Religionsphilosoph: "Der Koran ist kein Werkzeugkasten"

Interview21. Dezember 2015, 17:23
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Ahmad Milad Karimi über Goethes Beschäftigung mit dem Koran, die Gründe für seine Koran-Neuübersetzung und den Schmerz, die eigene Religion so verunglimpft zu sehen

STANDARD: Lassen Sie mich unser Gespräch mit Goethe beginnen. "Wenn Islam Ergebenheit in Gottes Willen heißt, / In Islam leben und sterben wir alle ...", schrieb er im "West-östlichen Divan". Stimmen Sie ihm zu?

Ahmad Milad Karimi: Voll und ganz. Ich lebe, was Goethe dichtete. Diese Hingabe in Gott befreit mich als Mensch.

STANDARD: Es war Johann Gottfried Herder, der Goethe das Studium des Korans nahelegte. War die Offenheit der westlichen Geisteswelt gegenüber dem Islam damals größer als heute?

Karimi: Es ist eigentümlich. Unsere Zeit, die geprägt ist von Informationen, in der wir durch Bibliotheken und das Internet Zugang haben zu allen Schriften, vermittelt den Eindruck, dass wir immer weniger wissen. Wenn man sich die Offenheit vergegenwärtigt, mit der Goethe, der in seiner Tradition stark verwurzelt war – von Herder ganz abzusehen -, sich dem Anderen, dem Fremden zuwandte, dann vermisse ich die heute. Dabei erfolgte Goethes Zuwendung nicht unkritisch. Er fühlte sich von der koranischen Stimme zunächst geradezu angewidert und konnte damit kaum etwas anfangen. Aber er gab nicht auf. Er forschte nach und entwickelte auch sich selbst weiter, indem er sogar Arabisch zu lernen begann. Mit zitternder Hand schrieb er in arabischer Schrift Koranverse.

STANDARD: Für Goethe war der Koran ein "Meisterstück der Dichtkunst", und in diesem Bewusstsein fertigte auch Friedrich Rückert seine Übersetzung an. Wie erklären Sie es sich, dass kein deutschsprachiger Dichter nach ihm sich vom Koran zu einer Übersetzung inspirieren ließ?

Karimi: Rückert war ein Phänomen. Als Romantiker besaß er einen unglaublichen Sinn für die Beziehung zwischen Inhalt und Form. Er wusste, dass man etwas auch inhaltlich nur begreift, wenn es in einer bestimmten Form dargebracht wird. Derartige deutschsprachige Dichter, die auch noch Arabisch können, gibt es kaum noch. Um eine Koran-Übersetzung anfertigen zu können, muss man vielfach bewandert sein. Rückert war das. Vielleicht hätte Rainer Maria Rilke ihm folgen können, wenn er der arabischen Sprache mächtig gewesen wäre.

STANDARD: Als Sie Ihre Koran-Übersetzung herausbrachten, lagen einige deutsche Übersetzungen vor, die aber eher wissenschaftlichen Charakter hatten und sprachlich steif waren. War das der Grund, dass Sie eine Neuübersetzung vornahmen?

Karimi: Ja. Auf philologische Präzision wollte ich bei meiner Übersetzung auch nicht verzichten. Eine Übersetzung allerdings, die nur von der Idee getragen wird, eine Botschaft in eine andere Sprache zu übertragen, ist verfehlt. Der Koran stellt eine eigentümliche literarische Besonderheit dar, vergleichbar mit Homers Ilias oder Odyssee. Von diesen Schriften kann man nur dann eine gelungene Übersetzung anfertigen, wenn man berücksichtigt, dass es sich um Reimprosa handelt, die Rhythmus und Klang hat. Die sprachlichen und melodischen Elemente sind für den Inhalt bedeutsam. Ich habe hörend übersetzt und mir so lange arabische Koran-Rezitationen angehört, bis ich mir den Text so anverwandelt hatte, dass ich seinen Klang in deutscher Sprache wiedergeben konnte.

STANDARD: Dem Islam wird häufig seine Zugehörigkeit zum Orient vorgeworfen. Tatsächlich ist der Koran im Orient entstanden wie auch die Grundschriften des Judentums und des Christentums. Was macht es so schwierig, den Islam in die klassische monotheistische Tradition hereinzuholen?

Karimi: Die fehlende Bildung. Diejenigen, die meinen, es gebe eine christlich-jüdische Tradition und der Islam stünde außerhalb, scheinen sich noch nie mit dem Islam beschäftigt zu haben. Wenn ich mich mit jüdischen oder christlichen Kollegen austausche, die sowohl mit ihrer Tradition als auch dem Islam vertraut sind, besteht keine Fremdheit. Da wird die fruchtbare textuelle Beziehung zwischen dem Koran und den anderen heiligen Schriften nicht infrage gestellt. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, diese Vermittlungen zu leisten. Denn es ist auch Aufgabe der Muslime in Europa – und das sage ich selbstkritisch -, die Fremdheit des Korans und der islamischen Traditionen zu durchbrechen und zu zeigen, dass es uns genau wie den anderen Traditionen um Freiheit, Menschenwürde und Bewahrung der Schöpfung geht. Der Koran liefert keine Alternativen zur Menschlichkeit.

STANDARD: Ist es schmerzhaft für Sie, wenn Terroristen sich auf den Koran berufen und im Namen des Islams Verbrechen begehen?

