Sinnlos glücklich sein

Interview19. Dezember 2015, 09:00
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Weihnachtsstress? Alles ist gut. Zu viel Harmonie kann ohnehin gefährlich sein, warnen Philosoph Schmid und Suchtforscher Lagemann

STANDARD: Für einen Lebenskunstexperten und einen Suchtpräventionsfachmann muss die Weihnachtszeit spannend sein: Wir hetzen der Harmonie hinterher, versuchen verzweifelt, besonders glücklich zu sein – und enden nicht selten, in Punsch getränkt, unglücklich unter dem Christbaum. Der ideale Rahmen für eine Feldforschung, oder?

Wilhelm Schmid: Ich fühle natürlich mit den Menschen mit. Früher war ich auch ein Opfer der Weihnachtshektik. Heute kaufe ich die Geschenke im August – und bin im Dezember entspannt. Der Druck, sich glücklich fühlen zu müssen, steigt in dieser Zeit enorm. Und damit wächst natürlich auch die Enttäuschungsanfälligkeit. Daher ist die Gefahr, unglücklich zu sein, niemals im ganzen Jahr größer als zu Weihnachten.

Christoph Lagemann: Harmonie und Besinnlichkeit auf Knopfdruck – das funktioniert natürlich nicht. Ich persönlich gehe bereits ein, zwei Tage vor dem Heiligen Abend in Urlaub.

STANDARD: Warum strebt der Mensch eigentlich schon seit ewigen Zeiten nach dem scheinbar großen Glück?

Schmid: Dieses Streben nach dem Glück, wie wir das kennen, ist eine moderne Erscheinung. Das gab es in der Geschichte so nie. Nach Glück zu streben, konnten sich früher, wenn überhaupt, nur Mächtige und Reiche leisten – aber nicht die breite Masse. Die musste um das blanke Überleben kämpfen. Da hat man dann nicht mehr so viel Zeit, um glücklich zu sein. Heute ist das anderes, da wollen plötzlich alle glücklich sein. Was ich darauf zurückführe, dass in der modernen Zeit für sehr viele Menschen der Sinn abhandengekommen ist. Der Sinn, der lange von der Religion serviert worden ist – wofür bin ich da, was ist mein Platz, was ist mein Ziel, mein Zweck -, ist für moderne Menschen ersatzlos verschwunden. Das ist nicht passiert, das wollten die Menschen so. Vor allem, um die Bevormundung loszuwerden. Doch die Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn überfordert viele – und wird dann übersetzt mit "Was macht mich glücklich?".

STANDARD: Ist das Streben nach Glück also für unsere Gesellschaft zu einem echten Problem geworden?

Lagemann: Es besteht ein gewisser gesellschaftlicher Druck, immer gut drauf zu sein. Das geht aber nicht. Damit steigt die Gefahr, sich dieses Gefühl durch die Einnahme von Substanzen zu verschaffen, und manchmal wird das grenzenlos und endet in einer Sucht. Aber generell glaube ich schon, dass das Streben nach Harmonie, nach Liebe, nach Geborgenheit grundsätzlich im Menschen drin ist.

Schmid: Glaube ich nicht. Es kommt darauf an, wie Glück definiert wird.

STANDARD: Lässt sich Glück definieren?

Schmid: Glück kann sehr unterschiedlich definiert werden. Und erst in der modernen Zeit, ausgehend von Philosophen im 18. Jahrhundert, ist Glück so definiert worden, dass es um die Maximierung von Lust und die Eliminierung von Schmerz geht. Im Grunde weiß jeder Mensch aus eigener Lebenserfahrung, dass das nicht gutgehen kann. Aber trotzdem versuchen es die Menschen. Und machen sich genau deswegen unglücklich, weil sie diese Art von Glück haben wollen.

STANDARD: Also braucht man zu großem Glück eine kräftige Portion Unglück?

Schmid: Ich schlage ein Glück der Fülle vor. Ist Leben immer nur Freude, Harmonie, Erfolg, Spaß und superpositiv? Nein. Es gibt im Leben die gegensätzlichen Erfahrungen. Und dann kann man sich die philosophische Frage stellen: "Kann ich damit einverstanden sein?" Wenn ja, dann wird einem das Glück der Fülle zuteil. Denn das Glück beruht auf Kontrasten. Stellen Sie sich vor, es würde wirklich in unserem Leben permanent alles gutgehen, alle Menschen lächeln uns an, wir können immer, wenn wir wollen, Sex haben – und uns ständig gut fühlen, ohne schlechte Laune. Will im Ernst jemand in so einer Welt leben?

Lagemann: Genau darum geht es uns in der Prävention. Dass Jugendliche wissen, dass man nicht dauerhaft glücklich sein kann, dass auch die Traurigkeit, die Melancholie Teil eines gelingenden Lebens sind. Falsche Vorstellungen vom Glück, falsche Erwartungen sind nicht selten Motiv für den Konsum von Substanzen.

