Weihnachten: Leise rieseln die Daten

Kommentar der anderen18. Dezember 2015, 17:08
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Alles wird mit Sensoren ausgestattet, die unser Verhalten, unsere Bewegungen und Gespräche verdaten. Leise rieseln unsere Daten in die gigantischen Silos der Unternehmen, wo sie für uns nicht mehr kontrollierbar verknüpft und ausgewertet werden

Hmm ... apparently something isn't working right. Let's talk later." sind die ersten Worte die meine neue "Hello Barbie"-Puppe sagt. Diese habe ich mir vorab selbst zu Weihnachten geschenkt – aus beruflichem Interesse. Millionen von Menschen werden sich zu Weihnachten auch bei uns über neue technische Spielzeuge freuen. Die Trends dieses Jahres sind laut den Branchenverbänden vor allem intelligente Uhren, Fitnessarmbänder, Smartphones und kabellose Lautsprecher.

Die Geschenketrends spiegeln eine Entwicklung wider: Unser Alltagsleben wird immer digitaler, vernetzter und automatisierter. Überall und jederzeit werden Daten über uns erhoben und gespeichert. Intelligente Uhren fordern uns auf, uns mehr zu bewegen. Neben der Schrittzahl messen sie gleich auch den Puls und können diese Daten mit dem Arzt oder der Krankenkasse teilen. Und sollten wir uns mal eine Woche zu wenig bewegen, könnte bald die Krankenkasse mahnend auffordern, dies zu tun. Private Krankenversicherungen arbeiten mit Hochdruck an der Verknüpfung solcher gesammelten Daten und einer individuellen Bemessung der Beitragshöhe.

Smartphones sind schon jetzt nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Auf unsere persönlichen Daten wie unser Adressbuch oder unseren Standort haben viele Zugriff. Wer weiß schon, welcher App man bei der Installation welche Rechte eingeräumt hat? Die meisten Betreiber dieser Apps versuchen immer intensiver, unsere privaten Daten zu Geld zu machen.

Die "Hello Barbie"-Puppe führt all dies zusammen: Sie unterhält sich mit ihrem Gegenüber und zeichnet alle Gespräche in ihrem Umfeld auf. Sie ist ausgestattet mit WLAN, Mikrofon und Lautsprecher und kann mit dem Internet verbunden werden. Gesprächsaufnahmen werden an Server der kalifornischen Firma geschickt, um diese auszuwerten und ein Unterhaltungsprofil zu erstellen. Die Hello Barbie kommt fröhlich daher, in Wirklichkeit ist sie eine Wanze im Kinderzimmer.

Techno-Trend

Der generelle Trend dieses Weihnachten sind neue Technologien, die uns ein Mehr an Gesundheit und Komfort oder wie bei der Barbie eine ständig verfügbare Gesprächs- und Spielpartnerin versprechen. Gleichzeitig dringen diese Technologien immer weiter in unsere eigenen vier Wände vor. Es sind datenhungrige Weihnachtsgeschenke. Alles um uns herum wird mit Sensoren ausgestattet, die unser Verhalten, unsere Bewegungen und Gespräche verdaten. Leise rieseln unsere Daten in die gigantischen Datensilos der jeweiligen Unternehmen, wo sie für uns längst nicht mehr kontrollierbar verknüpft und ausgewertet werden. So entsteht über jeden von uns ein digitaler Datenschatten, der nicht nur unser Internet- oder Telefonverhalten, sondern jeden unserer Schritte und umfassend vergangene und bald auch zukünftige Entscheidungen kennt.

Zu viel Bequemlichkeit

Zu den Feiertagen sollte man aus der Bequemlichkeit ausbrechen und sich die Zeit nehmen, Geschäftsbedingungen und Datenschutzhinweise durchzulesen und nach Meinungen Dritter zu suchen. Denn die Bedrohung unserer Privatsphäre durch unscheinbar daherkommende Spielzeuge wird allzu oft verkannt. So schlittern wir in eine Gesellschaft, in der alles verdatet wird, um auf Basis dieser Daten, mittels komplizierter Berechnungen, Erkenntnisse zu gewinnen, die die kleinen und großen Risiken des Alltags minimieren sollen. Dem blinden Glauben folgend, dass, wenn Algorithmen erst unser Leben umfassend mitbestimmen, uns keine Gefahr, außer dem Zufall, noch treffen kann. Risikolosigkeit als Versprechen für die Aufgabe unserer Selbstbestimmung und Privatsphäre.

Statt privater Risikolosigkeit geht es den Unternehmen in Wirklichkeit um eine Privatisierung wirtschaftlicher Risiken. Die Folge kann eine Abkehr vom solidarischen Miteinander sein. Statt freier Entfaltung steht Konformität im Mittelpunkt. Die Menschen sollen möglichst nicht von vorgegebenen Normen abweichen, möglichst nicht auffallen, und damit durch die (unterbewusste) Veränderung des eigenen Verhaltens Risiken minimieren. Um diese Überwachung und Unfreiheit abzuwenden, braucht es mehr Selbstbestimmung und mehr Privatsphäre.

Unsere heutigen Weihnachtsgeschenke werfen somit grundlegende ethische und politische Fragen auf. Hier muss auch die Politik handeln. Zum einen muss sie eine längst überfällige gesellschaftliche Debatte moderieren, in welcher digitalen Zukunft wir miteinander leben wollen. Es braucht einen gesellschaftlichen Konsens, wie ein gutes Leben im Zeitalter der Digitalisierung aussieht. Zum anderen muss die Wahrung unserer Grundrechte effektiv sichergestellt sein. Die Teilhabe am technischen Fortschritt darf nicht weiterhin die gleichzeitige Aufgabe unserer elementaren Rechte bedeuten.

Nationales Versagen

Wenn auch die meisten nationalen Regierungen hier bisher kläglich versagen: Hoffnung macht die europäische Ebene. Mit der sich abzeichnenden Datenschutzgrundverordnung werden erste generelle und verpflichtende Regeln für die gesamte EU geschaffen, die im Bewusstsein der Entwicklungen von Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung entstanden sind. Martin Schulz hat als Präsident des europäischen Parlaments eine Grundrechtecharta für das digitale Zeitalter gefordert.

Die Selbstbestimmung über unsere Daten und damit unser Leben im digitalen Zeitalter braucht eine starke Verteidigung. Eine digitale Grundrechtecharta kann dieses Bollwerk unserer Selbstbestimmung sein. Und mit diesem Gedanken kann man zumindest hoffnungsvoll in das neue Jahr starten. (Malte Spitz, 18.12.2015)

Malte Spitz (31) ist Datenschutzaktivist, Autor und Politiker (Grüne) und lebt mit Frau und zwei Kindern in Berlin. 2014 veröffentlichte er "Was macht ihr mit meinen Daten?" bei Hoffmann und Campe, er begibt sich darin auf eine Expedition auf der Suche nach seinen Daten.

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