Ein Straßenschild eröffnet eine neue Welt

Userartikel19. Dezember 2015, 10:47
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Was hat Stefan Zweig mit Griechenland und dem Massaker in Stein zu tun?

Seit einem halben Jahr heißt die kleine Gasse von der Justizanstalt Stein entlang des Alauntalbaches zur Ringstraße Gerasimos-Garnelis-Weg. Mit dieser Benennung ehrt die Stadt Krems jenen griechischen Häftling, der wegen seines Widerstandes im besetzten Griechenland gegen den Nationalsozialismus eingesperrt wurde, 1944 nach Stein kam, das Massaker überlebte und bis zu seinem Tod in Krems gelebt hat. Eine Straßenbenennung ist nicht nur ein Erinnerungszeichen, sondern kann auch neue Welten erschließen. Der Garnelis-Weg ist dafür ein Beispiel.

Im Sommer war der griechische Ingenieur Axilleas in Krems auf Urlaub, er habe sich nicht zu viel erwartet und sich nicht einmal die Mühe gemacht, nach Sehenswürdigkeiten vorab Ausschau zu halten, gibt er zu. Krems sei ihm halt ein Begriff, denn immerhin komme es ja in einer Novelle von Stefan Zweig vor.

Bereits an dieser Stelle werden die literaturinteressierten Kremserinnen und Kremser stutzen. Stefan Zweig und Krems? Nie gehört. Dafür braucht es einen griechischen Ingenieur. Tatsächlich wird in der Erzählung "Buchmendel" und in einem Romanfragment "Rausch der Verwandlung" Krems zumindest namentlich erwähnt. Doch warum erreicht diese Erfahrung eines Griechen Krems? Weil es den Garnelis-Weg gibt.

Wie elektrisiert

Der 40-jährige Ingenieur erkundet Krems. Als er am Abend ankommt, scheint ihm die Stadt verlassen (obwohl es noch gar nicht so spät war: halb acht Uhr abends), und er befürchtet, kein Lokal mehr zu finden, wo er auch noch eine Kleinigkeit essen kann. Am Dreifaltigkeitsplatz hat er Glück und so kann er am nächsten Tag seine Erkundung beginnen. Er spaziert Richtung Stein und seine Aufmerksamkeit wird im Vorbeigehen unwillkürlich vom Straßenschild Gerasimos-Garnelis-Weg in Beschlag genommen. Wie elektrisiert sei er gewesen. "I felt like I found a bridge between my country and Krems which is worth crossing and of course learn about it."

Da Axilleas nicht Deutsch kann, ist die Recherche nicht ganz einfach, er begreift, dass hier zu Kriegsende mehr als 300 griechische Häftlinge inhaftiert waren und nicht wenige beim Massaker am 6. April 1945 ermordet worden waren. Zu Hause in Griechenland angekommen, hat er mehr Zeit, im Internet zu recherchieren, findet einen Hinweis auf den Roman "April in Stein" und schreibt dem Verfasser eine E-Mail.

Axilleas hat bei seiner Suche in Griechenland einen weiteren Häftling gefunden, der als Geistlicher in einem Kloster lebt. In einer seiner E-Mails erwähnt er natürlich auch die Geschichte mit Stefan Zweig und Krems. In der Zwischenzeit versucht Axilleas einen Freund zu überzeugen, den Roman in griechischer Übersetzung zu verlegen. Ein kleines Straßenschild kann ein Gedankentor zu einer neuen Welt eröffnen. (Robert Streibel, 19.12.2015)

Robert Streibel ist Historiker, Autor des Romans "April in Stein" (Residenz Verlag, Facebook) und Direktor der Volkshochschule Hietzing. Seine Homepage: streibel.at

Userkommentar von Robert Streibel

  • Der Garnelis-Weg in Krems.
    foto: axilleas

    Der Garnelis-Weg in Krems.

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