"Die Traktoristin ist jung und überschreitet Geschlechtergrenzen"

Interview16. Dezember 2015, 09:00
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Käthe-Leichter-Gastprofessorin Dietlind Hüchtker über Jugend, Geschlecht und Populärkultur im polnischen Sozialismus

STANDARD: Sie forschen zur Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, insbesondere zur Geschlechter- und Kulturgeschichte. Warum haben Sie für Ihre Antrittsvorlesung zur Käthe-Leichter-Gastprofessur gerade das Beispiel Polen gewählt?

Dietlind Hüchtker: Mein Forschungsschwerpunkt ist Polen. Vor allem aber eignet sich die Volksrepublik Polen, weil in der Geschichtsschreibung heute, in der deutschen wie der polnischen, eine politische Geschichte der Opposition von den ersten Protesten bis zur Solidarność dominiert.

STANDARD: Sie betrachten in der Antrittsvorlesung die polnische Geschichte durch die Brille ausgewählter Geschlechterrollen. Warum?

Hüchtker: Auf diese Weise kann man über andere, weniger polar und weniger politisch ausgerichtete Perspektiven auf die polnische Geschichte nachdenken.

STANDARD: Sie untersuchen das Verhältnis von Männlichkeits- und Weiblichkeitsdarstellung, also die Geschlechterinszenierung im polnischen Sozialismus. Und wählen zum Beispiel "die Traktoristin". Was ist an ihr so interessant?

Hüchtke: Die Traktoristin ist das Symbol für die sozialistische Geschlechterpolitik, die sich Emanzipation durch Erwerbsarbeit und durch die Öffnung männlicher Berufe auf die Fahnen geschrieben hatte. Sie ist jung und überschreitet Geschlechtergrenzen, repräsentiert also auch den Aufbruch in eine neue Gesellschaft. Gleichzeitig gab es kaum Traktoristinnen, auch weil es in den 1950er-Jahren kaum Traktoren gab. An ihr kann man also zeigen, dass es nicht um Abbildungen der Realität, sondern um die Bedeutung von Bildern, um die eigene Sprache der Bilder geht.

STANDARD: Das männliche Pendant zur Traktoristin ist "der Maurer". Warum ist er als "Held der Arbeit" geeignet?

Hüchtker: Der Maurer ist vor allem durch das Bild von Aleksander Kobzdej zur Ikone geworden. Der "reale" Held der Arbeit war Bergmann. Das Bild zeigt einen traditionell in Handarbeit mauernden jungen Mann mit muskulösem (Arbeiter-)Körper. Das traditionelle Gewerbe und die Jugendlichkeit – das proletarische Männlichkeitsideal – verbinden Vergangenheit und Zukunft Polens. Das Mauern steht ganz konkret für den Wiederaufbau, insbesondere des historischen Warschau.

STANDARD: Geschlechtergleichheit sollte im sozialistischen Polen unter anderem durch Erwerbsarbeit erreicht werden. So wurden Frauen auch im Untertagebau zugelassen, was man aber 1956 wieder zurücknahm. Mit welcher Begründung? Wie verändert sich das politisch erwünschte Frauenbild in Polen?

Hüchtker: Auch das war in erster Linie ein symbolischer Akt – es haben nur wenige Frauen untertage gearbeitet. Das Verbot dieser als unweiblich wahrgenommenen Tätigkeit stand für einen polnischen Weg in den Sozialismus, wie ihn Gomułka vertrat, der 1956 an die Macht kam. Argumentiert wurde mit der Bewahrung der Gebärfähigkeit, also mit Mütterlichkeit. Aufgerufen wurde die Matka-Polka, Mutter Polin, die sich für die Nation aufopferte. Weiblichkeit stand für mehr als Frauenpolitik, nämlich für die Geschichte der polnischen Nation – und damit für die Versicherung eines nationalen, sprich polnischen Sozialismus.

STANDARD: Als nächstes Beispiel wählen Sie die "neue junge Frau", wie sie in der Zeitschrift "Filipinka" inszeniert wird. Was unterscheidet sie von der Traktoristin?

