Jugendamt-Bashing

Blog16. Dezember 2015, 12:09
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In Medien kommt das Jugendamt oft schlecht weg – egal, ob und wie es handelt. Das ist mitunter tendenziös und trägt nicht dazu bei, Reformen anzustoßen

Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ist zumeist ein Hort der Freude für Menschen, die etwas für gut gemachte Printprodukte übrig haben: interessante, gut geschriebene Geschichten, tolle Bilder, ansprechendes Layout, originelle Illustrationen. Umso erstaunter ist man, wenn den smarten Süddeutschen mal was danebengeht.

So geschehen in der Vorwoche: Das Magazin coverte "Leidensberichte", die Menschen mit deutschen Jugendämtern erlebt hatten. Sechs Fälle, sechs (vorübergehende) Kindesabnahmen, sechs menschliche Tragödien, sechs Behördenskandale. "Ausgeliefert" lautet der Titel.

Mitleid mit Betroffenen

So las sich die Geschichte, so sollte sie sich wohl auch lesen. Man bekam Mitleid mit den Betroffenen: arg, wie die mit Schutzbefohlenen umgehen, wie Jugendämter Kinder aus den Armen ihrer fürsorglichen Eltern reißen.

Da ist von Müttern die Rede, die angeblich zu sehr klammern, in Wahrheit aber nur von Klassenlehrern ihres Kindes gemobbt werden. Da ist die Rede vom Vater, dessen Ex-Partnerin die Entfremdung des Kindes mit Erfolg betrieb. Da ist die Frau, die mit dem Vater ihres Babys mehrmals den Neustart im Ausland plante – um immer wieder aufs Neue draufzukommen, dass er sie betrogen hatte. Das Jugendamt erlebten die Betroffenen stets als nicht unterstützend, sondern als kontrollierend, potenziell feindselig, gar bedrohend und Leben zerstörend.

Untermauert wird die Geschichte von den Aussagen zahlreicher Experten (Psychologen, Kinderpsychiater, Sozialpädagogen, ehemalige Jugendrichter et cetera), die allesamt die gefährliche Tendenz beschreiben, dass sich die Behörde im Namen des Kindeswohls zu viel herausnehme und willkürlich entscheide. Das Recht der leiblichen Eltern auf das Kind wird in diesem Potpourri als über allem stehend – und hochgefährdet – beschrieben. Am Ende heißt es: Die Zahl der Kindesabnahmen in Deutschland habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Andere Lesart fehlt

Bei keinem der sechs Fälle wird freilich die Sichtweise des jeweiligen Jugendamts wiedergegeben. Die Gescholtenen kommen schlicht nicht zu Wort. Das macht die Geschichte tendenziös. Die Sichtweise Betroffener wird übernommen, es wird nicht hinterfragt, ob es noch eine andere Lesart zum jeweiligen Fall gibt.

Man könnte die Geschichten auch anders lesen: etwa so, dass in einigen der beschriebenen Fälle, sogar in der Darstellung der betroffenen Mütter und Väter, ihnen die Behörden eine zweite, oft sogar eine dritte Chance einräumten. Ob diese dann nicht genutzt wurde oder, wie ein Experte formuliert, "die Tendenz vorherrscht: einmal schlechte Eltern, immer schlechte Eltern" – das wäre es wert gewesen zu recherchieren und zu beschreiben. Denn auch hier könnte man die Frage stellen: Wem zuliebe geschieht so etwas? Ist das im Sinne der Eltern oder wirklich im Sinne der Kinder?

Eine einzige Pflegemutter etwa kam nur zu Wort, weil ihr das Jugendamt das Pflegekind wieder entzogen hatte. Das Warum blieb unterbeleuchtet. Österreichs Kinder- und Jugendanwälte erzählen zuweilen, dass Jugendrichter und -richterinnen derzeit dazu neigen, die Elternrechte wieder zu stärken. Auch das kann durchaus negative Nebeneffekte haben.

Eingreifen ist nicht böse

Faktum ist jedenfalls, dass es per se nicht schlecht ist, wenn die Ämter engmaschiger darauf schauen, was sich in Familien abspielt – und nicht erst eingreifen, wenn es (fast) zu spät ist. Dass Kinder leichtfertig und ohne sorgfältige Prüfung abgenommen werden, kann man für Österreich jedenfalls nicht behaupten. Im Gegenteil: Seit Einführung der Familiengerichtshilfe werden Hintergrund und Umfeld gefährdeter Kinder noch gründlicher durchleuchtet.

Dass es für Kinder immer traumatisch ist, wenn das Zusammenleben in der Herkunftsfamilie nicht funktioniert, ist klar. Dass es aber oft besser ist, sie aus einer für sie gefährlichen Situation herauszunehmen, ist genauso verbrieft.

Die Rechte leiblicher Eltern dürfen nicht über allem stehen, schon gar nicht über denen ihrer Kinder. Diese zu vertreten und zu schützen ist Aufgabe der Jugendämter. Sie tun das – mal besser, mal schlechter. Einseitige Skandalisierungen helfen nicht, Reformen voranzubringen. (Petra Stuiber, 16.12.2015)

  • Die Zahl der Kindesabnahmen nimmt zu. Das heißt nicht automatisch, dass das Jugendamt willkürlicher agiert als früher. Sondern dass es genauer hinsieht.
    apa/keystone /bally

    Die Zahl der Kindesabnahmen nimmt zu. Das heißt nicht automatisch, dass das Jugendamt willkürlicher agiert als früher. Sondern dass es genauer hinsieht.

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