"Susanna": Händel im Smoking

14. Dezember 2015, 16:32
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Oratorium "Susanna" vom Orchester Wiener Akademie im Musikverein

Wien – 1985 gründete Martin Haselböck das Orchester Wiener Akademie, seit 1991 gestaltet das historisch informiert musizierende Ensemble einen eigenen Konzertzyklus im Musikverein – aufmerksamkeitstechnisch etwas im Schatten des großartigen, glühenden Concentus Musicus. In der letzten Saison startete man zudem die interessante Konzertserie Re-Sound Beethoven, bei der die Symphonien des Tüftlers und Feuerkopfs an den hiesigen Ur- bzw. Erstaufführungsorten (sofern noch existierend) zum möglichst originalen Klingen gebracht wurden.

Vor 30 Jahren habe er mit einer Gruppe junger Musiker nebenan im Brahmssaal erstmals in diesem Haus musiziert, erklärte Martin Haselböck in einer kurzen Ansprache vor dem Konzert im Großen Musikvereinssaal. Schon im Jahr darauf wurde der Dirigent zu einem deutschen Barockfestival eingeladen und leitete dort eine Aufführung von Georg Friedrich Händels 1749 uraufgeführtem dramatischem Oratorium Susanna, einem Werk "voll der unglaublichsten Melodien", so Haselböck.

Verleumdung zweier Lustgreise

Diese wurden im zweiten Abonnementkonzert der Saison von einem hochkarätigen Ensemble junger Sängerinnen und Sänger interpretiert. Allen voran von Sophie Karthäuser: Agil, beseelt und unendlich nuanciert interpretierte die belgische Sopranistin die Titelpartie, nahm mit christlicher Demut ihr Todesurteil hin und jubilierte erst am Schluss hell und lautstark, als die Verleumdungskampagne zweier Lustgreise von einem jungen juristischen Investigativgenie aufgedeckt wurde.

Paul Schweinester und Levente Páll waren die zwei Stammesältesten, die sich beim Anblick der badenden Susanna (nach der Erzählung im Buch Daniel der hebräisch-aramäischen Bibel) aufgeilten; der Tiroler vereinte in seinem Tenor jugendliche Biegsamkeit und Kraft, der Ungar beeindruckte mit einem mächtigen, kernigen und doch auch noblen Bass. Mit seinem klaren, festen, tragfähigen Altus beschwor Carlos Mena als Joacim die immerwährende Liebe zu seiner treuen Gattin. Nach einer bangen Schweigeminute in seiner ersten Arie sang sich Alois Mühlbacher als Daniel mehr und mehr frei, Marie-Sophie Pollak lieh der Dienerin ihren mädchenhaften Sopran, Günter Haumer war als Chelsias Susannas gentlemanhafter Vater.

Einfühlsam trug das Consort der Wiener Akademie (Einstudierung: Peter Peinstingl) die wenigen schlichten Chöre vor, das Orchester musizierte unter der Leitung ihres Gründers biegsam, beredt, elegant und wohlerzogen: Händel in Smoking und Abendkleid, gewissermaßen. Aufgeweckte Begeisterung nach der Aufführung. (Stefan Ender, 15.12.2015)

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