Hüchtker: "Filipinka" erschien seit 1957, die Umfrage "Bist du ein modernes Mädchen? fand 1960 statt. Das "neue Mädchen" oder "die neue junge Frau" repräsentierte weiterhin das Ideal der Jugend und des Aufbruchs, aber nicht mehr Emanzipation durch Erwerbstätigkeit, sondern Konsum und Weiblichkeit. Damit unterstrich es die auf Konsumförderung ausgerichtete Wirtschaftspolitik und Weiblichkeit als einen zu Männlichkeit differenten Wert, was die Rückweisung von Geschlechterangleichung als stalinistische Politik unterstrich.

STANDARD: Sie beschreiben auch die De- und Neukonstruktion von Männlichkeit. Nach Stalins Tod tritt "der Antiheld" auf den Plan. Warum?

Hüchtker: Der Antiheld tritt nicht nach Stalins Tod auf den Plan. Allerdings wurde nach Stalins Tod, mit dem Tauwetter und dem Machtantritt Gomułkas, die Zensur gelockert, insgesamt war die Atmosphäre etwas entspannter, und Kulturpolitik bekam eine größere Bedeutung – auch die Förderung der Filmhochschule in Łódź, durch die eine Reihe von Regisseuren ausgebildet wurden und Filme erschienen, unter anderem auch Andrzej Munks "Eroica".

STANDARD: Es gab im Polen der 70er-Jahre keine feministische Debatte wie im Westen. Woran lag das?

Hüchtker: Das ist keine einfach zu beantwortende Frage. Darüber streitet sich die Forschung seit langem. Das Ziel meines Vortrags war auch nicht, sie zu beantworten, sondern eher darauf hinzuweisen, dass nicht nur die Rolle der Frauen in der Opposition eine Rolle spielte, wie sie meist analysiert wird, sondern eben auch die Inszenierung einer neuen Männlichkeit, die für Einheit, politische Freiheitsrechte et cetera stand, also die Opposition figurierte, so wie sonst immer analysiert wird, was Weiblichkeit figurierte.

STANDARD: Sehr wohl gab es aber in den 80-Jahren eine Rock- und Punkszene. Hier war das bestimmende Bild das des männlichen Rockstars. Was war in diesem Fall die Funktion von Popkultur in der Gesellschaft?

Hüchtker: Das bestimmende Bild war der Rockstar nicht unbedingt, genauso war es die Unisex-Kultur der Festivals. Man kann die Jugendkulturen in Polen, also auch die Punkszene, durch eine popkulturelle Brille betrachten, das heißt, ihre polaritätenüberwindende Bedeutung beschreiben. Der Rockstar und die Rockszene waren ein grenzüberschreitendes Phänomen, das Männlichkeit als Transmitter hervorhob – und die polnische Rockszene mit globalen, transnationalen Männlichkeitsinszenierungen verband. (Tanja Paar, 16.12.2015)

Dietlind Hüchtker hat im Wintersemester 2015/16 die Käthe-Leichter-Gastprofessur für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Wien inne. Diese besteht seit 1999 und ist ein interdisziplinäres Angebot an Studierende verschiedenster Fachrichtungen. Nach dem Studium der Geschichte und Politikwissenschaften promovierte Hüchtker 1996 an der Technischen Universität Berlin. Seit 2003 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas und leitet dort die Projektgruppen "Utopische Gemeinschaften" und "Ländliche Gesellschaften". Sie ist seit 2012 Privatdozentin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

  • Eine russische Traktoristin. Dietlind Hüchtker. "Sie ist das Symbol für die sozialistische Geschlechterpolitik, die sich Emanzipation durch Erwerbsarbeit auf die Fahnen geschrieben hatte."
    foto: corbis

    Eine russische Traktoristin. Dietlind Hüchtker. "Sie ist das Symbol für die sozialistische Geschlechterpolitik, die sich Emanzipation durch Erwerbsarbeit auf die Fahnen geschrieben hatte."

  • Dietlind Hüchtker: "Das traditionelle Gewerbe und die Jugendlichkeit – das proletarische Männlichkeitsideal – verbinden Vergangenheit und Zukunft Polens."
    foto: christine kriegerowski

    Dietlind Hüchtker: "Das traditionelle Gewerbe und die Jugendlichkeit – das proletarische Männlichkeitsideal – verbinden Vergangenheit und Zukunft Polens."

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