Frauenarbeitsplatz Supermarktkassa

20. Dezember 2015, 17:00
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Der Handel erweist sich als Mikrokosmos frauenpolitischer Problemstellungen: Frauen verdienen deutlich weniger als Männer, die Teilzeitquote ist hoch – und steigt weiter

Im Zuge der Insolvenz der Handelskette Zielpunkt stehen kurz vor Weihnachten 2.700 MitarbeiterInnen vor der Arbeitslosigkeit. Der Einzelhandel ist mit einem Frauenanteil von rund 70 Prozent insgesamt eine weiblich dominierte Branche, im Fall von Zielpunkt sind über 80 Prozent der Beschäftigten Frauen, weiß Anita Palkovich von der Gewerkschaft der Privatangestellten. Eine von ihnen ist Martina Fuchs*, die im 20. Bezirk in Wien arbeitet und nicht weiß, wann ihre Filiale endgültig zusperrt.

Von der Zielpunkt-Pleite hat Fuchs wie ihre KollegInnen aus den Medien erfahren. "Viel mehr gibt es da nicht zu sagen", merkt sie knapp an. Derzeit belasten sie vor allem die Sorgen um einen neuen Arbeitsplatz – die 53-Jährige ist nach den ersten Vorstellungsgesprächen aufgrund ihres Alters äußerst pessimistisch, obwohl sie sehr gerne weiter im Handel arbeiten würde. Die Zehn-Euro-Einkaufsgutscheine für Unimarkt – ebenfalls Teil der Pfeiffer-Handelsgruppe –, die im Weihnachtspaket für die MitarbeiterInnen enthalten waren, schickte ihr Filial-Team, das schon immer Zusammenhalt gezeigt habe, geschlossen an den Eigentümer zurück. "Wir gehen sicher nicht zum Pfeiffer einkaufen", sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau.

Gender Pay Gap und Flexibilisierung durch Teilzeit

Der Handel zählt in Österreich mit über einer halben Million Beschäftigten zu den wichtigsten Arbeitgebern, selbst in den Jahren nach Beginn der Wirtschaftskrise stiegen die Beschäftigungszahlen – dieser Anstieg beruht jedoch überwiegend auf der Ausweitung von Teilzeitbeschäftigung. In einer von Wifo und Ifes im Auftrag der Arbeiterkammer erstellten Studie, die 2014 veröffentlicht wurde, nahmen die AutorInnen Beschäftigung im österreichischen Handel im Detail unter die Lupe. Rund 12.000 der insgesamt 14.000 zwischen 2008 und 2012 neu beschäftigten Personen arbeiten in Teilzeit, so das Ergebnis.

Bereits jede/r zweite Beschäftigte im Einzelhandel habe eine Teilzeitstelle oder eine geringfügige Beschäftigung inne, 90 Prozent der Teilzeitkräfte seien Frauen. Aufgrund der hohen Teilzeitquote geben Frauen doppelt so häufig an, dass ihr Einkommen nicht ausreiche, doch auch bei Vollzeitbeschäftigung liegt der durchschnittliche Nettoverdienst mit 1.170 Euro rund 300 Euro unter jenem der Männer.

"Teilzeitbeschäftigung steht im Handel auf der Tagesordnung", sagt auch Gewerkschaftsvertreterin Palkovich. Sie werde einerseits von Frauen selbst nachgefragt, um Beruf und Kinderbetreuung zu vereinbaren, andererseits würden Unternehmen verstärkt auf Flexibilisierung setzen. Das räumt auch René Tritscher, Geschäftsführer der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer (WKO) ein.

Aufgrund liberalerer Öffnungszeiten, die in den 1990er-Jahren durchgesetzt wurden, sei es für die Arbeitgeber von Vorteil, Spitzen- beziehungsweise Randzeiten – also etwa in der Früh oder samstags – mit Teilzeitkräften oder geringfügig Beschäftigten abdecken zu können. Nachdem sich die Kinderbetreuung in Österreich nach wie vor in Frauenhand befinde, sei die Nachfrage nach solchen Beschäftigungsformen aber auch entsprechend hoch, meint Tritscher. Frauen, die nach der Karenz wieder in das Berufsleben einsteigen, fänden im Einzelhandel ein umfassendes Angebot an Teilzeitstellen. Im besten Fall ergebe sich daraus eine "Win-Win-Situation für den Arbeitnehmer und den Betrieb".

