Gergiev/Trifonov: Drahtseilakt zwischen Genie und Wahnwitz

18. Dezember 2015, 16:40
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Dirigent Valery Gergiev und Pianist Daniil Trifonov im Musikverein

Wien – "Solche Zärtlichkeit und gleichzeitig ein solch teuflisches Element" – das hörte Klavierlegende Marta Argerich im Spiel ihres jungen Kollegen Daniil Trifonov schon vor vier Jahren. Damals war der Russe gerade 20. Die Reaktionen des Publikums am Mittwoch im Musikverein schienen bereits einer Legende zu huldigen.

Der Jubel steigerte sich nach der Zugabe ins Tumultuöse. In der Tat ist Trifonovs eigene Bearbeitung der Fledermaus-Ouvertüre (die sich auch im World Wide Web nachhören lässt) ein erstaunliches Unding, das ähnliche Unternehmungen aus der Virtuosenliteratur blass aussehen lässt.

Schrei nach Superlativen

Vor allem aber das Spiel des Pianisten, der auch noch komponiert, schreit nach Superlativen: Es ist so ungeheuer wendig und physisch elegant, dass es pures Vergnügen macht, den hurtigen und gestochen scharfen Verrenkungen zuzuhören – und beinahe übersehen lässt, dass jedenfalls diese Transkription in ihrer Substanz vollkommen flach bleibt.

Trifonovs Part war auch bei Rachmaninows 3. Klavierkonzert uneingeschränkt bewundernswert – und von so drängender Energie, dass die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev zumindest im ersten Satz immer einen Tick zurückzubleiben schienen. So unglaublich fähig der Musiker in seiner Jugend auch ist, so sehr stellt sich auch die Frage, wie lange er eine solche Energie durchhalten wird können.

Zartheit mit "Teuflischem"

Zärtlichkeit oder besser gesagt: Zartheit verbindet sich bei Trifonov tatsächlich mit etwas "Teuflischem", das sich ohne Weiteres gleichsam als schmaler Grat zwischen (spieltechnischer) Genialität und Wahnsinn beschreiben ließe. Wo der Satan im Bund ist, schwebt bekanntlich die Seele in Gefahr: Von emotionaler Durchdringung war da wenig zu verspüren.

Orchester und Dirigent hingegen zeichneten sich weder durch Zärtliches noch Diabolisches besonders aus. Der Teufel steckte hier höchstens insofern darin, als er das Detail zum Verschwinden brachte. Richard Wagners Lohengrin-Vorspiel und Richard Straussens Frau ohne Schatten-Fantasie steckten meist im wohlklingend übervibrierenden Graubereich des mittleren Forte fest.

Und Alexander Skrjabins Poème de l'extase verkehrte sich ebenfalls zum wohlorganisierten Wohlfühlstück und geriet eher zur gleichförmigen Energieberieselung als zum wellenförmigen Auf und Ab, als das es erst seine Wirkung entfachen würde. Nicht viel anders klang auch der Applaus. (Daniel Ender, 19.12.2015)

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