Marokko-Wüstentrekking: Achtung, Gegenverkehr!

20. Dezember 2015, 15:00
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Wer bei seinem ersten Wüstentrekking in Marokko plötzlich auf hunderte Läufer trifft, glaubt zuerst an eine Fatamorgana. Der Marathon des Sables bleibt während der siebentägigen Tour aber die einzige Großveranstaltung, die einem die Illusion absoluter Einsamkeit in der Sahara raubt

Am Ende dreht Mohammed noch einmal voll auf. Aus den Boxen dröhnt Toumast von Tinariwen, Tuareg-Rock. Der Kleinbus rast über den schnurgeraden marokkanischen "Highway" in Richtung Wüste, das Außenthermometer zeigt 36 Grad Celsius. "I am a crazy tourist driver!", tönt Mohammed.

Nach sechs Tagen hat die zehnköpfige Reisegruppe Rabat, Meknes und Fès hinter sich gebracht. Eine Reise ohne Ankunft bisher, Abfahrt 8 Uhr 30, täglich neue Riads. Die Riads sind luxuriös ausgebaute Gästehäuser in den mittelalterlichen Altstädten. Meist ausländische Finanziers haben hier Ruinen aufgekauft und aufwändig wiederhergestellt. Jetzt kann man sie mieten, nicht ganz billig, jedenfalls beeindruckend. Eine abgeschlossene Luxuswelt in ruhigen, grünen Innenhöfen, abgeschottet nach außen, sogar die Fenster der Zimmer gehen in den Innenhof. Draußen tobt die Wirklichkeit. Der Verputz bröckelt, gierig schiebt sich das echte Leben durch die engen Gassen.

foto: hans auinger
Wüstenregeln: Viel trinken, den Kopf gut einpacken gegen die Sonne, lange Kleidung tragen, nicht in der Nähe von Bäumen oder Sträuchern schlafen.

"Örtliche Stadtführer sind Pflicht", sagt Omar Taha, der 28-jährige Reisebegleiter, der eigentlich geprüfter Bergführer ist, und am liebsten im Hohen Atlas unterwegs. Omar ist Berber, spricht nicht viel, und wenn, dann sagt er, was Sache ist. Mit fünfzehn hat er seine erste Gruppe geführt – inoffiziell, versteht sich. Seine Eltern, waren Halbnomaden in einem Tal im Atlasgebirge. Sommer auf der Alm, Winter im Tal. Bis sein Vater als "Trekkingkoch" anheuerte, weil er erkannte, dass mit Touristenhorden mehr Geld zu verdienen ist als mit Schaf- und Ziegenherden. Omar war von klein auf dabei, lernte nebenher die Sprachen der Gäste, spricht heute fließend Deutsch, Spanisch, Englisch, Arabisch und natürlich Berberisch, seine Muttersprache.

Frisch aus dem Ziegenschlauch

Man ist nach Marokko gekommen, um zu wandern, nun hält Fahrer Mohammed in Rissani. Die Hitze lässt die Kleinstadt am Rand der Sahara brodeln, der Wasserverkäufer hat viel zu tun. Ständig kommen Einheimische, um aus einem Kupferbecher zu trinken, der aus einem Ziegenschlauch immer aufs Neue mit kostbarem Nass gefüllt wird. Auch die Reisegruppe braucht Wasser, kanisterweise wird es in den Bus geladen. Südlich von Merzouga scheint dann die Welt zu Ende zu gehen: Die Landkarte zeigt nur mehr eine eintönig gelbe Fläche, blaue Linien markieren Flussläufe, die schon jahrelang kein mehr Wasser führen. Endlich Wüste. Das letzte Stück des Wegs fährt Mohammed querfeldein, dann ist Schluss für den Bus, jetzt wird umgesattelt auf Dromedare. Für zehn Reisende werden vier Dromedar-Führer mit je zwei Tieren und ein Koch aufgeboten.