Schmid: Die Menschen, die süchtig werden, sind Opfer der modernen Gesellschaft. Und letztlich der modernen Auffassung von Glück. Aber die meisten Menschen belassen es ja ohnehin bei ein bisschen Alkohol, etwas Nikotin – und einigen genügt es auch, gelegentlich Sex zu haben. Das Wohlfühlglück ist ja nichts Schlechtes, es kann nur eben nicht ständig da sein. Das Glück braucht eine Pause.

STANDARD: Aber ist es nicht auch bis zu einem gewissen Grad legitim, dass Menschen zu Substanzen greifen, die sie zumindest eine gewisse Zeit richtig glücklich machen?

Schmid: Grundsätzlich ist es eine Sache des Menschen selbst. Aber viele können nicht die Konsequenzen ihres Tuns überschauen. Das Problem ist die Art der Substanzen. Ich dope mich jeden Morgen mit einem doppelten Espresso, aber ich kann auch, wenn's sein muss, darauf verzichten.

Lagemann: Im Sinn einer Optimierung ist dagegen nichts einzuwenden. Häufig geht es aber um Maximierung, um mehr, schneller, öfter, und damit beginnt das Risiko der Suchtentwicklung.

STANDARD: In Ihrem Buch "Unglücklich sein – eine Ermutigung" beklagen Sie eine "Diktatur des Glücks". Was meinen Sie damit?

Schmid: Wie schon erwähnt: Die Diktatur des Glücks besteht darin, Menschen weiszumachen, permanent glücklich sein zu können. Lassen wir uns das doch nicht einreden. Glücklich sein ist ein Teil des Lebens, unglücklich sein der andere Teil. Und Philosophen wissen seit alten Zeiten, dass die kreativen und produktiven Menschen immer die unglücklichen Menschen sind.

Lagemann: Kinder und Jugendliche sind einer Spaßkultur ausgeliefert, und wenn sie selbst dem einmal nicht entsprechen, halten sie sich für krank. Darüber mit den Kindern und Jugendlichen zu reflektieren ist vor allem Aufgabe des Elternhauses.

STANDARD: Aber das Unglück strebt doch keiner an. Oder kommen Sie morgens ins Büro und sagen "Heute bin ich unglücklich, aber unglaublich kreativ"?

Lagemann: Natürlich nicht. Man muss es ja auch nicht hinausposaunen. Aber auch unglückliche Tage sind Teil des Lebens.

STANDARD: Denken wir heute zu positiv?

Lagemann: Ich kann mit dieser "Think positive"-Mentalität nichts anfangen. Manches sehe ich eher pessimistisch. Der Zwang zum permanenten Lächeln ist furchtbar.

Schmid: Der moderate Pessimist hat es im Leben leichter. Der sieht nicht immer alles positiv. Mein Lehrmeister war diesbezüglich die Deutsche Bahn: Wenn ich einen Zug besteige, dann denke ich negativ: Dieser Zug wird nicht pünktlich sein, und darauf bereite ich mich vor. Ich vereinbare daher keine knappen Termine. Wenn eintrifft, was ich angenommen habe, gibt es kein Problem, weil ich darauf vorbereitet bin. Und wenn der Zug pünktlich kommt, dann kann ich noch einen Kaffee trinken.

STANDARD: Wann waren Sie zum letzten Mal richtig glücklich?

Lagemann: Als ich mir im Sommer mein neues Motorrad gekauft habe.

Schmid: Also wenn sich einer meiner Söhne ein Motorrad kaufen würde, könnte mich das total unglücklich machen. Ich war gerade in Finnland. Ein wunderbares Land. Da hatte ich viele Glücksmomente. (Markus Rohrhofer, 19.12.2015)

Zu den Personen:

Wilhelm Schmid (62) lebt als freier Philosoph mit Schwerpunkt auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie in Berlin. Der Bestsellerautor ist zudem außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Uni Erfurt.

Christoph Lagemann (59) ist Diplom-Sozialarbeiter und Psychotherapeut und leitet seit 1994 in Linz das Institut Suchtprävention, für das mittlerweile 30 Mitarbeiter tätig sind. Lagemann ist auch Obmann der Arge Suchtvorbeugung.

  • Gipfeltreffen der moderaten Pessimisten: In vielen Punkten waren sich Philosoph Wilhelm Schmid ...
    foto: heribert corn

    Gipfeltreffen der moderaten Pessimisten: In vielen Punkten waren sich Philosoph Wilhelm Schmid ...

  • ... und Psychotherapeut Christoph Lagemann zum Glück einig.
    foto: werner dedl

    ... und Psychotherapeut Christoph Lagemann zum Glück einig.

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