Eine Studie, viel Aufregung und wenig Augenmaß

Kommentar der anderen16. Dezember 2015, 17:22
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Nach der Debatte um die Untersuchung islamischer Kindergärten sind ein paar Anmerkungen der Autoren nötig. Die Wichtigste: Es wäre gut, bei dem Thema von Befindlichkeiten abzusehen und sachlich zu bleiben

Die hitzige Debatte, die die Veröffentlichung unserer Vorstudie, deren Langfassung ja erst im Jänner erscheinen soll, losgetreten hat, war weder vorherzusehen, noch war sie seitens der Autoren beabsichtigt. Die allenthalben herrschende Aufgeregtheit scheint allerdings zu beweisen, dass sie ein Thema aufgreift, das den Menschen unter den Nägeln brennt und der Politik eine Reaktion abverlangt.

Jene Vertreter muslimischer Organisationen, die sich am lautesten gegen unsere Studie wehren, repräsentieren gewiss nicht die Mehrheit der hier lebenden Muslime – also die, keineswegs rechtsradikalen, Mütter, Väter und Jugendlichen, die uns immer wieder, wie in der Studie festgehalten, von Konfrontationen mit politischen, ideologischen und theologischen Inhalten berichten, deren Urheber im Ausland sitzen. Und denen es nicht um das Wohl muslimischer Kinder, sondern einzig und allein um die Durchsetzung ihrer eigenen Agenda geht.

Die Kinder sind die Opfer dieser schwer durchschaubaren Interessen. In zahlreichen Zuschriften, die uns aus der muslimischen Bevölkerung erreichen, wird uns nicht nur Solidarität bekundet, sondern auch eine Fülle an gehaltvollen, forschungsrelevanten Hinweisen geliefert. Wir haben also keine Behauptung in den Raum gestellt, die nicht beweis- und belegbar wäre. Dennoch sahen sich einige Betreiber von Kindergärten und -gruppen – nicht ganz überraschend – dazu veranlasst, ihre Internetpräsenz umgehend zu entfernen. Gerade diese Betreiber, die von uns angeblich kein Gesprächsangebot bekommen haben, haben unsere Mails entweder nicht beantwortet oder eine telefonische Auskunft verweigert.

Ein weiterer Kritikpunkt, der sich auf die Untersuchungsmethode bzw. den Umgang mit Datenmaterial bezieht, wird sich durch die Veröffentlichung der eigentlichen Studie rasch entkräften lassen – ein Zwischenbericht, der lediglich als kurze Vorwegnahme der relevanten Forschungsergebnisse gedacht ist, muss diesbezüglich vorerst einige Abstriche machen. Im ausführlichen Bericht wird eine detaillierte theologisch-politische Landkarte der Kindergärten und -gruppen enthalten sein, aus der hervorgeht, dass die von uns vorgenommenen ideologisch-theologischen Zuordnungen bestimmter Vereine auf einer sorgfältigen Analyse des Datenmaterials beruhen. Dazu ist anzumerken, dass in den analysierten Kindergärten und -gruppen mehr als 20 Prozent der muslimischen Kinder betreut werden.

Keine Namen nennen

Uns sind auch – nicht erst seit dieser Arbeit – weitere Verbände bekannt, in denen teilweise islamistisches Gedankengut verbreitet wird. Der Grund, warum wir diese Vereine, die wir untersucht haben und für bedenklich halten, nicht bei der Stadt anzeigen, liegt in unserer Forschungsethik, die es uns verbietet, unsere Interviewpartner namentlich zu nennen, es sei denn, diese Vereine stellen sich selbst in der Öffentlichkeit als das dar, was sie sind, und weisen von sich aus auf derartige Bedenken hin. Es geht uns auch nicht darum, die Schließung bestimmter Vereine zu erwirken oder Personen zu verurteilen. Unser Anliegen besteht vielmehr darin, die hinter diesen Institutionen liegenden Organisationsstrukturen zu verstehen, um wirksame Maßnahmen zu ermöglichen. Andernfalls hätte eine Schließung bloß zur Folge, dass sich diese Vereine neu formieren und unter anderem Namen die gleiche Arbeit machen.

Den wortgewandten Verteidigern muslimischer Einrichtungen, die die an ihnen geübte Kritik offensichtlich schwer ertragen können und bestimmte Tatsachen nicht wahrhaben wollen, möchten wir entgegenhalten, dass unsere Studie nichts anderes im Sinn hat als das Wohl der betroffenen Kinder und ihren damit zusammenhängenden Erfolg als Bürger eines freien, demokratischen Landes. Unsere Forschung möchte auf die gefährlichen Auswirkungen einer religiös-politisch begründeten Isolation hinweisen und Lösungsvorschläge unterbreiten, wie diese Isolation zum Vorteil der Kinder überwunden werden kann.

Auf keinen Fall möchten wir mit dieser Studie die Rolle religiöser Erziehung infrage stellen, weil wir der Überzeugung sind, dass diese die Teilhabe der Kinder an einer pluralistischen Gesellschaft wesentlich stärken kann. Wenn jedoch eine auf einem unreflektierten theologischen Verständnis basierende religiöse Unterweisung Kindern Verachtung anderer nahelegt, kommt damit ein Bewusstsein in die Welt, das nicht unbedingt zum Extremismus führt, für diesen aber einen fruchtbaren Boden bilden kann. Extremismus manifestiert sich nicht allein in spontanen Akten der Gewalt, sondern bezeichnet eine grundsätzliche Geisteshaltung, deren Anfänge eben bereits auf das früheste Kindesalter zurückgehen können.

Des Weiteren wurde der Verdacht geäußert, unsere Studie ziele darauf ab, die Interessen einer bestimmten politischen Partei zu bedienen. Nun haben wir immer wieder betont, dass unsere Bemühungen um Fördermittel nicht nur an die beiden großen Parteien, sondern auch an mehrere europäische Stiftungen gerichtet waren. Wir weisen daher den Vorwurf, mit dieser Studie eine bestimmte Politik befördern bzw. eine andere Politik unter Druck setzen zu wollen, vehement zurück. Als Wissenschafter liegt uns jegliche parteipolitische Affinität fern!

Wir sind nach wie vor bereit, mit der Stadt Wien zusammenzuarbeiten, weil wir uns darüber im Klaren sind, dass ohne deren Mitwirkung eine Qualitätsverbesserung dieser Kindergärten und -gruppen nicht zu erreichen ist. Darüber hinaus wissen wir auch, dass die Mitarbeiter des Magistrats sich der Notwendigkeit dieser Studie bewusst sind und diese sehr wohl geschätzt wird. Freilich hätten wir – wären da nicht diverse Vorbehalte gewesen – in Zusammenarbeit mit dem Magistrat bereits vor einem Jahr viel mehr erreichen können, als dies jetzt der Fall ist.

Es bleibt also die Notwendigkeit, eine umfassendere Studie durchzuführen – als unabdingbare Grundlage für weitere Maßnahmen seitens der Stadt in Richtung Verbesserung der pädagogischen und theologischen Qualität dieser Kindergärten. Ohne eine solche Grundlage kann die Stadt die angestrebten Ziele nicht erreichen, selbst wenn sie die Zahl der Kontrolleure erhöhen sollte. (Ednan Aslan, 16.12.2015)

Ednan Aslan (Jg. 1959) ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien.

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