Ein Gemeinschaftszelt, ein Küchenzelt und das berüchtigte Toilettenzelt wurden aufgebaut. Geschlafen wird in grünen Iglus oder in den Dünen. Mohammed trinkt noch einen Tee, dann verabschiedet er sich. Mit ihm und seinem Bus wird die Reisegruppe auch von den gewohnten kulturtechnischen Errungenschaften verlassen. Ein erster Blick in das Toilettenzelt, das wie eine mit weißen Planen verhüllte Telefonzelle etwas abseits in der Landschaft steht: Von nun an also nur noch Natur.

Die Nähe zu nassen Sträuchern

Die Gruppe hockt auf blauen Matten, die später als Schlafunterlage dienen werden, gegessen wird am Boden. Omar erklärt die Verhaltensregeln in der Wüste: Viel trinken, den Kopf gut einpacken gegen die Sonne, lange Kleidung tragen, nicht in der Nähe von Bäumen oder Sträuchern schlafen. Dort wird es in der Nacht feucht, und das zieht Tiere an, darunter giftige Schlangen und Skorpione. "In der Wüste ertrinken mehr Leute als verdursten", sagt Omar. Erst letzten November saß er mit einer Wandergruppe wegen Hochwassers drei Tage lang im Lager fest. Es schüttete einen Tag und eine Nacht lang wie aus Eimern. Genug für die durstigen Flussläufe, um als reißende Fluten zur tödlichen Falle zu werden.

foto: imago/imagebroker
An das Wüstenklima muss man sich erst gewöhnen – auch daran, dass es keine Dusche, kein Bett, keine Toilette gibt.

Die blaue Matte ist dünn, die erste Nacht hart, dann Gewöhnung. Gewöhnung ist das Zauberwort. Eine Woche lang keine Dusche, kein Bett, keine Toilette. Gleich am ersten Wandertag steht die längste Etappe auf dem Programm, an die zwanzig Kilometer geht es durch Steinwüste, durch ausgetrocknete Flusstäler, über kleinere Bergrücken. Und die Sonne zeigt, was sie kann. Die größte Hitze kommt von oben, von unten strahlen die schwarzen Basaltsteine, die wie geschmolzene Teerklumpen den Weg säumen, und von vorne bläst der heiße Wind: Willkommen im Heißluftherd!

Felsformationen in allen Farben und Formen

Nach acht Stunden Fußmarsch erstrahlt am Horizont endlich das Klozelt. Die Dromedare haben das Gepäck vorausgetragen, bei der Ankunft ist das Lager aufgebaut, nur die grünen Igluzelte stellen die Wanderer selber auf nach Sonnenuntergang. Es gibt Tee und Abendessen. Die außergewöhnliche Hitze lässt die Gruppe in den kommenden Tagen früh aufbrechen.

Um fünf Uhr ist Tagwache, es ist stockdunkel und ungemütlich kalt. Die Zelte müssen täglich ab- und wieder aufgebaut werden, auch hier kein Ankommen. Dafür das herrliche Spiel der Sonne an den Tagesrändern. Felsformationen in allen Farben und Formen, Sand in jeglichen Tönungen, windgeschliffene Landschaften. Pflanzen, die sich der Kargheit angepasst haben und Lehmsiedlungen von Halbnomaden. "Die Berber sagen, die Wüste ist ein kaltes Land, in dem die Sonne brennt", sagt Omar. Die Wanderer wissen schon nach einem Tag, wie er das meint: Die Wüste, ein Ort merkwürdiger Widersprüche und Lebensfeindlichkeit. Ein Ort einzigartiger Schönheit und erbarmungsloser Extreme. Sprichwörtlicher Einsamkeit und unerwarteter Menschenaufläufe.

foto: ap/giovanna dell’orto

Einmal treffen die Wanderer auf eine eigentümliche Reisegruppe, ausschließlich Schweizer Väter mit ihren Söhnen, die in Gegenrichtung durch die Wüste ziehen. Nach fünf Tagen Trekking sind sie bereits ziemlich am Ende. Noch grotesker wird es, als die Wanderer ihr Lager unmittelbar neben der Route des "härtesten Laufes der Welt", dem "Marathon des Sables" aufgeschlagen haben. Rund 2.000 Teilnehmer rennen, gehen oder humpeln in einer schier endlosen Ameisenstraße insgesamt 280 Kilometer durch die marokkanische Wüste.

