Herzliches Tracking in letzter Weihnachtsminute

20. Dezember 2015, 15:00
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Die Österreicher lügen sich in Sachen Sport massiv in die Tasche. Activitytracker könnten das ändern

TV-Voraufzeichnungen sind "tricky". Weil man sich da mit Kleinigkeiten verraten kann. Etwa mit einer bewegungssensitiven Uhr – wenn die ihren Bildschirm aktiviert, sobald der Handrücken zum Auge zeigt und man mit irgendwas herumfuchtelt. Da kann es passieren, dass der Kameramann brüllt: "Aus! Montier sofort den Wecker ab." Weil: Wenn plötzlich in hochauflösenden Leuchtziffern "22:35" erstrahlt, ist das ein bisserl blöd. Zumindest dann, wenn das Bild im Frühstücksfernsehen ausgestrahlt werden soll. Also: Das Ganze von vorne.

Mit Garmins "Vivosmart HR" wäre das nicht passiert. Weil der – im Gegensatz zum "schuldigen" Polar A360 – nicht leuchtet. Womit eines der relevanten Auswahlkriterien zwischen den Activitytrackern der großen Sportuhrmarken herausposaunt wäre: Nicht nur schaßaugerte Menschen empfinden den bunten High-Def-Screen bei Polar auf den ersten Blick als besser lesbar und augenfreundlicher als Garmins Grau-auf-Schwarz-Typo.

foto: thomas rottenberg
Polar und Garmin im Vergleich.

Aber ich sollte von vorne beginnen: Activitytracker sind heuer DAS große Sportnah- und Bewegungsgadget: Fast jedes Smartphone zählt heute Schritte, berechnet Kalorien. Speziellere Geräte – etwa die Apple-Watch oder zahllose Fitness-Armbänder – verfügen darüber hinaus teils über Pulsmess-Sensoren, bewachen und bewerten Schlafmuster oder warnen bei Inaktivität. Kombiniert man das mit GPS-Trackern und verbindet das Gerät mit "großen" Sport- oder Gesundheitsportalen, lassen sich wundervolle Aktivitätsstudien anlegen. Und Betreuungs-, Trainings- oder Sportprogramme basteln. Oder Kontrollnetze auswerfen: Was die Freizeitgesellschaft "geile App" nennt, heißt im Strafvollzug "elektronische Fußfessel."

Aber das ist hier nicht Thema. Fakt ist, dass Activitytracker dazu dienen können, den inneren Schweinehund zu besiegen. Weil der Hinweis "Zeit für Bewegung" unbestechlich ist. So wie die Messergebnisse: Laut dem vor zwei Wochen von marketagent.com präsentierten "Sportreport" hält sich ein Drittel der Österreicher für eher oder sehr sportlich. Ein weiteres Drittel hält sich für ausreichend aktiv. Im Schnitt sportelt jeder Österreicher (und jede Österreicherin) demnach vier Stunden pro Woche. Jeder Fünfte treibt sogar über sieben Stunden Sport.

foto: thomas rottenberg
Garmin-Pulswert im Ruhezustand.

Das ist Blödsinn: Sogar der Studienautor merkte bei der Präsentation mehrfach an, dass da bei den über 1.000 Befragten die Selbstwahrnehmung wohl nicht ganz mit der Wirklichkeit kongruent ist: "Wenn 41 Prozent sagen, sie würden wandern und bergsteigen, gilt wohl der Weg zum Heurigen auch als 'Wandern'." Und fast 60 Prozent halten sich für Schwimmer: Zur Erinnerung: Es geht um Sport – nicht um sommerliche Freibadbesuche …

Nur zum Vergleich: Ich komme nur selten auf sieben Sportstunden pro Woche. Das weiß ich, weil ich mein Training dokumentiere. Bei aller Skepsis gegenüber Datenkraken: Selbstbetrug scheidet so aus.

Im Test

Ich habe in den vergangene Wochen zwei Tracker ausprobiert: den A360 von Polar und den Vivosmart HR von Garmin. Warum die beiden? Weil sich die Daten dieser Geräte mit den Sportseiten der Hersteller von Uhren, die ich auch privat verwende, synchronisieren lassen – ich also Gesamtbilder meiner Bewegungs- und Inaktivitätsintensität bekomme: Grosso modo können die Geräte ziemlich das Gleiche – wenn man von Details absieht.

