Männer fürchten sich, Frauen steigen langsam auf

Interview4. April 2015, 09:00
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Frauen in technisch Studienrichtungen sind trotz unzähliger Initiativen in der Minderheit. Über den weiten Weg zur Geschlechterbalance, spricht Anna Steiger (Vizerektorin TU Wien).

STANDARD: An der TU Wien gibt es aktuell 14 Professorinnen von insgesamt 140, der Studentinnenanteil beträgt rund 28 Prozent. Ende letzten Jahres wurde ein neuer Frauenförderplan beschlossen. Was sind die Erwartungen?

Steiger: Jährlich nehmen wir an der TU dazu eine Bestandsaufnahme vor. Und da wurde ganz deutlich sichtbar, dass wir in zwei Bereichen auf der Stelle treten, nämlich bei den unbefristeten Proffessuren und bei den Laufbahnstellen, also Positionen mit einer längeren Perspektive. Im letzten Frauenförderplan stand bereits eine 50 prozentige Frauenquote. Nur, ohne gezielte Maßnahmen können wir diese Quote nicht erreichen. Deshalb gibt es im aktuellen Plan auch Ausschreibungen von Professuren für Frauen und auch die konkrete Einrichtung von Laufbahnstellen.

STANDARD: Gibt es da nicht von den männlichen Kollegen Einwände?

Steiger: Die Befürchtungen von Männern, ob sie an der TU überhaupt noch eine Chance haben, gibt es. Die Zahlen sprechen aber eine andere Sprache. Wir möchten auch, dass sich die einzelnen Fakultäten proaktiv mit der Beteiligung von Frauen in ihrem Bereich auseinandersetzen und was sie tun können, um mehr Frauen an die Fakultät zu holen.

STANDARD: Von Unternehmen hört man, dass sie ja technische Führungspositionen mit Frauen besetzen möchten, nur leider gäbe es so wenige. Stimmt das?

Steiger: Jein, wenn man sie sucht, dann findet man sie auch. Es dauert möglicherweise etwas länger, aber es gibt auch im technischen Bereich viele hochqualifizierte Absolventinnen. Es kommt aber auch immer darauf an, wie die Ausschreibung für eine Position aussieht. Wir schrieben letzens eine Laufbahnstelle aus, bei der wir das Profil bewusst sehr offen ließen, wichtig war lediglich der Forschungsschwerpunkt Informatik. Auch die Qualifikationskriterien beschrieben wir sehr gendersensibel. Und es haben sich viel mehr Frauen beworben, als das sonst bei uns üblich ist. Wir wissen ja auch, dass Frauen sehr zurückhaltend bei Bewerbungen sind, da müssen schon 90 Prozent der Anforderungen passen bevor sie sich bewerben.

STANDARD: Eine Professur ist ja die Spitze einer wissenschaftlichen Karriere. Aber es geht ja auch darum mehr Mädchen für Technik zu begeistern...

Steiger: Wir beginnen auch schon mit vielen Projekten bei kleinen Kindern. Ob das jetzt ein Kindergarten mit technischem Schwerpunkt ist, Töchtertag, Frauen-in-der-Technik-Tage. Unser neuestes Projekt ist ein Online-Mentoring-Programm, weil wir gemerkt haben, dass Mentoring bei unseren Studentinnen nicht sehr gut angenommen wird, online funktioniert das viel besser. Unterstützung gibt es da schon bevor man die Studienwahl trifft. Wir vermeiden ganz bewusst das Wort Frauenförderung, weil auch das keine so gern möchte.

STANDARD: Es gibt eine Menge an Initiativen, die Frauen und Mädchen schon früh für Technik begeistern wollen. Gelingt das auch?

Steiger: Im Schritttempo tut sich etwas. Dabei geht es aber um eine Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft. Es tut sich etwas, aber es ist noch ein weiter Weg. Aussagen von berühmten Persönlichkeiten wie: 'in der Schule war ich gut, nur in Mathe schlecht', helfen jedenfalls nicht um Technikbegeisterung zu fördern. Aber ich bin von Optimismus getrieben, sonst wäre ich nicht schon seit 2003 im Universitätsbereich für Gender tätig. Und immerhin gibt es an der TU Wien bereits zwei Professoren in Väterkarenz und ein dritter wird diese bald antreten. Chancengleichheit braucht auch diese Rolemodels. (DER STANDARD, 04./05.04.2015)

  • TU-Vizerektorin Anna Steiger.
    foto: ho

    TU-Vizerektorin Anna Steiger.

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