Frohe, provokante Weihnachten in Korea

18. Dezember 2015, 07:00
44 Postings

Widerstand gegen Projekt, an der Grenze einen Christbaum in die nordkoreanische Nacht leuchten zu lassen

Er ist kaum zehn Meter hoch, überladen mit grellen Glühbirnen-Kaskaden und ziemlich hässlich: Der stählerne Aegogi-Weihnachtsbaum, errichtet auf einem Berghang nur drei Kilometer von der hochgerüsteten Demarkationslinie entfernt, leuchtet bis weit in die nordkoreanische Nacht hinein. Zumindest wenn es nach den Plänen der größten konservativen Christengruppe Südkoreas geht.

Jedes Jahr zu Heiligabend versammeln sich dort dutzende Mitglieder, ausgerechnet an jenem Ort, an dem einst während des Koreakriegs eine besonders blutige Schlacht tobte. Gemeinsam singen die Gläubigen besinnliche Weihnachtslieder gen Norden. Bei vielen Landsleuten finden sie damit jedoch nur wenig Anklang.

"Es ist ein Kriegsbaum"

"Für uns ist das kein Weihnachts-, sondern ein Kriegsbaum", sagt Bürgeraktivist Kim Dae-hoon dem Fachmedium NK News. Die umliegenden Anwohner hätten aus Angst vor Provokationen die letzten Weihnachten in militärischen Schutzräumen feiern müssen. Die dort stationierten Soldaten seien während der Feiertage angehalten worden, mit angezogenen Stiefeln zu schlafen – gewappnet für den Ernstfall.

Regelmäßig droht das Regime im Norden, den 1971 erstmals errichteten Weihnachtsbaum mit Waffengewalt zu Fall zu bringen. Als "hirnverbrannte Konfrontationsmasche" beschimpfte ihn Kim Jong-un zuletzt. Der Diktator fühlt sich vor allem wegen der christlichen Botschaft provoziert.

Zwar herrscht in Nordkorea offiziell Religionsfreiheit, doch die 10.000 Buddhisten und 15.000 Christen im Land können ihren Glauben de facto nur im Untergrund praktizieren. Laut Weltverfolgungsindex werden Christen nirgendwo so stark verfolgt wie unter Kim Jong-un. Wer im öffentlichen Raum eine Bibel bei sich führt, muss mit Gefängnisstrafen rechnen, und auf Missionieren steht die Todesstrafe.

Doch allein die Strahlkraft des Weihnachtsturms dürfte dem Norden ein Dorn im Auge sein, schließlich wird das Land seit dem Fall der Sowjetunion von chronischem Elektrizitätsmangel und ständigen Stromausfällen geplagt. Auf nächtlichen Satellitenbildern lässt sich Nordkorea ohne jegliche Geografiekenntnisse verorten: Es ist der dunkle Fleck inmitten eines Lichtermeers. Ein strahlender Weihnachtsbaum wird so zum Instrument psychologischer Kriegsführung.

Und diese haben beide Koreas während des Kalten Krieges geradezu perfektioniert: Jahrelang hat der südkoreanische Geheimdienst bei Südwind eigens angefertigte Heißluftballons, gefüllt mit politischen Propagandabotschaften und Bikini-Pin-ups, über die Grenze steigen lassen. Zudem errichteten sie entlang der Demarkationsli- nie Lautsprecheranlagen, um nordkoreanische Grenzsoldaten mit Verheißungen von "regelmäßigen Fleischmahlzeiten, Urlaubstagen und schönen Frauen" in die Flucht zu locken.

Der Norden errichtete bereits in den 1950er-Jahren ein selbstbetiteltes "Friedensdorf", das mit damals modernen Wohnhäusern und einem 160 Meter hohen Flaggenmast die wirtschaftliche Überlegenheit untermauern sollte. Bald jedoch wurde die Grenzsiedlung als Potemkin'sches Propagandadorf enttarnt, das ausschließlich von Soldaten der Volksarmee bewohnt wird.

Seismograf für Korea

Erst um die Jahrtausendwende entspannte sich das Verhältnis der beiden Staaten. Im Rahmen der Sonnenscheinpolitik kam es zu regelmäßigen Gipfeltreffen, Hilfslieferungen und Familienzusammenführungen. Damals stellte das südkoreanische Verteidigungsministerium auch dem Aegogi-Turm den Strom ab. Erst als die nordkoreanische Armee im Jahr 2010 eine südkoreanische Insel bombardierte, leuchtete er wieder lichterloh. Längst hat sich der Weihnachtsbaum zum Seismografen für die innerkoreanischen Beziehungen entwickelt.

Vergangene Woche haben sich Vertreter des Nordens und Südens getroffen – eine Einigung über weitere Gespräche blieb jedoch aus. Ob es dieses Jahr dunkle Weihnachten an der Grenze gibt, ist also noch offen.

Heiligabend werden die Nordkoreaner dennoch mit einem Feiertag begehen – wenn auch keinem christlichen: Am 24. Dezember vor 98 Jahren wurde die erste Frau von Nordkoreas Staatsgründers Kim Il-sung geboren. (Fabian Kretschmer aus Seoul, 18.12.2015)

  • 1971 wurde zum ersten Mal der Aegogi-Weihnachtsbaum aufgestellt. Nordkorea droht immer wieder damit, ihn mit Gewalt zu zerstören.
    foto: ap/lee jin-man

    1971 wurde zum ersten Mal der Aegogi-Weihnachtsbaum aufgestellt. Nordkorea droht immer wieder damit, ihn mit Gewalt zu zerstören.

Share if you care.