Mysterien, die keine Suchmaschine löst

18. Dezember 2015, 17:00
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"Star Wars"-Regisseur J. J. Abrams und Autor Doug Dorst feiern mit V. M. Strakas "Das Schiff des Theseus" ein auflagenmäßig streng begrenztes Abenteuer in Buchform

Äußerlich erweckt es den Anschein des Antiquarischen, in hellgraues Leinen gebunden, mit Bibliotheksstempel am Rücken. Im Inneren sind die Seiten leicht angegilbt und mit handschriftlichen Anmerkungen zweier Studenten versehen.

Hält man das mit Patina behaftete Gegenstück zum E-Reader oder doch nur dessen bibliophiles Imitat in Händen? Das Schiff des Theseus ist kein Buch wie jedes andere. Wer es linkisch bedient, droht wertvolle Informationen zu verlieren, die zwischen die Seiten gesteckt wurden: fröhlich bunte Ansichtskarten aus Brasilien, auf Servietten gekritzelte Anweisungen, Briefe voller freimütiger Geständnisse, selbst Zeitungsartikel, die jemand fein säuberlich ausgeschnitten hat.

Folien des Privaten

Die diversen Beigaben erfüllen nicht die Funktion von nüchternen Links, sondern hüllen Das Schiff des Theseus in verführerische Folien des Privaten. Bücher halten im Allgemeinen die Spuren der Vorleser fest. Dieses ist wie eine Schatzkarte, ein philologisches Rätsel oder – wie es im Text selbst einmal heißt – als Palimpsest angelegt. Hinter jeder Schicht warten neue Zeichenwelten. Der 1949 erschienene Roman eines gewissen V. M. Straka, eines mysteriösen Autors, wie sich noch herausstellen wird, birgt in der Tat viele Geheimnisse.

Die beiden Studenten Jen und Eric wollen sie lösen. Eric forscht schon seit längerer Zeit über Straka, wurde jedoch von der Uni suspendiert und recherchiert seitdem im Verborgenen. Die jüngere Jen ist neu dabei. Das Buch verwenden sie als Medium, um sich über Strakas Werk und inneruniversitäre Kämpfe auszutauschen. Und immer mehr auch über persönliche Prägungen und Befindlichkeiten. So lesen wir stets mehrere Geschichten auf einmal: den eigentlichen Roman und die Randnotizen, die von der Liebesgeschichte zweier Einzelgänger erzählen, die über ihren Enthusiasmus für eine Sache zusammenzufinden.

Buch über Bücher

Schon daran kann man erkennen, dass Das Schiff des Theseus nicht nur ein Buch widerstreitender Geschichten ist. Es ist ein Buch über Bücher an sich, über das Buch als sozialen Brennpunkt. Wer sich auf Straka und seine widersprüchliche Spur durch die Geistesgeschichte einlässt, der landet im Kreis seiner innig verfeindeten Interpreten und damit in einem ähnlich intrigant geführten Abenteuer wie dem von Straka selbst. Mit etwas Glück entdeckt man darüber sogar neue Freundschaften.

Vom sozialen Feld der Anhänger eines Autors ist es eigentlich gar nicht mehr weit zum modernen Begriff der Fankultur, die sich – wie übrigens auch im Fall dieses Buches – längst im Internet organisiert. So überrascht es auch nicht, dass mit J. J. Abrams einer der produktivsten popkulturellen Nerds hinter dem konzeptuellen Buchprojekt steckt.

Diese Woche ist Abrams' Relaunch von Star Wars im Kino gestartet; davor hat er bereits die Star Trek-Reihe modernisiert und mit Lost eine TV-Serie kreieren geholfen, an der sich besonders viele Couch-Exegeten die Zähne ausgebissen haben. Für sein erstes Buchprojekt hat sich Abrams nun mit dem US-Autor Doug Dorst zusammengetan, der bereits mit dem Noir-Thriller Alive in Necropolis aufgefallen ist und es damit auf die Shortlist des PEN/Hemingway Award schaffte.

