Antonio Fian: Die stille Zeit

20. Dezember 2015, 11:14
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(Das Strandbad in Klagenfurt in einer Dezembernacht 2015, menschenleer bis auf, am Ende des Steges, einen ehemaligen Beachvolleyball-Nachwuchsspieler in Stiefeln, schwarzen Hosen und einer schwarzen Jacke mit der Aufschrift "Security". Er schreibt einige Zeit in ein Heft, das er auf den Knien hält, legt dann den Stift zur Seite und liest sich vor. Während er liest, nähert sich vom Eingang her unbemerkt ein zweiter ehemaliger Beachvolleyball-Nachwuchsspieler, auch er in Security-Uniform.)

DER ERSTE: Weihnochten, die stille Zeit, / dos wäre jo nicht schlecht so weit. / Doch ist es so? Ich soge: Nein. / Die Menschen schrein und kaufen ein / und denken an Geschäfte nur, / von Stille nirgendst eine Spur. // Es follt kein Schnee, am See kein Eis, / dos ist des Klimawondels Preis. / Nur Nebel, Smog, Benzingestonk, / do wird Immanuel sölbst kronk. / Im Strondbod woch' ich nun allein. / Kümmert dos wen? Oh nein, kein Schwein! / Man jogt nur noch der Hure Göld. / Wos ture ich auf dieser Wölt? (Legt das Heft weg und starrt aufs Wasser.)

DER ZWEITE: Guat.

DER ERSTE (fährt erschrocken herum): Du? I gedocht, du kronk, weil nit bist kummen.

DER ZWEITE: Zeit iwasegn. Beim Gerold gwesn.

DER ERSTE: Ah, beim Gerold.

DER ZWEITE: Gaude, waßt eh. Zeit iwasegn.

DER ERSTE: Jacqueline aa do gwesn?

DER ZWEITE: Naa.

DER ERSTE: Natalie aa nit?

DER ZWEITE (schüttelt den Kopf): Nur Gerold und i.

(Pause)

DER ERSTE (zeigt auf das Heft): Guat, manst?

DER ZWEITE: Guat. Vur ollem taugt ma, doss du nit sogst Imme, sondern Immanuel.

DER ERSTE: Versmoß hot valongt.

DER ZWEITE: I waß.

(Pause)

DER ERSTE: Sigrun aa nix do gwesen? Jennifer?

DER ZWEITE (schüttelt den Kopf): Nur Gerold und i.

(Pause)

DER ERSTE: Gaude gwesen?

DER ZWEITE (nickt): Zeit iwasegn.

(Pause.)

DER ERSTE (zu sich): Zeit iwasegn ...

(Pause. Sie starren aufs Wasser.

Vorhang)

(Antonion Fian, 19.12.2015)

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