Teilzeitbeschäftigung im frauenpolitischen Fokus

Die AK-Studie zeigt, dass immerhin 12,5 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen im Handel gerne in Vollzeit arbeiten würden, jedoch keine Stelle finden. Frauenpolitische Kampagnen nehmen seit Jahren die Teilzeitquote von Frauen, die quer durch alle Branchen bei rund fünfzig Prozent liegt, ins Visier. Teilzeitarbeit behindere nicht nur den beruflichen Aufstieg, sie sei auch dafür verantwortlich, dass viele Frauen über keine existenzsichernde Alterspension verfügen. Die vor kurzem vom Ministerrat beschlossene Informationspflicht für Betriebe soll nun den Umstieg von Teilzeit auf Vollzeit erleichtern. Bei einer Ausschreibung von Stellen mit höherem Arbeitszeitausmaß müssen diese künftig auch Teilzeitbeschäftigten im Unternehmen angeboten werden. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Gewerkschafterin Palkovich.

Ingrid Mairhuber, Arbeitsmarktexpertin beim Forschungsinstitut Forba, plädiert dafür, über solche Maßnahmen hinauszudenken und Arbeitszeitmodelle neu zu diskutieren – eine Arbeitszeitverkürzung hält sie durchaus für sinnvoll. "Wir wissen, dass im Handel viele Teilzeitbeschäftigte mehr Stunden als vereinbart leisten, diese aber häufig nicht bezahlt werden", sagt Mairhuber. Wenn Frauen im Zuge von Kampagnen über die Verdienstmöglichkeiten im Handel – Einzelhandelskauffrau ist der beliebteste Lehrberuf bei Mädchen in Österreich – oder die Auswirkungen von Teilzeitarbeit auf die Pensionshöhe informiert werden, sei das zwar begrüßenswert, doch man könne sie mit diesen Informationen nicht alleinlassen, meint Mairhuber.

Nach wie vor lastet auf Frauen der überwiegende Anteil an unbezahlter Haus-, Erziehungs-, und Pflegearbeit. "Wenn es im Handel fast nur Teilzeitstellen gibt oder wenn ich aus der Karenz zurückkomme und die Kinderbetreuung nicht mit meinem Job vereinbaren kann, ist der Handlungsspielraum nicht gegeben. Man kann dann nicht einfach sagen: Wir haben dich eh informiert."

Unbekannter Faktor Onlinegeschäft

Wie sich die Beschäftigungsformen im Handel in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln werden, ist ungewiss. Der Onlinehandel hat etwa im Fall des Buch- und Elektrohandels den stationären Bereich bereits massiv getroffen, insgesamt spielt er in Österreich allerdings noch eine geringe Rolle – rund fünf Prozent werden online erwirtschaftet. "Wir gehen davon aus, dass dieser Wert steigen wird, da er im internationalen Vergleich noch relativ niedrig ist. Allerdings denken wir nicht, dass er – wie manche Prognosen nahelegen – auf so hohe Werte wie vierzig oder gar fünfzig Prozent steigen wird", sagt WKO-Vertreter Tritscher.

Die Gewerkschaft befürchtet zwar einen möglichen Beschäftigungsrückgang, fokussiert jedoch auf neue Tätigkeitsfelder, die durch eine zunehmende Automatisierung im Kassenbereich entstehen könnten. Selbstbedienungskassen müssten etwa überwacht werden, bei Problemen der KundInnen brauche es geschultes Personal, um Hilfestellungen zu leisten. Auch zusätzlichen Maßnahmen zur KundInnenbindung könnten der Online-Konkurrenz entgegengestellt werden. "Soziale Fähigkeiten, die im Handel gefordert sind, sind noch unterbewertet – diese kann man nicht automatisieren, sie sind aber oft entscheidend dafür, ob ein Kunde wiederkommt oder nicht", sagt Anita Palkovich.

Klar ist, dass viele Arbeitsstellen, die durch das Wachstum des Onlinehandels geschaffen werden, sich höchst prekär gestalten. In Deutschland, wo das Onlinegeschäft stärker boomt, kämpfen Gewerkschaften bisher wenig erfolgreich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen der LogistikmitarbeiterInnen und PaketzustellerInnen. Hier sei es von zentraler Bedeutung, von Beginn an auf die Qualität der Arbeitsplätze zu achten, sagt Arbeitsmarktexpertin Mairhuber. Stellen im stationären Handel müssten hingegen "nicht um jeden Preis" erhalten werden, wenn dies ausschließlich auf Kosten der ArbeiternehmerInnen gehe und ein zusätzlicher Druck in Richtung Flexibilisierung entstehe.

Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen ist aus Sicht von Gewerkschaftsvertreterin Palkovich gerade aus frauenpolitischer Sicht ein besonders wichtiger: "Jede Maßnahme, die man im Handel setzt, ist eine frauenpolitische." (Brigitte Theißl, 20.12.2015)

  • Wie sich die Beschäftigungsformen im Handel in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln werden, ist ungewiss.
    foto: regine hendrich

    Wie sich die Beschäftigungsformen im Handel in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln werden, ist ungewiss.

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