Straka, der ominöse Autor des Romans, sowie seine ihm ergebene Übersetzerin F. X. Caldeira wurden von den beiden mithin frei erfunden. Eines der Vorbilder für den fiktiven Schriftsteller, dessen Romane reich an Anspielungen auf reale historische Verwerfungen sind, dürfte B. Traven sein, ein Autor von Abenteuerromanen in den 1920er- und 30er-Jahren, hinter dem sich der deutsche Schriftsteller Otto Feige verborgen hat.

Wie dieser soll auch Straka ein Grenzgänger zwischen Literatur und Politik gewesen sein, der offen mit dem Anarchismus sympathisierte. Eines der bekanntesten Bücher Travens hieß übrigen Das Totenschiff.

Abrams versteht sich bekanntlich gut auf Recycling. Das Schiff des Theseus begleitet S., einen unter Amnesie leidenden Helden, durch ein fantastisches Abenteuer, hinter dem jedoch unschwer die von Denunziation, Rüstungswahn und Gewalt bestimmte Ära des frühen 20. Jahrhunderts auszumachen ist.

Souverän arbeiten Dorst und Abrams vor allem mit den Mitteln des Mystery-Romans. Im New Yorker hat Abrams von einem "diabolischen Sudoku" gesprochen: Man folgt dem schwer gehandicapten Helden in immer merkwürdigere Situationen, die jedoch stets mit demselben Set an Bezügen ausgestattet sind.

Leseerlebnis

Eindrucksvoll wird nicht zuletzt das Schiff selbst beschrieben, dessen Besatzung aus Männern mit stumpfen Gesichtern besteht, die sich selbst ihre Münder zugenäht haben. Nicht das einzige Mal, dass man sich an Jugendlektüren wie Clive Barker oder aus der Ferne an H. P. Lovecraft erinnert fühlt.

Das Leseerlebnis fällt in Das Schiff des Theseus jedoch um einiges zerstreuter aus. Auf das sprunghafte Hin und Her zwischen Haupttext, den mehrfarbigen Anmerkungen (die noch dazu keineswegs chronologisch sind, sondern unterschiedliche Zeitebenen aufweisen) sowie den Fußnoten muss man sich erst einstellen.

Das Buch mag als Gegenentwurf zum E-Reader gedacht sein, indem es das Buch in Papierform wieder sinnlich auflädt. Aus der Rückbesinnung auf das Mysterium eines Autors spricht zudem auch eine Sehnsucht: jene nach Rätseln, die mit Suchmaschinen noch nicht zu lösen waren.

Das Surfen durch mehrere Textsorten entspricht dennoch eher den Gewohnheiten des digitalen Lesens. Das Schiff des Theseus, das übrigens nur in einer sehr begrenzten Auflage erhältlich ist, schlägt mithin eine Brücke zwischen einer verlorenen Vergangenheit und dem Jetzt. (Dominik Kamalzadeh, 19.12.2015)

  • Sinnlich aufgeladene Papierform und ein Buch als Gegenentwurf zum E-Reader. J. J. Abrams und Doug Dorsts "Schiff des Theseus" schlägt mithin eine Brücke zwischen einer verlorenen Vergangenheit und dem Jetzt.
    lukas friesenbichler

    Sinnlich aufgeladene Papierform und ein Buch als Gegenentwurf zum E-Reader. J. J. Abrams und Doug Dorsts "Schiff des Theseus" schlägt mithin eine Brücke zwischen einer verlorenen Vergangenheit und dem Jetzt.

  • J. J. Abrams, Doug Dorst, "Das Schiff des Theseus" (limitierte Auflage). Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler und Bert Schröder. € 46,30 / 522 S., Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

    J. J. Abrams, Doug Dorst, "Das Schiff des Theseus" (limitierte Auflage). Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler und Bert Schröder. € 46,30 / 522 S., Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

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