Karimi: Es ist unheimlich schmerzhaft, meine Religion, meinen Gott, meinen Propheten und meine religiöse Tradition so verunglimpft zu sehen. Noch mehr schmerzt, dass die Selbstprädikation der Terroristen so schnell übernommen wird. Religiöse Schriften sind fragil. Sie können sich nicht verteidigen. Jeder kann sich auf sie berufen. Der Koran ist kein Subjekt. Subjekt sind die Menschen, die ihr Verständnis dieser Religion vorlegen. Wenn Terroristen meinen, ihren Terror islamisch zu begründen, dann darf man ihnen nicht glauben.

STANDARD: Es sind aber nicht nur Terroristen, die den Koran nach ihrem Gutdünken ausdeuten, sondern auch die Protagonisten islamophober Strömungen im Westen. Diese betreiben ebenfalls ihre eigene Exegese und behaupten damit die Gefährlichkeit des Islams ...

Karimi: Auch bei diesen Protagonisten wird leider ihre Kompetenz nicht infrage gestellt. Wenn ein Komiker aus der Schweiz aufsteht und sagt, er habe den Koran gelesen, das sei ein einziger Aufruf zur Gewalt, eine Anleitung für Krieg und Unterdrückung, dann stürzen sich alle auf diese Aussage. Ich vermisse da eine Distanzierung. Niemand fragt, wie er überhaupt den Koran habe lesen können und was man mitbringen müsse, um sich mit einer heiligen Schrift zu befassen. Der Koran ist kein Werkzeugkasten, aus dem man nach Belieben Werkzeuge entnehmen kann, um damit zu arbeiten. Man sollte niemandem trauen, der einfach so aus dem Koran zitiert, egal, ob er Muslim ist oder nicht. Es bedarf einer behutsamen Auseinandersetzung, einer bestimmten Hermeneutik, einer theologischen Positionierung, einem Verständnis für die Gesamtkomposition, auf die die einzelnen Verse sich kontextuell beziehen. Religiöse Kritik begrüße ich. Sie fordert uns heraus. Daran können wir wachsen. Ich streite auch gerne darüber, ob mein Verständnis des Islams gelingt. Aber manchmal habe ich den Eindruck, es wird nicht mein Verständnis vom Islam kritisiert, sondern man legt mir nahe, meine Religion aufzugeben. Das lasse ich mir in meiner Freiheit ungern sagen.

STANDARD: Gefordert wird eine größere Zahl gebildeter Vertreter der islamischen Kultur in unserer Mitte, die auf Augenhöhe mit ihren westlichen Kollegen das Wort ergreifen könnten. Sie sind ein solcher Vertreter. Aber noch stehen Sie ziemlich allein da.

Karimi: Zum Glück gar nicht. Im Zuge der Etablierung der islamischen Theologie an den deutschen Universitäten haben sich mehrere Standorte herausgebildet, an denen Kollegen genau das leisten. Es steht also eine Vielzahl an Gesprächspartnern zur Verfügung. Ich habe in Münster etwa 600 bis 800 Studierende. Das sind junge Menschen, die sich theologisch mit ihrer Religion befassen. Sie setzen sich mit Gottesbeweisen und deren Kritik aus islamischer Sicht auseinander, beschäftigen sich mit Kant, aber auch mit al-Aschari und dem Koran. Diese Generation kommt aus der Religionsgemeinschaft selbst. Sie wird die Zukunft prägen. Das stimmt mich optimistisch. Denn die Probleme, die wir haben, ob terroristisch oder islamophob, sind ein Problem der Bildung. Wenn wir das bewältigen, schützen wir auch unsere Jugend vor der Anfälligkeit, sich durch irgendwelche Internet-Propaganda hinreißen zu lassen zu einem Verständnis, das jeder Form eines authentischen Islams zuwiderläuft.

STANDARD: Vor welchen Herausforderungen steht die islamische Theologie heute?

Karimi: Die größte Herausforderung ist die nicht vorhandene Vermittlung des Islams. Wir haben es noch nicht geschafft, unsere Religion so zu vermitteln, dass gewisse Behauptungen über sie von vornherein als absurd angesehen werden. Durch fortwährende Distanzierung gewinnen wir nichts. Gewinnen können wir nur, wenn es uns gelingt, selbst Debatten zu formulieren, Diskurse anzustoßen und uns in Verantwortung zu üben. Wir müssen uns als Muslime in die Pflicht nehmen, als Teil dieser Gesellschaft diese mitzugestalten. (INTERVIEW: Ruth Renée Reif, 21.12.2015)

Ahmad Milad Karimi, geb. 1979 in Kabul, flüchtete, als er 13 war, mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg aus Afghanistan. Er studierte Philosophie und Islamwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau und an der Delhi University in Indien (Promotion 2011). Er ist Vertretungsprofessor für Kalam, islamische Philosophie und Mystik am Zentrum für Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören: "Der Koran. Vollständig und neu übersetzt", (hrsg. von Bernhard Uhde, Herder, Freiburg 2009). Zuletzt erschien von ihm seine Autobiografie "Osama bin Laden schläft bei den Fischen. Warum ich gerne Muslim bin und wieso Marlon Brando viel damit zu tun hat".

  • "Der Koran ist kein Subjekt. Subjekt sind die Menschen, die ihr Verständnis dieser Religion vorlegen."
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    "Der Koran ist kein Subjekt. Subjekt sind die Menschen, die ihr Verständnis dieser Religion vorlegen."

  • Der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi.
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    Der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi.

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