"Flüchtlinge fressen Fünfjährige": Wenn Satire ernst genommen wird

15. Dezember 2015, 10:43
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In Österreich diskutiert man über die Karlskirche, in Deutschland über "Postillon"-Horrormeldungen

Satiremeldungen, die echte Nachrichten in Stil und Form imitieren, werden immer beliebter. Wo in Österreich "Die Tagespresse" mit täglich zigtausenden Facebook-Shares punkten kann, gewinnen in Deutschland das Urgestein "Titanic" und "Der Postillon" an Zugriffen. Doch nicht immer können Nutzer, denen ein Beitrag auf Facebook angezeigt wird, Satire von der Realität unterscheiden. Sichtbar wird das nicht nur in der heimischen Kampagne gegen die Karlskirche, die von der "Tagespresse" zur Moschee gemacht wurde – sondern auch in Deutschland. Dort sorgt ein Videoclip des NDR für Aufregung, in dem ein junges Mädchen über Gerüchte zu Flüchtlingen berichtet.

Nur kurzer Ausschnitt

"Eine Fünfjährige wurde gegessen. Lebendig! Vom Flüchtling! Stand auf Facebook", erzählt die junge Frau. Deren Begleiter schränkt ein, dass man nicht wisse, ob das stimme. Es ist ein Ausschnitt aus einer Reportage, in der die junge Frau später noch einmal zu sehen ist. Dort erfährt man, dass sie Arabisch lernt und mit Flüchtlingen befreundet ist. Es ist also nicht (immer) Fremdenhass, der zum Glauben von Satiremeldungen führt.

"Eine Fünfjährige wurde gegessen. Lebendig! Vom Flüchtling! Stand auf Facebook!" Ein Filmschnipsel mit diesem Zitat...

Posted by NDR.de on Saturday, December 12, 2015

Medienkompetenzen fehlen

Vielmehr orten Medienpädagogen seit Jahren eine eklatante Lücke bei Medienkompetenzen. Nutzer haben oft nicht nur Probleme, Meinungs- und Nachrichtentexte zu differenzieren, sondern erkennen sogar Satire oder Fiktion nicht. Das soziale Netzwerk Facebook überlegte deshalb sogar, Satireartikel mit einem speziellen Hakerl zu kennzeichnen. Auch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache teilte bereits Meldungen des "Postillon".

Was den NDR betrifft, gab es jedenfalls heftige Kritik daran, die jungen Menschen so bloßzustellen: "Das sind ehemalige Förderschüler hier aus dem Ort", schreibt eine Frau, "weswegen ich es auch grenzwertig finde, sie vor eine Kamera zu stellen und sich lächerlich machen zu lassen." (red, 14.12.2015)

  • Junge Dorfbewohner berichten von Gerüchten, die ihnen über Flüchtlinge unterkommen.
    foto: screenshot/ndr

    Junge Dorfbewohner berichten von Gerüchten, die ihnen über Flüchtlinge unterkommen.

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