Human Rights Watch: Folter und Mord in syrischen Gefängnissen

16. Dezember 2015, 16:47
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NGO rekonstruierte mithilfe von Fotos, was mit einigen der tausenden in Syrien verschwundenen Menschen passiert ist

Damaskus – Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sind unter dem Regime Bashar al-Assads tausende Menschen einfach verschwunden. Was mit einer Verhaftung begann, endete in vielen Fällen mit dem Tod im Gefängnis. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat nun einen Bericht veröffentlicht, der die Geschichten von Opfern aus syrischen Regierungsgefängnissen erzählt.

Zehntausende geschmuggelte Beweisfotos, die ein syrischer Militärfotograf mit dem Pseudonym "Caesar" im August 2013 aus Syrien geschmuggelt hat, werden darin analysiert. Diese zeigen unter anderem 6.786 Gefangene, die in Haft oder nach ihrer Überstellung aus einem Gefängnis in ein Militärkrankenhaus gestorben sind. Die Fotos beziehen sich ausschließlich auf den Zeitraum zwischen Mai 2011 und August 2013 und wurden in nur zwei Leichenhallen in Damaskus aufgenommen – die Dunkelziffer an entführten und ermordeten Gefangenen dürfte also weit höher liegen.

Systematische Folter

"Wir haben keinen Zweifel daran, dass die Menschen auf den 'Caesar'-Fotos systematisch und in großem Umfang ausgehungert, geschlagen und gefoltert wurden", sagt Nadim Houry, stellvertretender Leiter der Abteilung Naher Osten von Human Rights Watch. "Diese Fotos zeigen nur einen Bruchteil der Menschen, die in syrischen Regierungsgefängnissen gestorben sind – und Tausende mehr erleiden derzeit das gleiche Schicksal."

Ehemalige Gefangene berichteten von grausamen Zuständen in den Gefängnissen: Sie saßen in stark überbelegten Zellen, bekamen kaum Luft und nur so wenig Nahrung, dass sie deutlich geschwächt wurden. Oft durften sie sich nicht waschen – so konnten sich Haut- und andere ansteckende Krankheiten schnell und leicht verbreiten.

Im Fall von 27 Verschwundenen konnten durch Interviews mit Verwandten, Freunden und ehemaligen Mitgefangenen sowie desertierten Wärtern die Hintergründe der Inhaftierung geklärt und ihre Geschichte rekonstruiert werden.

Acht Einzelschicksale

Acht Familien waren einverstanden, die Schicksale ihre Angehörigen öffentlich zu machen. Dem Bericht zufolge waren alle acht Zivilisten, darunter sechs Männer, eine Frau und ein 14-jähriger Junge. Manche hatten an Demonstrationen teilgenommen, andere waren als Menschenrechtsaktivisten oder für regierungskritische Positionen bekannt. Einige Angehörige konnten sich zugleich überhaupt nicht erklären, wieso es zu einer Verhaftung gekommen war: Osama Hussein Salim, der im Februar 2013 verhaftet wurde, war seinem Bruder Firas zufolge beispielsweise niemals politisch aktiv oder hat an Demonstrationen teilgenommen.

Der Student Ayham Ghazzoul hatte sich dem Bericht zufolge in zwei Vereinen engagiert, die sich für Menschenrechte einsetzen. Er wurde am 5. November 2012 verhaftet und danach gefoltert, vier Tage später starb er. Eineinhalb Jahre später erhielt seine Mutter den Totenschein, auf dem "Herzinfarkt" als Todesursache angegeben war.

Der 23-jährige Mohammed Tariq Majid stammte aus Daraya und engagierte sich dort in der friedlichen Protestbewegung gegen die Regierung. Seine Angehörigen gaben an, dass er am 16. Februar 2013 in Damaskus bei einer Razzia verhaftet und im Gefängnis gefoltert wurde, wenige Wochen später starb er. Der 14-jährige Ahmad al-Musalmani wurde dem Bericht zufolge verhaftet, weil er ein Assad-kritisches Lied auf seinem Handy hatte. Wenige Tage später wurde er ermordet.

Appell an die internationale Gemeinschaft

Human Rights Watch fordert, dass die syrische Regierung internationalen Beobachtern unverzüglich Zugang zu all ihren Hafteinrichtungen gewährt, sowie alle willkürlich verhafteten und politischen Gefangenen freilässt. Zudem sollten jene Staaten, die über mögliche Friedensverhandlungen mit Syrien diskutieren, das "Schicksal der Tausenden Gefängnisinsassen ganz oben auf ihre Agenda setzen". (Noura Maan, 16.12.2015)

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