EZB wird Geldpolitik 2016 nicht straffen

20. Dezember 2015, 11:54
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Notenbank wird Geldschleusen weiter offen halten – Volkswirte richten Fokus vor allem auf März-Sitzung des EZB-Rats – US-Zinswende könnte Euro weiter schwächen

Frankfurt – EZB-Präsident Mario Draghi wird die hartnäckig niedrige Inflation im Euroraum wohl auch nächstes Jahr nicht so schnell los. Zwar hat die Zentralbank ihre Geldschleusen gerade erst noch einmal weiter geöffnet. Volkswirten zufolge wird dies aber nicht ausreichen, um angesichts des anhaltenden Ölpreisverfalls für eine stärkere Teuerung zu sorgen.

Die Euro-Notenbank wird ihr Inflationsziel damit wohl weiter verfehlen. "Wir erwarten deshalb, dass die EZB ihre Geldpolitik 2016 noch einmal lockern wird", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Als unwahrscheinlich gelten bei den meisten Experten wegen der zuletzt etwas besseren Konjunkturdaten und des Widerstands innerhalb des EZB-Rats aber radikale Maßnahmen.

"Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es noch einmal expansiver wird, ist größer, als dass man zu einer Normalisierung im kommenden Jahr findet", schätzt auch NordLB-Volkswirt Mario Gruppe. Als nächster kritischer Termin für die Notenbank gilt der März. Dann liegen den Währungshütern zu ihrer Zinssitzung neue Inflations- und Konjunkturprognosen aus dem eigenen Haus vor. Aktuell liegt die Teuerung noch weit von der Zielmarke von knapp zwei Prozent entfernt, die Draghi als ideal für die Wirtschaft anpeilt. Im November zogen die Preise nur um 0,2 Prozent an.

Um die Konjunktur und die Inflation anzukurbeln, hatte der EZB-Rat Anfang Dezember unter anderem beschlossen, das in Deutschland umstrittene Anleihen-Kaufprogramm jetzt bis mindestens März 2017 laufen zu lassen. Der Strafzins für Geschäftsbanken, wenn diese Geld bei der EZB parken, wurde zudem leicht verschärft. Der sogenannte Einlagensatz liegt inzwischen bei minus 0,3 Prozent. Einige Finanzmarktakteure hatten aber noch stärkere Schritte von Draghi erwartet – insbesondere eine Ausweitung der monatlichen Anleihen-Käufe.

Gelegene Entwicklung

Wegen der Zinswende in den USA sehen Volkswirte den Euro 2016 weiter unter Druck – eine Entwicklung, die der EZB gelegen kommen dürfte. "Es besteht die Möglichkeit einer weiteren Abwertung des Euro und das ist das Beste, was der Eurozone passieren kann", so der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Dies könnte den Druck von Draghi nehmen, rasch weitere geldpolitische Schritte einzuleiten. Denn mit einem schwächeren Euro werden Produkte aus dem Währungsraum auf dem Weltmarkt noch günstiger. Und das hilft der Konjunktur – und befeuert auch die Preisentwicklung.

LBBW-Volkswirt Jens-Oliver Niklasch zufolge kann aber das von der US-Notenbank Fed gerade beschlossene Ende der Nullzinsära auch negative Folgen für den Euro-Raum haben – zum Beispiel, wenn die Renditen langlaufender europäischer Staatsanleihen im Sog der USA steigen. "Und das wirkt konjunkturbremsend", so Niklasch. "Das wäre ein Argument für die EZB, weiter zu lockern."

Commerzbanker Krämer geht davon aus, dass die Euro-Wächter 2016 den Einlagenzins auf minus 0,4 Prozent setzen werden. Auch eine erneute Verschiebung des Endzeitpunkts der Anleihenkäufe hält er für möglich. Mit einem ganz großen Schritt – etwa einer Aufstockung der monatlichen Käufe – rechnet Krämer allerdings nicht. Für LBBW-Volkswirt Niklasch wird der Ölpreis ein wichtiger Einflussfaktor für die weiteren Schritte der EZB sein. "Wenn es beim Ölpreis noch weiter abwärtsgeht, dann wird sehr schnell die Fantasie auf weitere Lockerung ins Kraut schießen." Der Preis für die Nordsee-Sorte Brent lag zuletzt nur noch bei rund 37 Dollar pro Fass.

Für die Notenbank hat der niedrige Ölpreis zwei Seiten. Einerseits stützt er die Konjunktur, weil die Rohstoffkosten der Unternehmen sinken und Haushalte wegen kleinerer Tank- und Energierechnungen mehr Geld in der Tasche haben. Auf der anderen Seite rückt mit einem anhaltend niedrigen Ölpreis das mittelfristige Inflationsziel der Währungshüter immer weiter in die Ferne. Genau dies zu erreichen, ist aber zentrale Aufgabe der Geldpolitik der EZB. Denn sonst droht eine Deflation, eine gefährliche Spirale aus fallenden Preisen, sinkenden Löhnen und fehlenden Investitionen. (APA, Reuters, 20.12.2015)

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