Jürgens Körper und Melzers Geist

18. Dezember 2015, 09:06
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Jürgen Melzer ist nach einer Schulteroperation zur Untätigkeit gezwungen. Der 34-Jährige möchte spätestens in neun Monaten wieder auf dem Tennisplatz stehen. Er will es nicht zulassen, dass ihn sein Körper in Pension schickt

Wien – Jürgen Melzer hat Zeit. Viel Zeit. Diese muss mit Sinn angefüllt werden. Manchmal sind die Tage länger, als Melzer glaubt. Viermal die Woche hat er einen Termin beim Physiotherapeuten, der kümmert sich um die linke Schulter. Ende November musste sie operiert werden, Melzer konnte nicht einmal mehr einen Tennisschläger halten. Seit 2011 hat sie regelmäßig aufgemuckt. "Es gab auch schmerzfreie Phasen."

Der Eingriff war kompliziert (Riss des Labrums, der Umrahmung der Gelenkspfanne), Melzer erhielt rund neun Monate Tennisverbot. Den linken Arm kann er leicht anheben, 60 Grad schafft er mit Mühe, aber doch. In drei Monaten sollte die Kreisbewegung möglich sein, dann kann er mit dem Krafttraining, dem Muskelaufbau beginnen. "Man glaubt nicht, wie schnell die Muskulatur weniger wird." Wiederum drei Monate später, Melzer wird 35 Jahre alt sein, kommt der Softball zum Einsatz, das ist dann quasi Tennis für Dreijährige. Im Oktober 2016 will er in der Wiener Stadthalle dabei sein. "Nicht als Mitläufer, sondern als einer, der Spiele gewinnen kann." Rücktrittsgedanken habe er keine gehegt. "Weil ich nicht meinen Körper entscheiden lassen will, wann Schluss ist. Das ist eine Sache für den Geist. Und der ist nicht bereit." Melzer sagt, und er hebt den linken Arm leicht an, "dass ich absolut gierig und geil auf den Wettkampf bin. Ich brauche ihn."

Er pflegt derweil soziale Kontakte, besucht regelmäßig die Eltern in Deutsch-Wagram, trifft seinen jüngeren Bruder Gerald, der den Vorteil hat, Tennis spielen zu können. "Er muss konstanter werden, dann schafft er den Sprung in die Top 80." Der ältere Melzer stellt in seiner Wohnung am Wienerberg Möbel um, entrümpelt die Kästen. Die rechte Schulter und der dazugehörige Arm funktionieren ja prächtig. "Normal bist du nie länger als drei Tage daheim, ich gewöhne mich an meine Wohnung. Koffer packen, um zu den Turnieren nach Australien zu fliegen, entfällt diesmal." Er könnte gerade um die Weihnachtszeit sentimental werden. "Aber das möchte ich nicht. Ich bin nicht der Typ, der zurückschaut."

Melzer ist nur mehr die Nummer 155 der Rangliste, diese Platzierung ist aufgrund der Verletzung geschützt. "Das reicht, um Qualifikation für Grand Slams zu spielen." Es sei keine Option gewesen, sich fortan aufs Doppel zu konzentrieren. "Man ist als Tennisprofi ein Einzelkämpfer." Es gehe nicht mehr um Computerausdrücke. "Egal, ob ich es auf Rang 50 oder 60 schaffe. Ich will Matches auf einem guten Niveau erleben." Noch einmal in Wimbledon anzutreten wäre wunderbar. "Es muss ja nicht der Center Court sein, ein Nebenplatz reicht."

1999 ist Melzer in die Tour eingestiegen, Tennis in Österreich hatte nach der Ära Thomas Muster Pause. Melzer wurde von der Öffentlichkeit am Rande wahrgenommen, er galt nicht unbedingt als nationaler Bussibär. Ohne sentimental oder unwirsch zu werden, gibt er sich eine Teilschuld. "Ich hätte offener sein müssen, kam nicht wirklich gut rüber, wirkte manchmal unnatürlich."

Kein Isländer

Sportlich ist er 2006 angekommen, in Bukarest holte er den ersten ATP-Titel, vier weitere folgten. Im April 2011 wurde er als Nummer acht geführt, Melzer ist trotz Muster Rekordspieler im Daviscup. Nicht nach Erfolgen, nach Einsätzen. "Wäre ich Isländer, hätten sie mich auf Händen getragen. Möglicherweise haben die Leute die Verlässlichkeit in meinem Spiel vermisst. Durch meinen aggressiven Stil gab es große Schwankungen. Ich konnte sehr gut und sehr schlecht sein." Auch die Körpersprache sei kein Quotenhit gewesen. "Man hat mir vorgeworfen, dass ich auf dem Platz nie lache. Aber es war halt nicht lustig. Ich empfand meine Karriere als toll, als Kind hätte ich das sofort unterschrieben."

Melzers Nachfolger ist logischerweise Dominic Thiem. "Ich stelle keine Prognosen, als Nummer 20 ist Thiem längst in der Spitze angekommen. Vielleicht vermarktet er sich besser als ich." Melzer hat knapp zehn Millionen Dollar Preisgeld verdient, brutto. "Ich habe Reserven." Er wartet die Kopfentscheidung ab, sehnt den Softball herbei. Dem Tennis wird er verbunden bleiben, Daviscup-Captain wäre zwar keine Lebensaufgabe, aber "sicher interessant. Man soll tun, was man kann. Ich kenne mich nur im Tennis aus."

Irgendwann wird Jürgen Melzer ein Haus bauen. Selbstverständlich in Deutsch-Wagram. "Jeder Mensch will und muss heimkehren. Die Zeit drängt aber nicht." (Christian Hackl, 18.12.2015)

  • Jürgen Melzer hat den Tennisball immer noch im Kopf. Der Geist ist willig, ob der Körper mitmacht, wird sich weisen. Die Gier nach dem Wettkampf ist geblieben.
    foto: epa/ian langsdon

    Jürgen Melzer hat den Tennisball immer noch im Kopf. Der Geist ist willig, ob der Körper mitmacht, wird sich weisen. Die Gier nach dem Wettkampf ist geblieben.

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