Alternativen zu Griss: Warum nicht Häupl?

Kolumne20. Dezember 2015, 16:56
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Das Argument, der Wiener Bürgermeister würde im Westen nicht ankommen, ist überwindbar

Nach jüngsten Medienberichten steht Rudolf Hundstorfer als SPÖ-Kandidat für die Hofburg fest. Wenn es aber nach den Umfragen ginge, lägen die angeblichen Fixstarter der beiden Koalitionsparteien weit zurück. Nur 18 Prozent von 400 Befragten wollen laut Gallup Erwin Pröll (ÖVP) und gar nur 13 Prozent Hundstorfer wählen. Hingegen hätten sich Mitte November 35 Prozent für Irmgard Griss und 34 Prozent für den Grünen Alexander Van der Bellen entschieden. Griss tritt an, Van der Bellen zögert noch.

Zwischen diesen beiden wählen zu können wäre nach dem Geschmack der gebildeten Schichten – nicht aber nach den Vorstellungen einfach Gestrickter. Die würden jemand wollen, der oder die wenigstens indirekt gegen den Islam auftritt und Flüchtlingsobergrenzen forciert. Zaunbauer sollte der Fischer-Nachfolger sowieso sein.

Pröll erspart sich solche Bekenntnisse, weil über Tschechien keine Flüchtlinge kommen. Hundstorfer ist Wiener und deshalb auch nur indirekt betroffen. Beide sind differenzierter, als sie scheinen, beide sind zwar keine Intellektuellen, sich aber dessen bewusst, dass die Hofburg kein Boulevardtheater ist.

Angesichts der Umfragewerte wächst die Unsicherheit über die Stärke der beiden Parteifavoriten. Man redet über Alternativen. Die Zahl solcher Kandidaten ist überschaubar. Und durch die Kandidatur der rechtsliberalen Griss sinken die Chancen sowohl von Pröll als auch von Hundstorfer. Der SPÖ-Minister müsste sich gegen die Staatsnotarin Griss linksliberal positionieren, was Michael Häupl besser könnte. Die Art, wie er den Wiener Wahlkampf geführt hat, machte ihn zu einem starken Kandidaten.

Unüberwindbares Argument

Das Argument, Häupl würde im Westen nicht ankommen, ist überwindbar. Schon einmal in der jüngeren Geschichte hat es ein Wiener Bürgermeister in die Hofburg geschafft: Franz Jonas war von 1965 bis 1974 Bundespräsident. Der gelernte Setzer war im Lebensstil das Gegenteil. Für Besucher gab es nur "russischen" Tee mit Birne oder Apfel – ein Asket.

Weil es – gleichzeitig mit der Präsidentenwahl im kommenden Jahr – die Regierung zerlegen könnte, müssten sich die Koalitionsparteien Gedanken machen, mit wem sie in Neuwahlen gingen. Weder Werner Faymann noch Reinhold Mitterlehner sind Rampentypen. Trotzdem ist anzunehmen, dass sie ihre Parteien in eine Wahlkampagne führen.

Beide würden gegen den Demagogen Heinz-Christian Strache verlieren. Der FPÖ-Chef könnte sich den Koalitionspartner aussuchen: Bei der SPÖ in Form des rot-blauen Praktikanten Hans Niessl, bei der ÖVP böte sich Sebastian Kurz als Vizekanzler an – ein mittlerweile geübter Regierer. Sein "Populismus light" verfängt sogar bei Hochgebildeten, Kritik an ihm wird in der ÖVP fast schon als Majestätsbeleidigung gewertet.

Ein Generationen- und Regierungswechsel könnte also viel früher stattfinden als erwartet, ein massiver Rechtsruck wäre die Folge.

Dem oder der dann schon gewählten Bundespräsidenten/-in käme eine Schlüsselrolle zu. Nur Staatsnotar(in) zu sein wäre zu wenig. (Gerfried Sperl, 20.12.2015)

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