An diesemTag steht eine Etappe über 90 Kilometer auf dem Programm, 30 Stunden hat man dafür Zeit, dauert es länger, scheidet man aus. Begegnungen der dritten Art spielen sich ab. Das Wandergrüppchen steht verblüfft neben der Route und fotografiert die endlose Kolonne. Manche Läufer bleiben ebenfalls stehen und fotografieren staunend die Wanderer: Irre und ihre Dromedare, die mitten in der Wüste die Zelte aufgeschlagen haben.

Teure Qual mit Sand und Hitze

"Warum tun Sie sich das an?", fragt jemand aus der Tekkinggruppe verschiedene Läufer in allen möglichen Sprachen und rennt ein paar Meter neben ihnen her. Eine berechtigte Frage, zumal das Startgeld für den Lauf bei rund 3000 Euro liegt – kein Schnäppchen für eine Woche des Sichquälens durch Sand und Hitze, für eine Woche der Entbehrungen und Reduktion, der sich Menschen aus aller Welt freiwillig aussetzen. Da ist die Wüstenwandergruppe ja noch gut weggekommen: Der Preis für die Tour liegt bei rund 2000 Euro, und man geht insgesamt nur rund 80 Kilometer!

foto: imago/imagebroker
Das letzte Stück des Wegs fährt Mohammed querfeldein, dann ist Schluss für den Bus, jetzt wird umgesattelt auf Dromedare. Für zehn Reisende werden vier Dromedar-Führer mit je zwei Tieren und ein Koch aufgeboten.

Am Morgen des letzten Tages in der Wüste kommen die Jeeps. Die Wanderer können lange schlafen, müssen erst um sieben raus. Die Dromedar-Führer verabschieden sich, ihr Weg führt sie mit den Tieren sechs Tage zu Fuß zurück durch die Wüste. Die Trekkinggruppe dagegen steigt wieder ein in die Zivilisation, das kalte Cola im Jeep ist eine kleine Sensation. Manche legen sich in der ersten Nacht im Hotel zuerst noch auf den Boden neben das Bett, entscheiden sich dann aber doch bequemer im Bett zu schlafen – eine kleine Koketterie mit dem einfachen Leben in der Wüste.

Am Ende Marrakech. Medina, Souk, der zentrale Platz Jemaa el Fna, Café de france. Gewusel und Gewimmel, Straßenlärm und Menschenmassen. Größer könnte der Kontrast nicht sein. In der Medina, der mittelalterlichen, labyrinthischen Altstadt, bestimmt das organisierte Chaos der Marktgassen den Lauf der Dinge. Man taucht ein und lässt sich treiben durch die Eingeweide der Stadt. Längst hat man jede Orientierung verloren, es riecht nach Leben, es duften die Öle und Gewürze, es pulsiert von früh bis spät. Marrakech hat einen schnell zurückgeholt aus der Wüste. (Hans Auinger, 20.12.2015)

Anreise: Flug Wien–Marrakesch zum Beispiel mit Austrian nonstop.

Reiseveranstalter: Weltweitwandern (www.weltweitwandern.at) bietet Marokko als eine seiner Hauptdestinationen und dort gut zwei Dutzend Wanderreisen an – ab 1.390 Euro pro Person und Woche, auf allen Touren inkl. Unterkunft mit Vollpension, ausgenommen in Marrakech nur Frühstück. Auch für Reisende mit kleineren Kindern gibt es Trekkingtouren in der Wüste.

Unterkunft: Empfehlenswerte Riads in den Städten: Rabat: Riad Kasbah, 49, rue Zirara;

Meknes: Riad Kbira, 79, Ksar Chacha

Marrakech: Riad Maud in unmittelbarer Nähe zum zentralen Gauklerplatz, dem Jemaa El Fna.

Boutique-Hotel in Fès: Das Dar Attajalli (www.attajalli.com) wird von einer engagierten Deutschen geführt, die das Haus vor zehn Jahren aufwändig renoviert hat, Zimmer ab 85 Euro

Touristische Infos: www.visitmorocco.com

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Weltweitwandern.

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