Seien wir doch ehrlich

Kommentar17. Dezember 2015, 12:33
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Die Debatte über Einwanderung muss endlich frei von Populismus und Verlogenheit werden

Die Vorstellung darüber, was Integration ist oder wie der Einwanderer zu sein hat, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten merklich verändert. Die Gastarbeiter, die erste große Einwanderergruppe nach dem Zweiten Weltkrieg, hat noch niemand mit der Teilhabe an der Gesellschaft oder gar Integration behelligt. Mit dem grammatikalisch fehlerhaften Deutsch, das man ihnen auf der Baustelle oder am Fließband beibrachte, gaben sich die Mehrheitsgesellschaft und der vermeintliche Gast zufrieden. Ihre Parallelgesellschaften interessierten niemanden, ihre Kinder förderte niemand, denn sie würden ja ohnehin bald gehen.

Der defizitäre Migrant

Die Gastarbeit als vorübergehende Einrichtung stellte sich jedoch, wie zu erwarten war, als Illusion heraus. Als die FPÖ "den Ausländer" Anfang der 90er-Jahre als Feindbild konstruierte, entstand allmählich die Vorstellung des defizitären Migranten beziehungsweise seiner Nachkommen, der "Menschen mit Migrationshintergrund". Sie sind schlecht gebildet, haben Sprachdefizite, sind von der gesellschaftlichen Teilhabe mutwillig ausgeschlossen oder isolieren sich selbst in der angeblichen Parallelgesellschaft. Zusammen mit dem Erstarken der religiösen Identität der muslimischen Einwanderer und ihrer Sichtbarkeit in der Gesellschaft kam ab der Jahrtausendwende eine weitere toxische Zutat in die Integrationsdebatte: Angst.

Gute und böse Ausländer

Jahrzehntelang wurde in der politischen Debatte der Umstand geleugnet, dass Österreich sehr wohl ein Einwanderungsland ist. Das Zusammenleben wurde fast ausschließlich unter negativen Vorzeichen diskutiert und problematisiert. Die sozialen Probleme der Migranten wurden von links und rechts ethnisiert, hochgespielt und für politisches Kleingeld missbraucht und selten ernsthaft angepackt. "Gute" und "böse" Migrantengruppen wurden gegeneinander ausgespielt. Zu einer derart emotionalisierten und populistisch geführten Debatte kommen jetzt die großen Themen "Flüchtlinge", "Islam" und "Terror" hinzu.

Wie soll der Einwanderer sein?

Wie fatal unvorsichtig die Beteiligten in der politischen Debatte sind, zeigt aktuell die Aufregung über die nach Geschlechtern getrennten AMS-Kurse oder die umstrittene Vorstudie zu islamischen Kindergärten. Politische Akteure und Meinungsmacher lassen sich von Vorurteilen und Partikularinteressen leiten. Halbwissen und Angstmache waren noch nie gefährlicher. Die Gesellschaft spaltet sich mehr denn je an der einen Frage: Wie soll und darf der Einwanderer sein?

Strache und andere extreme Rechte schwadronieren – haarscharf am Verhetzungsparagrafen vorbei – von Umvolkung und Jihadisten im Kindergarten, wollen aber eigentlich sagen: Der (muslimische) Migrant darf hier gar nicht sein! Derweil basteln sich die Liberalen ihren Idealmigranten. Er soll so werden, wie wir gerne wären und doch nicht sind: aufgeklärt, immer auf Gleichberechtigung der Geschlechter bedacht, tolerant und umsichtig, gut ausgebildet, fleißig und, bitte, erfolgreich! Die Linken reiben sich unterdessen an der Frage auf, was berechtigte Kritik an religiösem Extremismus ist und was schon Bevormundung und Beschneidung von Menschenrechten.

Ehrliche Debatte gefordert

In der Zwischenzeit kommen immer mehr Menschen nach Österreich, die hier bleiben wollen und mehrheitlich auch werden. Wie wir ihnen als Mehrheitsgesellschaft am Anfang begegnen, entscheidet maßgeblich darüber, wie unser Zusammenleben in einigen Jahrzehnten aussehen wird. Wenn wir eine offene Gesellschaft bleiben wollen, müssen wir genauso agieren: nämlich mit Offenheit und Transparenz.

Reden wir offen über Ängste: über Ängste vor Fremden und über Abstiegsängste. Wenn wir von Werten reden und sie einfordern, verstecken wir uns nicht hinter vermeintlichen Sorgen um die Frauenrechte der Einwanderinnen – besonders bei sonst konservativen Politikern und Journalisten wirkt das sehr unglaubwürdig. Wenn es uns um gute und säkulare Ausbildung für alle Kinder geht, dann sollten wir das auch für alle und nicht nur für die Minderheiten fordern, alles andere ist verlogen.

Nur eine ehrliche und unpopulistische Debatte kann jenen das Wasser abgraben, die hetzen, ausgrenzen, gezielt desinformieren und Angst verbreiten. Denn zumindest in einem Punkt sind wir uns alle einig: In Angst möchte niemand leben. (Olivera Stajić, 17.12.2015)

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