Vom Ballast der Materie befreit

18. Dezember 2015, 15:08
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Die Galerie Hubert Winter erinnert an das faszinierende, formal radikal reduzierte Werk des 2003 verstorbenen Fred Sandback

Es ist eine Kunst des Sowohl-als-auch. Oder anders gesagt: Fred Sandbacks Werk ist eines der Koexistenzen. Seine Kunst stecke zwar voller Illusionen, sagte der New Yorker 1973, sei aber dennoch nicht illusionistisch, denn sie verweise auf nichts. "Tatsache und Illusion sind einander ebenbürtig."

Mit ein bisschen Disziplin kann man dieses Vexierspiel zwischen Faktum und Illusion auch an jeder seiner Arbeiten – derzeit etwa in der Galerie Hubert Winter – überprüfen. Disziplin ist deshalb gefragt, weil man sich doch allzu gerne – die Realität fliehend – suggestiv verführen lässt.

Statt roter Wollfäden, die so im Raum aufgespannt sind, dass sie einen rechtwinkligen Knick vollführen, bevor sie in der Decke verschwinden (ohne Titel, 1976), imaginiert man viel lieber die transparente Fläche zwischen dem einerseits akkuraten, stramm gespannten Acrylgarn und den andererseits in ihrer Materialität auch flirrend-weichen, nachgiebigen Wollkanten.

Und freilich würde man es niemals wagen, diese Linien zu überschreiten. Es nützte ja auch nichts – wer kann denn schon durch Wände gehen? Vielmehr schreitet man respektvoll entlang des eleganten, diagonalen Raumakzents.

Fred Sandback (1943-2003) befreite die Skulptur vom Ballast der Materie, bemerkte Kunsthistoriker Carsten Ahrens 1987. Und Galerist Hubert Winter variiert das, wenn er sagt: "Fred hat der Skulptur den Körper entzogen." Auch Körper und Leere sind im minimalistischen Werk von Sandback einander ebenbürtig.

Mit etwas zu spielen, "was gleichzeitig vorhanden und nicht vorhanden war", faszinierte ihn, als er 1966, unzufrieden mit der Skulptur im Allgemeinen (und mit der eigenen im Speziellen), die erste jener Arbeiten schuf, die sein OEuvre zeitlebens bestimmen sollten: Mit Draht und Faden zog Sandback die Kontur eines rechteckigen Körpers nach. Es entstand "ein Volumen von Luft und Licht". Purer kann Skulptur nicht sein.

Mehr Linien als Körper

Mit den durchaus architektonischen Volumen, die seine Fadengespinste zu umschreiben vermögen – man denke an die gigantischen Fadendreiecke, die 2011 einen Saal der Whitechapel Gallery in London dominierten, an seine Paravents oder Dickichte aus Garn -, hat das in Wien Ausgestellte jedoch wenig zu tun. Zu sehen ist mehr der Linie statt ganzen geometrischen Figuren Verpflichtetes.

Zwei Senkrechten aus weißem Garn nehmen sich auf den kalkweißen Mauern eher wie Narben aus (1995). An den Suprematismus erinnert hingegen eine zarte Komposition aus schwarzem, weißem und grauem Faden (1986/87). Und wie ein Speer taucht eine orange-türkisblaue Wolllinie in den Galerieboden ein (1987).

Obwohl Sandbacks sinnliche Geometrien den Raum (be)nutzen, sich in Decken, Böden und Wänden verankern, so ist sein Werk keinesfalls auf die Umgebung bezogen, sagte er. Ja, es "bezieht bestimmte Teile der Umgebung ein, aber es existiert immer mit dieser Umgebung zusammen, statt diese zugunsten einer anderen zu überwältigen oder zu zerstören", stellte er klar. Ein Environment würde hingegen den Umraum in den Schatten stellen.

Über solche feinen Nuancen sprach Sandback immer wieder in Interviews, die in der bei Hatje Cantz 2006 erschienenen Monografie dokumentiert sind. Oft hören sich die Feinheiten verwirrend gleich an: So seien die Skulpturen "nicht von der Struktur eines Ortes abgeleitet", aber "sehr wohl durch einen bestimmten Ort bedingt". Das ist der Moment, wo man dem Faktischen zugunsten der Illusion doch einen Tritt versetzen sollte. (Anne Katrin Feßler, 18.12.2015)

Bis 23. 12.

Galerie Hubert Winter

Breite Gasse 17, 1070 Wien

www.galeriewinter.at

  • Eleganter, diagonaler Raumakzent: Seine Fadenkonstruktionen bezeichnete Fred Sandback auch als Skulpturen ohne Inneres.
    woessner, galerie hubert winter

    Eleganter, diagonaler Raumakzent: Seine Fadenkonstruktionen bezeichnete Fred Sandback auch als Skulpturen ohne Inneres.

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