Die Jury bemüht sich aber darum, möglichst alle Genres – von der zeitgenössischen E-Musik über Elektronik und Jazz bis hin zu allen Pop-Rock-Genres – zu fördern." In den Genuss kamen dabei so unterschiedliche Künstler wie Bilderbuch, Elektro Guzzi oder Die Seer. Die Auswahl korrespondiere in etwa mit den jeweiligen Einreichungen. "Wenn in einem Call relativ viel Pop und wenig Jazz dabei ist, dann wird man bei der Auswahl wahrscheinlich mehr Pop fördern. Es sei denn, die Qualität ist besonders herausragend", erklärt Fuchs.

Wels statt Berlin

Gerald Hoffmann, als Elektro-Rapper Gerard bekannt, wurde bisher zweimal vom Musikfonds unterstützt. "In Deutschland beneidet man uns um unsere Eigenständigkeit", sagt er. Der Musikfonds sei zentral gewesen, als es darum ging, von den großen Major-Plattenfirmen wegzukommen. "In Deutschland hingegen hat man sich vor allem am Markt orientiert und geschaut, was man kopieren könnte."

Ganz ähnlich sieht das der Produzent Alexander Kahr, der u. a. Hits für Christina Stürmer und Tagträumer schrieb. "Plötzlich gab es die Möglichkeit, etwas ohne 360-Grad-Knebelvertrag der Major-Labels zu machen. Künstler wie Wanda, Julian Le Play oder Tagträumer kommen alle aus dem Independentbereich – Leute, die von den Majors gar nicht mehr gefunden wurden." Auch die Produzenten, bis dahin "die Sklaven der großen Firmen", hätten dadurch an Freiheit gewonnen, so Kahr.

Hoffmann glaubt, dass jetzt die erste Generation am Werk sei, die erkannt habe, dass Erfolg nicht nur von Plattenfirmen, Radiosendern oder dem Wohnort abhängig ist. "Vor Jahren wollte jeder nach Berlin ziehen. Auch ich hatte zunächst in Deutschland mehr Erfolg, aber das hatte damit zu tun, dass ich meine Songs online gestellt habe. Und da war es egal, ob ich im Kinderzimmer in Wels, Berlin oder Wien gesessen bin."

Fluch und Segen der Digitalisierung sind exemplarisch auch an Streamingdiensten wie Spotify abzulesen. Die Grundidee dahinter halten Kahr und Hoffmann für richtig. Aber fair laufe es derzeit noch bei keinem Dienst. "Die großen Labels sind Teilhaber an den Diensten. Also wird ein an sich gutes Tool schon wieder vereinnahmt", kritisiert Hoffmann. Für die USA gebe es Zahlen, dass man, um 1200 Dollar auf Youtube zu verdienen, rund eine Million Klicks braucht, so Harry Fuchs.

Alles zur Klassik

Von der unlängst eingeführten Festplattenabgabe erwartet sich Fuchs auch eine Steigerung des Musikfonds-Budgets. Aller Selbstvermarktung zum Trotz hält man auch auf die Einhaltung der freiwilligen ORF-Radioquote für österreichische Musik große Stücke. "Wichtig ist aber, das nicht nur zwischen drei und vier Uhr nachts zu spielen, sondern zu Zeiten, wo die Leute das auch hören", sagt Hoffmann.

Eine gesetzlich bindende Quote sei laut dem Musiker, der seine Jus-Diplomarbeit zu dem Thema verfasste, schon allein wegen geltenden EU-Rechts schwierig. "Ich verstehe aber sowieso nicht, warum manche Radios solche Angst vor österreichischer Musik haben. Man ist zwar stolz auf die Identität der Vergangenheit, vergisst aber, dass ja gerade jetzt auch Identität fortgeschrieben wird."

Harry Fuchs weist in dem Zusammenhang auf die Förderverteilung in Österreich hin: "Von 110 Millionen, die der Bund für Musik ausschüttet, gehen 105 in die Klassik. Der will ich ihren Stellenwert nicht absprechen, aber die Popularmusik ist massiv unterrepräsentiert." Musikverbände fordern daher eine Erhöhung des Musikfonds auf fünf Millionen Euro.

Gegen Gratiskultur

Für die Zukunft wünscht sich Fuchs die Möglichkeit einer Marketing- und Vertriebsförderung. Das beträfe allerdings die Wirtschaftsfördertöpfe. Und dort sei das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Musikindustrie mit ihren tausenden Arbeitsplätzen noch nicht angekommen. An Bewusstsein fehle es teils auch bei Gratisevents wie dem Wiener Popfest. Das sei zwar als Plattform "extrem wichtig", aber man pflanze auch in den Köpfen, "dass ich Musik eh gratis bekomme", so Fuchs.

Als Vorbild könne das Musikexportland Schweden gelten. Nicht nur hinsichtlich der breiten Förderung, auch die gute Musikausbildung sei entscheidend, weil das die spätere Zahlungsbereitschaft erhöhe. Wiederbelebt hätte Fuchs gerne die alte Idee eines Musikförderungsgesetzes. Für den Film gibt es das seit 1981. "Und wie man sieht, hat sich das ja ausgezahlt", meint Fuchs. (Stefan Weiss, 21.12.2015)

  • Harry Fuchs, (48), ist seit 2005 Geschäftsführer des Österreichischen Musikfonds.
    andy urban

    Harry Fuchs, (48), ist seit 2005 Geschäftsführer des Österreichischen Musikfonds.

  • Gerald Hoffmann, (28), ist als Musiker unter dem Namen Gerard bekannt.
    andy urban

    Gerald Hoffmann, (28), ist als Musiker unter dem Namen Gerard bekannt.

  • Alexander Kahr, (50), ist seit 1990 als Produzent und Komponist tätig.
    andy urban

    Alexander Kahr, (50), ist seit 1990 als Produzent und Komponist tätig.

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