EU-Datenschutzrichtlinie: An der Realität vorbei

Kommentar16. Dezember 2015, 16:52
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Neues Eintrittsalter zu sozialen Netzwerken widerspricht dem Mediennutzungsverhalten

Sind Sie schon 16 Jahre alt? Falls nicht, holen Sie sich die Bestätigung Ihrer Eltern oder drehen Sie sofort das Internet ab! Falls doch, sind Sie theoretisch berechtigt, diesen Text weiterzulesen, außer sie befinden sich in einem Land, in dem Sie schon unter 13 Jahren die Zustimmung Ihrer Eltern zum Zutritt brauchen. Wenn Sie über 16 sind, können Sie bedenkenlos weiterlesen.


Der Einstieg zu diesem Text soll beispielhaft dafür stehen, wie absurd, schwer umsetzbar und wohl auch wirkungslos der Vorschlag der EU-Kommission ist, bei Onlinenetzwerken wie Facebook künftig festzulegen, dass Jugendliche unter 16 Jahren sich nur mit Zustimmung ihrer Eltern anmelden dürfen, wobei einzelne Mitgliedsstaaten das Mindestalter aber auf 13 heruntersetzen können.

In Zeiten, in denen Kleinkindern Smartphones buchstäblich in die Wiege gelegt werden, sind die geplanten Bestimmungen für das Eintrittsalter mehr als realitätsfremd.

Realitätsfern

Auch eine Zutrittshürde für unter 13-Jährige steht im Gegensatz zur tatsächlichen Nutzung von Plattformen wie Instagram, Whatsapp, Facebook, Snapchat und Co. Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 sind 38 Prozent der jugendlichen Facebook-Nutzer (bis 18) unter 13 Jahre alt.

Eine aktuellere Beobachtung dazu: In der vergangenen Woche war eine Wiener Schülergruppe beim STANDARD zu Gast. Eine zugegeben nicht repräsentative, aber doch spannende Umfrage ergab dabei, dass die Zwölfjährigen zu 100 Prozent Whatsapp nutzen, zu 90 Prozent Instagram, nur zu zehn Prozent Facebook und zu fünf Prozent Twitter. Snapchat wird von immerhin 20 Prozent genutzt. Kein einziger Schüler war ohne Social-Media-Zugang.

Freilich, die Nutzung sozialer Netzwerke birgt Gefahren. Kinder und Jugendliche müssen vor Inhalten geschützt werden, die ihrem Alter nicht entsprechen. Selbstverständlich muss man auch darauf achten, was die jungen Menschen von sich preisgeben, damit ihre Daten und Fotos nicht Personen in die Hände fallen, die sie missbräuchlich verwenden würden.

Was wirklich helfen würde

Wenn die EU den Datenschutzrichtlinien nach 1995 endlich ein Update verschafft, sollte sie sich mit den realen Gegebenheiten befassen. Was man wirklich tun müsste: Schon ab dem Kindergartenalter müsste die gefahrenfreie Internetnutzung geschult werden, was dann ab dem Volksschulalter ein wesentlicher Bestandteil des Lehrplans sein müsste.

Überhaupt am effektivsten wäre es wohl, wenn Eltern sich mehr darum scheren würden, was ihre Kinder egal welchen Alters tun, indem die Erziehungsberechtigten für ihr eigenes soziales Netzwerk daheim mehr Zeit aufbringen. (Rainer Schüller, 16.12.2015)

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