Polar hat – wie schon erwähnt – das eindeutig bessere Display. Außerdem lassen sich die Tracker mit einem Handgriff in andere und andersfarbige Armbänder einsetzen. Und: Der Standard-USB-Stecker erspart das Mitschleppen/Anschließen eines weiteren Ladekabels. Darüber hinaus synchronisiert Polar auch alle Sportprofile und Sportarten, die ich auf meinem Online-Profil habe, auf das Tracker-Armband – bei Garmin ist da lediglich ein einziger "Training"-Button.

foto: thomas rottenberg
Verschiedene Bänder von Polar.

Was bei beiden Geräten – neben der Zuverlässigkeit der optischen Pulsmessung an Land und bei gemäßigten Bewegungen – ebenfalls ident ist, ist die sehr gute Bluetooth-Verbindung zum Smartphone: Ich habe mir in der Testzeit angewöhnt, das Handy stummzuschalten und irgendwo wegzupacken. Nachrichten, Mails, SMS oder Anrufe werden am Handgelenk angezeigt. Theoretisch könnte ich – bei Garmin – das Telefon so abheben. Aber: Das macht nur mit eingesteckten Kopfhörern Sinn. Doch mein Handy liegt irgendwo …

Wo Garmin Polar davonzieht, ist bei den Zusatzfeatures: Der Puls wird beim Vivosmart ständig gemessen. Neben der momentanen Frequenz wird auch die Durchschnittsfrequenz (in Ruhe) angezeigt. Darüber hinaus zählt Garmin nicht bloß beim Sitzenstehengehenliegen verbrannte Tageskalorien und Schritte und jubelt – wie auch Polar –, wenn man die tägliche Sollzahl erreicht, sondern zählt auch Stockwerke. Ob Alt- oder Neubau, habe ich nicht rausbekommen, aber in jedem Fall animiert das, den Lift öfter denen zu überlassen, die eigentlich IMMER die Treppe nehmen sollten. Schließlich sagte schon der Hausarzt meiner Eltern immer, dass "jede zu Fuß genommene Stufe uns einen Schritt weiter weg vom Herzinfarkt" brächte. Ob schwarze Pädagogik oder Tracker-Display: Was wirkt, das gilt. Punkt.

foto: thomas rottenberg

Was der Vivosmart noch kann: das Wetter anzeigen. Zumindest dann, wenn er mit der App verbunden ist. Woher Temperatur, Bewölkung und Regenwahrscheinlichkeit stammen? Keine Ahnung. Im Handbuch habe ich die Funktion nicht gefunden.

Sehr wohl stehen da aber andere Spielereien: etwa die Verlegtes-Handy-Finden-Funktion (Bluetoothv-Verbindung vorausgesetzt). Die "Sie verlassen den Bluetooth-Bereich Ihres Smartphones"-Warnhinweise: beides Features, die Handywegleger wie mich mitunter retten können, die sie aber nie brauchten, bevor sie so ein Teil hatten. Oder die Bluetooth-Steuerung von Music-Playern.

foto: thomas rottenberg
Ziel erreicht.

Mein Fazit? Zwei sehr gute, sehr brauchbare Geräte. Ideale Last-Minute-Weihnachtsgeschenke mit Perspektive auf die guten Vorsätze zum neuen Jahr. Wenn man sie trägt. Wer sich mit einer Sportuhr in einer der beiden Herstellerwelten bewegt, kann bequem "seiner" Marke treu bleiben – ansonsten gewinnt in meinen Augen aber Garmin. Das deutlich bessere Display bei Polar kann nämlich eines nicht ausstechen: das 24/7-Puls-Tracking des Vivosmart. (Thomas Rottenberg, 20.12.2015)

Garmins Vivosmart HR kostet rund 150 €.

Polars A360 gibt es ab 199 €.

www.garmin.com

www.polar.com

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Richtlinien: Die Geräte wurden von den Herstellern für Testzwecke für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt.

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