Flüchtlinge in Griechenland: Gestrandet im Taekwondo-Stadion

18. Dezember 2015, 05:45
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Beim EU-Gipfel wollte Griechenland eine Lösung für die Flüchtlinge finden, die nicht länger einfach nach Europa weiterkönnen

Die Reise nach Deutschland, ins Merkel-Wunderland, endet nach langen Umwegen in einer Taekwondo-Halle im Süden Athens, einem schäbigen Viertel am Ufer der griechischen Hauptstadt, wo die noch gar nicht so alten Sportanlagen der Sommerspiele von 2004 neben Kinos, Café-Ketten und einem Kaufhaus für Billigspielzeug verloren stehen. Ein junges Ehepaar aus Marokko, ein kleines Kind an der Hand, vertritt sich die Beine vor der Sporthalle. Für seinen kleinen Sohn malt Mohammed mit Zahnpasta ein lustiges Gesicht auf den Betonboden.

foto: reuters/konstantinidis
Am Areal vor der Taekwondo-Halle im Süden Athens.

Zum Lachen gibt es sonst nicht viel für das junge Paar auf der anderen Seite des Zauns, auf dem Areal der Sporthalle. Über den Sinn ihrer Flucht werden Mohammed und seine Frau Tourea nun sicherlich streiten, auch wenn sie es nicht zugeben: mit dem Flugzeug von Marokko nach Istanbul in die Türkei, eine schnelle Sache ohne Visapflicht und sicherer als die Überfahrt nach Spanien; mit einem Schlepper im Schlauchboot von der türkischen Küste nach Lesbos; mit dem Bus von Piräeus an die griechisch-mazedonische Grenze; zehn Tage Ausharren im Niemandsland, die Mazedonier lassen nur noch Kriegsflüchtlinge durch. Dann die Kapitulation, der Rücktransport nach Athen, organisiert von der Regierung. Tausend Menschen in der Taekwando-Halle, wo sonst Syriza einen Parteitag abhält oder ein zweitklassiges Ballett aus dem Ausland tanzt. "Man hat nur ein Leben", sagt Mohammed.

Linke verbiegt sich

Syriza, die Linkspartei, muss sich wieder verbiegen. Nach dem neuen Kredit- und Sparprogramm, das sie nie wollte, ist jetzt die Politik gegenüber den Flüchtlingen dran. Vorbei die Zeiten des weltumarmenden Humanismus. Griechenland kann nicht länger einfach tausende von Flüchtlingen in der Woche weiter nach Europa durchwinken.

foto: reuters/kolesidis
Warten und Schlange stehen.

Die Grenzen sind für die meisten plötzlich wieder zu, doch der Flüchtlingsstrom nach Griechenland hält an. 1.500 Menschen waren am Montag auf der Fähre von den Inseln in der Ostägäis, die in Piräeus eintraf; 2.000 gingen am Mittwoch von Bord. Griechenland ist jetzt wieder das Auffangbecken, die Sackgasse in Europa.

Alter Flughafen, neues Lager

Yiannis Mouzalas, der Migrationsminister, ist nur mit Notmaßnahmen beschäftigt. Er versucht nun gegen den Widerstand von Anrainern und Lokalpolitikern in Athen die Errichtung eines neuen Flüchtlingslagers durchzudrücken. Auf das Gelände des früheren Flughafens Ellenikon soll es hin, so erklärte der Minister und frühere Gründer von Ärzte der Welt in Griechenland zu Beginn der Woche. Der sollte eigentlich verkauft werden, so haben es die Kreditgeber vorgeschrieben.

Und Nikos Toskas, der Bürgerschutzminister, lässt mit Gewalt einen Teil der marokkanischen Flüchtlinge aus dem Taekwando-Stadion nach Korinth abtransportieren, in ein berüchtigtes früheres Lager, das die Linke geschlossen hat, kaum war sie an der Macht, ebenso wie das Containerdorf von Amygdaleza, nordwestlich von Athen. Hungerrevolten und Selbstmordversuche fanden dort statt in der Zeit der bürgerlichen Regierung bis zum Jänner dieses Jahres. Als in den vergangenen Tagen aber im Taekwando-Stadion eine Rauferei zwischen Flüchtlingen ausbrach, ging die Polizei rabiat dazwischen und fuhr einige hundert weg in die alten Lager.

Religiöse Verfolgung

Mohammed konnte mit seiner Frau und dem kleinen Sohn bleiben. Das Tor zum Stadion ist offen, die Flüchtlinge können ein- und ausgehen. So viel Freiheit lässt die regierende Linke dann doch noch; nur Journalisten dürfen nicht hinein. Nein, ein Wirtschaftsflüchtling sei er nicht, sagt Mohammed. Zurück nach Marokko können sie aber auch nicht, erklärt der junge Familienvater. In Meknes, seiner Heimatstadt, gebe es Probleme mit der Polizei. Jeden Tag komme sie und klopfe an die Tür. Mohammed ist zum Christentum übergetreten, die ganze Familie, der Vater, die Brüder hätten das so gemacht. Jetzt werden sie von den Behörden im muslimischen Königreich drangsaliert. Warum sie den Islam aufgegeben hätten, wollen die Polizisten wissen. Wer ihnen dabei geholfen hat, wer noch alles mitmacht bei der Konvertierung, soll er sagen.

foto: reuters/karagiannis
Auch Familien mit kleinen Kindern sind gestrandet im Stadion.

Mit der Geschichte von der Verfolgung aus religiösen Gründen muss der junge Marokkaner nun erst einmal den griechischen Staat überzeugen. Einen Antrag auf Asyl will die Familie hier nun stellen. Das mag dauern, Aussicht auf Erfolg äußerst unsicher. Das Flüchtlingshilfswerk der Uno gibt es auch noch. Mohammed zieht aus seinem Geldbeutel einen Zettel, den er vom UNHCR bekommen hat. "Montags 10 bis 12 Uhr arabischer Beratungsservice über Skype" steht dort. Mohammed schüttelt nur den Kopf. (Markus Bernath aus Athen, 18.12.2015)

foto: reuters/konstantinidis
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