Julya Rabinowich: Wunderlichkeiten des Dichterlebens

18. Dezember 2015, 11:45
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Ich sah das Paket verdattert an. Eine Bombe womöglich? Ich schüttelte es vorsichtig. Drinnen raschelte es leise

Was geplagte Schriftstellende gewohnt sind, seit es die fabelhafte Welt des Online gibt: böse Emails. Besonders schön sind jene, die mit einem gleich doppelten Dr.Dr. samt Univ.Prof. und nachfolgend mit einem Phantasienamen gezeichnet werden, während in der Emailadresse selbst ein ganz anderer Name steht, samt der Firmenbezeichnung "XY,Rauchfangkehrermeister".

Böse Kommentare. Gute Kommentare. Manchmal gute böse Kommentare, das sind die, die noch Spaß machen. Öfter doofe böse Kommentare, die eher Sorgen um den aktuellen Zustand der Menschheit im Allgemeinen und des durchschnittlichen Europäers im Besonderen verursachen, vom Zustand der deutschen Sprache mal ganz zu schweigen.

Aber manchmal zeigt sich das Schicksal auch von seiner Honigzuckerzimtseite, nachdem man etwas in die Öffentlichkeit entlassen hat. Und es beschenkt einen so reich wie unerwartet. Erst vor Kurzem hatte ich die mitfühlende Welt der STANDARD-Leser über das Kirschkerngeschehen in unserer Wohnung nicht uninformiert gelassen. Fundierte Schilderungen der beeindruckend glatt eingespeichelten, in der Küchenwaage gewogenen Restkerne und die Tierarztproblematik blieben nicht unerwähnt, ja wurden sogar drastisch detailreich geschildert.

Diese Woche erreichte mich ein hübsches kompaktes Paket, überreicht von der Freundin des Vertrauens in einem ebensolchen Restaurant während ihres Dienstes. "Für dich", hauchte sie und zwinkerte mit ihrem meerjungfrauengrünen Auge. "Von unbekannt." Ich sah das Paket verdattert an. Eine Bombe womöglich? Ich schüttelte es vorsichtig. Drinnen raschelte es leise.

Kein Absender. Kein Empfänger. "Woher weißt du, dass es für mich ist?", fragte ich. "Weil es hier für dich abgegeben wurde."

Das neugierige Wesen in mir siegte über das mieselsüchtige. Ich setzte mich hin und öffnete den Deckel. Die Verpackung war von Bständig. Die werden mir doch keine Stützstrümpfe verehren, unbekannterweise, dachte ich und überlegte, ob ich im Sommer einen venenreichen Eindruck erweckt haben könnte – und vor allem: bei wem?

Ich öffnete die Verpackung. Drinnen befand sich ein funkelnagelneues Kirschkernkissen. Es gibt offensichtlich wirklich unendlich aufmerksame und nette STANDARD-Leser. (Julya Rabinowich, 19.12.2015)

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