Sozialwissenschafter Benedict Anderson gestorben

15. Dezember 2015, 12:44
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Der renommierte Gesellschaftstheoretiker prägte mit seinem Konzept der "imagined communities" die Diskussion um den Nationalismus.

Wien – Im August war er noch in Wien gewesen. Sein Vortrag "Alarms of an Old Alarmist" war einer der Höhepunkte einer großen Konferenz von und mit rund 500 Südostasienwissenschaftern. Benedict Anderson, emeritierter Professor für Politikwissenschaften an der Cornell University in den USA, war – auch biografisch bedingt – ein Spezialist für Südostasien. Weltberühmt machten ihn aber seine Arbeiten zum Thema Nation und Nationalismus.

Anderson wurde 1936 in Kunming (China) geboren, wo sein Vater als britischer Marineoffizier stationiert war. Nach einer Schulausbildung in Kalifornien und einem Bachelor an der Cambridge University wollte Anderson über die indonesische Revolution dissertieren – just zu der Zeit, als sich in Indonesien General Suharto an die Macht putschte, der Präsident Sukarno entmachtete und ein autoritäres Regime errichtete.

Aufgrund eines regimekritischen Artikels wurde Anderson 1972 dauerhaft des Landes verwiesen, nicht ohne Jahre zuvor an der Cornell University seine Dissertation abzuschließen. Seit dieser Zeit bis zu seiner Emeritierung 2002 lehrte er auch in Cornell, sein Schwerpunkt war dabei die Geschichte und Politik Südostasiens. Anderson sprach im übrigen auch fließend Indonesisch, Thai und Tagalog.

Weit über die Fachgrenzen berühmt wurde Anderson mit seinem 1983 veröffentlichten Buch "Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism" (deutsch: "Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts"). Anderson zerstörte darin einige Mythen rund um den politisch aufgeladenen Begriff: Nationalismus sei ein modernes Phänomen, auch wenn viele ihre Nationen für "ewig" halten; es sei universell (weil jeder eine Nation hat) und es sei mächtiger als lange angenommen: Menschen opfern sich für ihre Nation.

Der Sozialwissenschafter identifizierte die Vorbedingungen der Nationenbildung (u.a. eine nationale Umgangssprache, der Kapitalismus und der Buch- und Zeitungsdruck) und rekonstruierte, wie sich die Konzepte im späten 18. Jahrhundert über die ganze Welt auszubreiten begannen. Anderson wurde damit neben Ernest Gellner zu einem der ersten großen und kritischen Theoretiker der Begriffe Nation und Nationalismus.

Obwohl Anderson – wie auch sein britischer Kollege Eric Hobsbawm – überzeugt war, dass die vermeintliche "Natürlichkeit" von Nationen nur auf einer "Erfindung von Traditionen" beruhe, warnte er ausdrücklich vor dem Missverständnis, dass Nationen nur "imaginierte" Gemeinschaften und also "unecht" oder "falsch" seien. Für ihn machte die Unterscheidung zwischen "echten" und "unechten" Gemeinschaften wenig Sinn.

Nach Indonesien durfte Anderson erst wieder nach dem Tod von Diktator Suhartos 1998 einreisen. Der große Theoretiker der Nation und des Nationalismus starb am 13. Dezember in der indonesischen Stadt Malang an Herzversagen. (Klaus Taschwer, 15.12.2015)

  • Benedict Anderson, 1936–2015.
    foto: ap

    Benedict Anderson, 1936–2015.

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